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EIN PORTRAIT DES KÜNSTLERS ALS FAIRER KÄMPFER Es ist nichts los in der Münchner Boxfabrik an diesem späten Samstagnachmittag. Der lange Raum wirkt düster, der Ring ist leer, die vielen Sandsäcke hängen traurig von der Decke. Die Stille wird von einem schrillen Ton zersägt, zwei Minuten Training, Minute Pause. Während zur selben Zeit Muhammad Ali irgendwo in Frankfurt ist wegen seinem 34 kg schweren Bildband "Goat". Während jetzt am Ende des Raums ein Mann mit dem Training beginnt. Sandsack, Speedball, Maisbirne, Sprungseil, Tennisball. Kraftschläge, Beinarbeit, Reflexe. Während der von Parkinson schwer angeschlagene Ex-Champion vielleicht die 0,2 kg leichte CD "Hits And Misses" in der Hand hält. Während der Musikjournalist Jonathan Fischer, der die CD mit Hymnen auf Ali zusammengestellt hat, weiter auf Sandsäcke einschlägt und spürt, wie die Minute Pause immer kürzer wird. In seinem Atelier hatte Fischer erzählt, dass der Größte die Compilation tatsächlich kennt. Aus dem Ali-Tross wurde der Plattenfirma gemeldet: alle sind begeistert, auch der Boss persönlich! Der 38-jährige Hobbyboxer aber nimmt«s gelassen. Er weiß, dass der Name Ali den Erfolg bringt und nicht seine Detektivarbeit mit Partner Claas Gottesleben. Zehn Compilations hat er nun herausgegeben, Forschungsarbeiten zu bei uns wenig bekannter afroamerikanischer Musik. Und immer kommen die Journalisten, die seine gut recherchierten langen Booklet-Texte plündern und seinen Namen nur erwähnen, wenn sie extrem gute Laune haben. Beschwert er sich deswegen? Kein Ton. Sowieso neigt er dazu, aus seinen verschiedenen Arbeiten keine große Sache zu machen. Sich Künstler zu nennen käme ihm lächerlich übertrieben vor, und ebenfalls unzeitgemäß ist es, wenn er nicht glücklich darüber ist, dass er gerade einer Galerie ein frisches Bild verkauft hat. Weil er neue Bilder eigentlich eine Weile behalten will. Der Mann, der aussieht wie in amerikanischen Thrillern der Streifen-Cop - schwarze Hose, kurzärmliges blaues Hemd, 95 Kilo, 183 cm, Haare 5 mm - ist zurückhaltend freundlich und lässig, nein, eine unangemeldet aufkreuzende Freundin stört jetzt nicht. Seinen Jobs aber ist eine große Ernsthaftigkeit anzumerken. Deshalb hasst einer der dienstältesten Münchner DJs einen Kunst-Trend wie "Ironic Painting" und gibt seinen abstrakten Gemälden gern so passende Titel wie "Sonny Liston". Es war 1979 der Film "Blues Brothers" mit Auftritten von Aretha Franklin und James Brown, der dem 15-jährigen einen Kick fürs Leben verpasste. In einem popfeindlichen Haushalt mit nur einer Beatles-Single aufgewachsen, wurde er ein Jäger von Soul-Platten. Kaum hatte er das Gymnasium verlassen, trug er seine Schätze in Münchner Nachtclubs und besorgte sich ständig mehr Stoff in New Orleans oder London. "Die Fracht war immer teurer als die Platten." Was hat sich denn geändert in fast 20 Jahren? Als nicht völlig durchgedrehter Sammler verbringt er heute lieber viel Zeit mit seinen Kindern als in Geschäften; die Söhne Paul und Nick sind acht und ein Jahr alt. Und "diesen ganzen Rare Groove-Kram kriegst du heute hier und kannst es ständig in diversen Clubs hören." Das Schicksal des Pioniers: seine Berichte aus unbekannten Gebieten sind immer auch Lockruf, und so muss er immer wieder weiter. Schneller als Axel Schulz seine Basecap drehen kann, hat sich die Generation Groove vielleicht den kubanischen Hiphop geschnappt oder den Pop des Türken, von dem sie gestern nur «nen Döner wollte. Während also Fischers Zydeco-Sammlungen untergetaucht sind, möchte ihn die Firma Virgin im Moment nach Südafrika schicken, um über die Kwaito-Szene zu berichten. Das Angebot, in Los Angeles Ice-T zu interviewen, interessiert den Hiphop-Spezialisten nicht, aber diese Kwaito-Sache sehr. Auch weil er mal wieder seinen Heimat-Kontinent besuchen möchte. Der Sohn eines Pfarrers hat die ersten sieben Jahre in Südtansania verbracht. Deshalb hatte er keine Scheu, als Weißarsch die afroamerikanischen Kirchengemeinden im Süden der USA zu besuchen, um von ihrer