/// Texte
GLEN SHERLEY
Sträfling, Sänger, Selbstmörder
Ein Hörspiel, ein Album und ein Comic erinnern an den Vergessenen
Junge Welt, 1.9.2006
Als Glen Sherley sich am 11. Mai 1978 in Gonzales, Kalifornien, mit einer Schusswaffe aus dem Leben beförderte, war er nur noch einer von vielen Kratzern in der Hochglanzgeschichte der populären Kultur Amerikas. Dann begraben auf der Nachtseite der Countrymusik. Ein paar Singles, ein Album, eine Anekdote. Ein Spezialhobby für besonders eifrige Johnny Cash-Fans. Und für Leute mit einem Gespür für gute Geschichten.
Natürlich steht die Sherley-Story jetzt im Fahrwasser der irren Cash-Begeisterung, die der Film "Walk The Line" hervorgerufen hat. Obwohl der Film Glen Sherley links liegen läßt und nur den Namen für eine halbe Sekunde einblendet, als Absender auf einem Brief.
Glen Sherleys berühmte Viertelstunde begann 1968, als Johnny Cash dem Sträfling im Gefängnis von Folsom die Hand reichte und seinen Song "Greystone Chapel" spielte, den ihm der Gefängnispfarrer in der Nacht zuvor übergeben hatte. Verewigt auf dem berühmten Album "Johnny Cash at Folsom Prison".
Ohne diesen größten Moment in diesem missglückten Leben würde es das Hörspiel "Hello, I'm Glen Sherley", das heute um 22.05 Uhr auf Radio Bremen Premiere hat, nicht geben, schreibt Autor Ludwig Fels im Prolog. Bester Stoff für einen Autor, der große Romane über die härteren Seiten des Lebens geschrieben hat, zuletzt die "Reise zum Mittelpunkt des Herzens". Fels inspirieren die wenigen Fakten zu einem "traurigen Country-Märchen und einer Liebesgeschichte aus dem amerikanischen Strafvollzug". Aus Sherleys Schreiber-Talent und seinem unglaublichen Erfolg, von Countrystar Cash interpretiert zu werden, entwickelt sich ein hassvolles Duell mit seinem Wärter: Sherley schreibt für ihn Liebesbriefe und der Wärter unterstützt dafür den Kontakt Sherleys mit seiner Verlobten. Verdammt, man ist irgendwie aufeinander angewiesen.
Aus einer Cash-Anekdote, die schon immer von der düsteren Sherley-Story abgelenkt hat, macht Fels eine wahrhaftige, bittere Knast-Ballade: Sherley erlebt mit dem Konzert den glücklichsten Tag seines Lebens - und wird vom Wärter tödlich gedemütigt. Townes Van Zandt-Fan Fels hat einen großartigen Looser-Song geschrieben, purer Soul aus dürren Fakten, angemessen inszeniert von Christiane Ohaus; die Sounds von Sherley und Cash sind mit der Musik von Sabine Worthmann schön verschmolzen.
Auch in Reinhard Kleists Cash-Comic-Biografie "I See a Darkness", die Ende September bei Carlsen erscheint, ist Glen Sherley der Drehpunkt, er erzählt als Fan die Cash-Geschichte, die im Gefängnis von Folsom 1968 ihren Höhepunkt erreicht. Und auch bei Kleist ist Sherley kein Gimmick, sondern wird sozusagen rehabilitiert: der alte Cash erzählt dann die Sherley-Story. Verbunden mit den unheimlichen Fragen, warum Sherley nach seinen vielen Knastjahren aus seinem kleinen Erfolg nichts machen konnte, und ob ihn die Nähe zum mächtigen Star behinderte, der ihm zu einer eigenen Platte verhalf und ihn zu fördern versuchte.
Hörspiel und Comic gehen mit Glen Sherley weit über das Abfeiern der Ikone Cash hinaus: Verdammt, gibt es womöglich so eine Looser-Verfassung, die durch nichts zu überwinden ist? Hatte ein White Trash-Arsch wie Sherley, der im Gegensatz zu Cash kein talentierter Geschäftsmann war, eine Chance? You can't win - er hatte seine Chance, aber er konnte sie nicht nutzen. Man weiß nicht, wem man die Schuld geben könnte. Auch deswegen ist die Story eben so gut.
Glen Sherleys einziges Album, "Live at Vacaville, California", vom Häftling im Knast aufgenommen, 1971 erschienen und seit langem schwer erhältlich, wird jetzt von Bear Family Records wieder veröffentlicht. Colin Escott breitet im Booklet die wenigen Fakten aus: Sherley, geboren 1936, landete nach mehreren bewaffneten Raubüberfällen und Inhaftierungen 1967 in Folsom mit einer Strafe von fünf Jahren bis lebenslänglich. Begleitet von Western Swing-Killer Spade Cooley, der für die brutale Ermordung seiner Ehefrau einsaß, schrieb er Songs. Cash setzte sich nach dem Konzert bei Gouverneur Ronald Reagan für seine frühzeitige Entlassung ein. Cash und Eddie Arnold pushten seine Songs. Cash pushte die Platte, nahm den Entlassenen bei sich auf, sie gingen in Talkshows und auf Tournee.
Warum sich die Spur 1974 verliert, scheint niemand zu wissen. Sherley verschwand aus dem Showbusiness und arbeitete auf einer Rinderfarm. "Life outside jail wasn't what he had expected, things were not going well", schreibt Escott. Dann der Selbstmord. "Eine Weile hast du gedacht, du würdest es schaffen, mit deinen Songs die Sehnsucht im Zaum zu halten oder, wenn es hart auf hart ging, mit Drogen. Aber es hat nicht geklappt", schreibt Ludwig Fels im Hörspiel.
Was wir wirklich von Glen Sherley haben, ist nicht mehr als eine sehr gute Platte, mit Underground-Hits wie "Looking Back in Anger", "Mama had Country Soul " oder "F.B.I. Top Ten". Das wehmütige Geheul des Sträflings und der Stolz des Verbrechers. Den Hut gezogen, mit Herbert Achternbusch gesprochen: er hatte keine Chance, aber er nutzte sie.
Ludwig Fels: "Hello, I'm Glen Sherley". Hörspiel, Radio Bremen, 1.9., 22.05. Regie: Christiane Ohaus. Mit Wolfgang Kraßnitzer, Hans Peter Hallwachs, Kathrin Angerer, Martin Engler, Rainer Schöne u.a.
Glen Sherley: "Live at Vacaville, California". CD, Bear Family Records. Mit Chip Young, Bobby Thompson u.a. Reinhard Kleist: "I See a Darkness". Eine Johnny Cash-Comic-Biografie, Carlsen Verlag.
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