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BEAT OHNE GRENZEN
Studs Terkel hat Musiker interviewt. Auch der Filmer M.A. Littler arbeitet gern mit ihnen...
Eine Antwort für Delaney Davidson
Junge Welt, Berlin 4.10.2006
In der Frankfurter Striptease-Bar Pik-Dame war es so heiß wie zwischen den Beinen der Jungfrau, mit denen sie niemals in irgendein Paradies kommen wird. Brandlöcher in den Plüschsofas, Schmutzflecken auf den Tischdecken. Auf einem Tisch am Eingang lag ein Buch, "Studs meets music". Im Pik-Dame war es viel zu früh für Musik.
Delaney Davidson kam rein mit einem altmodischen Koffer in der Hand und sechs Jahren Gefängnis auf dem Herzen. Er wollte mit den alten Freunden an die alten Zeiten anknüpfen. Barmann Chris Hughes freute sich, ihn wieder zu sehen, aber in seinem Gesicht war zu erkennen, dass die Geschäfte nicht mehr so gut liefen wie damals. Dann kam der Boss rein, Reverend Beatman, ein geschlachtetes, gefrorenes Lamm über der Schulter, und erklärte Delaney, dass die Zeiten sich geändert hatten. Nein, es sah nicht gut aus, mit den neuen Typen, die bei den Geschäften mitmischen wollten, Gesetzlose, die die Gesetze der Gesetzlosen ignorierten.
Mit Jeroen Visser stand ich die meiste Zeit draußen vor dem Eingang. Die Huren, die auf der Elbestraße rauf und runter gingen, waren einfach gekleidet, Jeans, Shirts, Turnschuhe. Von einem Foto im Playboy so weit weg wie wir. Einige von ihnen hätte ein Arzt sofort ins Krankenhaus eingewiesen. Eine schlief zitternd in einem Hauseingang, arbeitete dann wieder ein paar Minuten. Zwei Thai-Mädchen prügelten sich. Die Männer musterten uns misstrauisch, unsere Anzüge, Vissers Augenklappe.
Irgendwann am frühen Abend merkte ich, dass das Buch nicht mehr auf dem Tisch lag, und weil bei den Dreharbeiten von Marc Littlers neuem Film "The Road To Nod" so viele Musiker beteiligt waren, dachte ich, logisch, einer von ihnen hat "Studs Terkel im Gespräch mit großen Musikern des zwanzigsten Jahrhunderts" auf dem Umschlag gelesen und es sich ausgeliehen im Kampf gegen das Warten. Ich tippte auf Chris Hughes, den australischen Schlagzeuger, der seit 15 Jahren in Berlin lebt: schwarze Haare, blaue Augen. Delaney Davidson von den Dead Brothers hatte ich nicht in Verdacht: als Hauptdarsteller hatte er in seinen wenigen freien Minuten besseres zu tun als zu lesen. Ich fand den neuen Terkel schließlich in einem Separée. Die Kamera hatte ihn leider entdeckt und aus dem Bild geräumt.
Am Hafen in Offenbach hielt Visser am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein seine Pistole an den Kopf von Reverend Beatman, dem Monsters-Sänger und Labelchef von Voodoo Rhythm Records, oder wir verfolgten Delaney Davidson und schossen auf ihn. Das Team war froh, nach drei Tagen non-stop-shooting im Pik-Dame endlich an der Luft zu sein. In den Pausen saßen Visser und ich auf Campingstühlen, die schweren Pistolen im Schoß. Ich las in der Zeitung - über den Kampf der Moslems gegen böse Bikini-Frauen und über die Musikproduktion in den Zeiten des Downloads, der, erzählte mir Reverend Beatman, sein großartiges Label tatsächlich gefährlich attackiert - und reichte Visser das Buch "Studs meets music" kommentarlos. Der in Zürich lebende holländische Musiker und Produzent würde sicher was finden. Er las mir amüsiert eine Stelle aus Studs Terkels Interview mit Dizzy Gillespie vor.