sozialen Lage und den rockenden Gebeten zu erzählen, die er dann 2000 auf den CDs "Overcome!" versammelte. Da war aus dem jungen Mann, der "nächtelang grübelte, wo ich diese suu-per-raa-re Single auftreiben kann", schon einer der besten deutschen Musikjournalisten geworden. Ohne Ambitionen hatte er 1990 erstmals New Orleans besucht und wollte nur "aus naiver Begeisterung" mit seinen fast vergessenen Helden reden. Anne Peebles oder Rufus Thomas standen einfach so im Telefonbuch! Und packten gern aus. Er erlebte wie die Brassbands die Straßen aufheizten und dann las er in einer großen Münchner Zeitung, die Brassband-Kultur wäre: tot?! Und dann forderte ihn ein bekannter Redakteur auf, darüber zu schreiben. Heute erscheinen seine Reise-Musik-Reportagen, Interviews und Plattenkritiken in fast allen besseren Blättern und im Funk. Hat sich was geändert in diesen Jahren? "Ich hab nicht mehr diesen Respekt vor den Größen, ich meine, bei meinem zweiten Interview damals, mit Allen Toussaint, ich brachte kaum ein Wort raus." Nur die Redakteure traktieren ihn mit den immer gleichen Fragen: Warum soll das unsere Leser interessieren?! Sollen die das vielleicht verstehen?! An dieser Stelle ist der freie Journalist Fischer genervt, und es entkommt ihm plötzlich der Satz "Musikjournalismus ist doch eigentlich ziemlich poplig." Der Hintergrund wird präziser, als mir zufällig Stunden später der Redakteur eines Musikmagazins erzählt, wie einige der letzten großen Stories zustande kamen: mit schönen Grüßen von der Anzeigenabteilung. Beim Schreiben sind ihm die Musiker und ihre Lebensbedingungen wichtiger als der Sound an sich. Oder fett auf den Dancefloor gesprüht: "Du kannst dich nicht für schwarze Musik interessieren ohne den Background." Von dem er mit der guten alten, unerlässlichen Street Credibility berichten kann, vor allem seit den CDs "Black & Proud", mit denen er Geschichte und Wirkung der Black Panther Party erforschte. Man spürt, dass er sich da orientiert: den Groove verbinden mit Haltung, Stil, Bewusstsein; "da kannst du lernen, was Selbstbewusstsein heißt, der Einzelne in Konfrontation mit der Gesellschaft, aber zugleich, dass ohne Community nichts geht." Für ihn zwingend kommen also ständig weiterführende Texte, wie einerseits über den berühmtesten politischen Gefangenen in den USA, Mumia Abu-Jamal, und andererseits über die Mercedes-Titten-Dominanz im Black Mainstream. Das regt ihn auf, und Superstar Mary J. Blidge bekam das kürzlich zu spüren. Er stellte so lange so Fragen wie, ob sie denn ihren Markenartikelwahn auf ihre Fans übertragen wolle, ob irgendeine Haltung hinter ihrer Musik stehe, bis sie das Telefoninterview grußlos abbrach. Der Journalist lebt mit Kompromissen, die der Maler nicht zulässt. Der zu alt und selbstbewusst ist, um jedes Professorwort abzunicken. Für den´s langsam besser läuft, der aber noch nicht viel Kohlen ranschafft. Erst während des Philosophie-, Psychologie- und Pädagogik-Studiums hat er zu malen angefangen. Wieder der Zufall brachte ihn 1998 an die Akademie. Eine Freundin wollte sich unbedingt aber keinesfalls allein bewerben, und dann ließ sich der Professor nicht ausreden, dass die Bilder des desinteressierten Begleiters nichts mit Miles Davis zu tun hätten. "Man glaubt´s nicht, aber so läuft«s, Mann!" Und so kam er zum Boxen. Das faszinierte ihn seit der Kindheit, doch erst als die Boxfabrik einen Studenten-Kurs anbot, fasste er sich ein Herz gegen die üblichen Klischees vom Boxmilieu. Die der Reporter dort leider auch nicht entdecken kann. Früher als sonst beendet Fischer ausgepumpt sein Training um 18 Uhr, denn er hat noch eine Nachtschicht mit viel Publikum vor sich. Ein seltsamer DJ, der drei Stunden vor einem langen Job noch nicht über die Platten grübelt. Falls ihm dort jemand Prügel androht, weil er nicht "Sääx Maschien!" spielt, tritt ¤¤32 ff. StGB in Kraft: "Der Ausweisinhaber verpflichtet sich in Fällen der Notwehr oder Nothilfe auf seine Kampfsportpraxis hinzuweisen." Und daran wird er sich halten.
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