FRANZ DOBLER

Franz Dobler

/// Texte

AUS DER HÖLLE

Zum Tod von Schriftsteller Hans Frick

Frankfurter Rundschau, 5.2.2003

"Die Lesungen in Frankfurt (im völlig überfüllten Jazzkeller mit MANGELSDORFF) und in Stuttgart waren gut", schrieb der Frankfurter Schriftsteller Hans Frick im September 1977 an den Presse-Chef des Bertelsmann Verlags, wo gerade sein neues Buch erschienen war.

"Die Blaue Stunde" war der autobiografische Bericht des 1930 geborenen über seine Jugend im Frankfurt der Nazi- und Nachkriegsjahre und über das elende Leben seiner Mutter. Sie wohnten in der Ginnheimer Straße, dann in der Lahnstraße, und überall wurde die Mutter als "dreckige Judenhure" beschimpft, weil sie ein uneheliches Kind von einem jüdischen Kunsthändler hatte. Der Halbjude Hans Frick wuchs mit der Angst auf, die Nazis könnten ihn jederzeit abholen (und er wusste, was sie mit den Juden machten). Sein Blick auf die deutsche Gesellschaft sollte nie versöhnlich werden. Der zentrale Satz in seinem Debüt-Roman "Breinitzer oder Die andere Schuld" (1965) lautet: "Sie haben es getan und sie werden es jederzeit wieder tun, wenn es ihnen gestattet wird". Frick erzählte die Geschichte eines ehemaligen KZ-Arztes, der im Wirtschaftswunder-Deutschland vergeblich versucht, sich selbst für seine Verbrechen vor Gericht zu bringen. Es ist einer der besten Romane nach ´45, ein Alptraum, brutal, quälend. Erich Maria Remarque schrieb eine Hymne im Spiegel.

Die Bücher von Hans Frick wurden zurecht immer wieder mit Kafka verglichen, sprachlich, thematisch. Seine Romane sind düstere, verzweifelte Ausflüge in die Hölle, "Der Plan des Stefan Kaminsky" (1967), "Mulligans Rückkehr" (1972); sie wurden ergänzt von tatsächlich schonungslos autobiografischen Arbeiten: nachdem sein kleiner Sohn von einem Auto totgefahren wurde schrieb er "Henri" (1970), kurze Zeit später das "Tagebuch einer Entziehung" (1973). Allein mit dem Roman "Dannys Traum" (1975) schrieb Frick etwas irgendwie leicht lesbares - und hatte sich doch als Autor (verlegt bei Rütten & Loening, Luchterhand, Rowohlt, Steinhausen) etabliert, als er damals, 1977, mit Albert und/oder Emil Mangelsdorff (er war mit beiden befreundet), den Jazzkeller füllte, während der Regisseur Helmut Käutner gerade "Mulligans Traum" angemessen großartig verfilmt hatte mit Helmut Qualtinger in der Hauptrolle.

Die persönlichen Dämonen waren stärker als der Erfolg, und vielleicht war der Selbstzweifel Fricks stärkster Gegner. Als er sich mit zwei Flaschen Cognac pro Tag fast ums Leben gesoffen hatte, stellte sich die Frage: schreiben oder leben? Er hat es immer abgelehnt, Literatur als etwas zu betrachten, das von einem Autor erfunden wird. Sein letzter Roman "Die Flucht nach Casablanca" erschien 1980 und erzählte von einem ehemaligen Boxer, der in seiner unbezwingbaren Alkoholsucht von einem neuen Leben weit weg von Deutschland träumt - da hatte sich der ehemalige Boxer, Vertreter und Arbeiter Frick, der die Literatur auf keinem Gymnasium kennen gelernt hatte, mit seiner zweiten Frau Karin schon nach Spanien verzogen. Seine kleine Mansardenwohnung in der Morgensternstraße behielt er bis zuletzt. Als ich ihn dort im Herbst 2001 besuchte - er kam einmal jährlich nach Frankfurt, um diverse Krankheiten behandeln zu lassen - erzählte er vom Glück, dass er mit dem Schreiben aufhören und dann Häuser renovieren konnte. Er war nicht unglücklich oder überrascht, dass sein Werk so gründlich vergessen ist. Ich redete mich in Rage, war das vielleicht keine Schande! Und Jesus, wenn man sich die Autoren seiner Generation so anschaute... Er winkte ab.

Kurz bevor er sich für das Überleben entschied, hatte Frick eine Neufassung seines ersten Romans geschrieben. Als "Breinitzer" 1979 erschien, schrieb Jörg Fauser (der dem Autor erst später einmal begegnete) dies: "Ich weiß, daß es in meinem Land nur einige wenige Schriftsteller gibt, die das Papier wert sind, auf dem ihre Bücher gedruckt werden. Einer von ihnen ist Hans Frick".

Hans Frick starb nach Monate langem, schweren Leiden am 3. Februar 2003 im Alter von 72 Jahren in einem Krankenhaus in Huelva, Spanien.

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