"Am Nachmittag hatten wir noch die Kids, die die Fenster der (amerikanischen) Information Agency eingeworfen hatten, zu unserem Konzert eingeladen, alle, Schüler und Studenten. Es müssen dieselben gewesen sein, die die Steine geschmissen haben. Als wir aus dem Theater auf die Straße kamen, haben mich die griechischen Jugendlichen gepackt und hochgehoben. Wegen der ganzen antiamerikanischen Stimmung dachte ich, sie wollten mich aufs Pflaster knallen. Aber es war das beste Publikum, das wir auf unserer ganzen Auslandstournee hatten. Einige riefen: Bravo, Bravo. Und ich meinte, na, das ist doch gar nicht so übel. Die Polizei musste mich runterholen. Die wollten mich gar nicht wieder loslassen. O ja, Sie wären überrascht, was Musik überall auf der Welt bewegt. Vergesst die Politiker, schickt Musiker - Jazz, Klassik, was auch immer".
Delaney kam zu uns in einem Moment, in dem wir uns für einen Einsatz bereit machen mussten. Jeroen Visser legte das Buch auf den Campingstuhl. Im Weggehen sah ich, dass Delaney Davidson das Buch in die Hand nahm und fragte: "Who is Studs Terkel?" Er sagte es im Tonfall von: "Who the fuck is Studs Terkel?" Er hatte nicht die Ruhe, auch nur den Klappentext zu lesen, und ich nahm mir vor, ihm später eine Antwort zu geben.
Der 1912 in der Bronx geborene Studs Terkel "gilt als die Verkörperung der Stimme Amerikas, als Erfinder der amerikanischen oral history. Er selbst bezeichnet sich als Guerilla-Journalist", schrieb Christiane Lembert in der Nr. 17 der Augsburger Volkskundlichen Nachrichten, und ich hole mir auch die folgenden Informationen aus dem Artikel meiner Ehefrau: mit "Stud's Place" hatte Terkel 1945 die erste Talkshow im US-Fernsehen; als Sozialist, "der sich für die schwarze Bürgerrechtsbewegung engagierte", wurde er in der McCarthy-Ära gefeuert, um dann mit seiner Chicagoer Radiosendung "Studs Terkel Show" berühmt zu werden. "Meine Lehrer waren die Arbeiter und die Arbeitslosen in der Pension meiner Mutter", sagt der studierte Jurist. Auf dieser Basis holte er sie alle, 45 Jahre lang, vor sein Mikrofon und veröffentlichte Bücher wie "Giants Of Jazz", es war sein erstes, "Hard Times. An Oral History of the Great Depression" oder "Working People Talk About What They Do All Day and How They Feel About What They Do".
Solche Radiosendungen oder Discjockeys wie Studs Terkel werden heute kaum noch gebaut. Der Mann, der nicht eine bestimmte Musik, sondern die Musik liebt. Seine Gesprächspartner waren Opernsängerinnen, Bluessänger, Komponisten, Sitarspieler, Jazzpianisten, Impresarios, genauer gesagt, Birgit Nilsson, Andrés Segovia, Leonard Bernstein, Louis Armstrong, Alan Lomax, Woodie Guthrie oder Janis Joplin. Als er Bob Dylan 1963 interviewte, überlegte man bei Columbia Records, ob man ihn gleich wieder feuern sollte. Eins von zwei Dutzend Gesprächen, die viel besser sind als die meisten Gespräche über Musik, die man kaum anhören und lesen sowieso nicht kann. Allein schon, weil sich sowas wie ein Fragenkatalog mit der grenzenlosen Leidenschaft von Studs Terkel nicht verbinden lässt. Man spürt, dass die Künstler ihn akzeptieren, weil er ein großes Wissen hat, Neugier und eine Höflichkeit, ohne zu kuschen. Bob Dylan ist erstaunlich gesprächig, herausgelockt von Terkels Improvisationen, und sicher von seinem Humor.
Dear Delaney, wie soll ich sagen, wenn die letzte Klappe jetzt gefallen und Parrish erledigt ist, vielleicht während der anstehenden großen Dead Brothers-Tournee, könntest du das Buch lesen. Vielleicht geht´s dir wie mir: als ich es in die Tasche packte, war ich mir sicher, das Buch vergesse ich irgendwo. Wenn du es mir geklaut hättest, wäre das natürlich auch ein schöner Schluß hier.
Studs Terkel: Studs Meets Music.
Übersetzt von Kristian Lutze. 240 S., gebunden. Kunstmann Verlag, München 2006.
M.A.Littler: der nächste Film "The Road To Nod" (mit den erwähnten Akteuren) wird irgendwann 2007 anlaufen. Der neue Dokumentarfilm "Zownir - Radical Man" ist ab Februar 2007 in speziellen Kinos zu sehen. Mehr Informationen: slowboatfilms.com
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