FRANZ DOBLER

Franz Dobler

/// Texte

Nachwort zu: Jörg Fauser

Trotzki, Goethe und das Glück. Gesammelte Gedichte und Songtexte. Alexander Verlag, Berlin 2005.

Jörg FauserDER BLUES GEHT NICHT WEITER

Der Autor stürmt in sein Zimmer, in jeder Hand eine Pistole, er feuert ununterbrochen und dreht sich schreiend im Kreis, schießt seine Gedichte ab, ständig taucht ein neues auf, aus dieser Ecke oder hinter ihm, und jedes, das er nicht trifft, könnte ihn umbringen.

"Mit dem Schreiben verband sich für ihn ein tiefsitzendes Gefühl von Errettung; nur für das Schreiben lohnte es sich, clean zu werden", erzählte Wolf Wondratschek (1).

Geht man den Weg zurück zum Anfang der deutschen Popliteratur, entdeckt man also einen Mann, der Gedichte schrieb, um sein Leben zu retten - nicht um die Zeit totzuschlagen, nicht um ins Fernsehen zu kommen, nicht um etwas Glanz über´s Germanistikstudium zu kippen, nicht um was Besonderes zu sein. So einfach kann die Antwort sein auf die Frage, warum schreiben Sie? Und irgendwo dort draußen sitzen jetzt welche und sagen sich, genau, das werde ich antworten, wenn ich wieder gefragt werde, das klingt doch ganz schick, und ich habe doch auch schon geblutet, geschwitzt und geweint.

Papier ist geduldig. Aber nicht alle Leser sind blöd.

Eine ältere Dame sitzt in Kostüm und mit Hütchen auf dem Kopf und ihrem Hündchen in einem Cartoon, den ich weiß nicht wer gezeichnet hat, an einem von Bäumen umringten See in einer einsamen Gegend und tippt in ihren Laptop lächelnd eine unglaublich brutale Mordszene.

Die Gedichte sind die Werke von Jörg Fauser, in denen er am deutlichsten zu erkennen ist. Das sagen auch alle Zeugen. 'Die Harry Gelb Story' ist das Flüstern und Schreien einer verzweifelten Seele, und das ist keine Pose, nichts Erfundenes. Er war mit zwanzig in England und verkehrte mit Anarchisten, er hatte als Krankenpfleger gearbeitet, sich in Istanbul auf dem Tod seine Schaufel gehockt, war eine Randfigur der 68er-Bewegung, fand nirgendwo seinen Platz, ein ehemaliger Junkie, der mit Schnaps und Bier dagegen ankämpfte und am Frankfurter Flughafen arbeitete oder als Nachtwächter, als 1973 das Buch erschien und alles rauserzählte, mit einer Atmosphäre von Ihr-kriegt-mich-nicht und Fuck-Off-Welt im Hintergrund. Am Ende der Vergangenheit der Stand der Dinge: "Geruch nach Gulasch und Pisse und Hinterhof / City / die sich in den Wind schießt / nicht die Spur einer Möse / immer der gleiche Schmant auf dem Teller / jemand sagt das bist du / deine Zigarre zu vierzig und dein Pint zu Null / krepierte Fliegen im Schnapsglas..."

"So grobe Brocken schrieb keiner, er stand ja absolut an der Wand, aber er hatte auch diesen absoluten Überlebenswillen", sagt Benno Käsmayr, in dessen Maro Verlag im Jahr davon schon 'Tophane' erschienen war; und "wenn Bukowski bei Maro, dann auch Jörg Fauser, das war keine Frage". Der Dichter war seinen Gedichten so nah, dass der Verleger bald nichts mehr zu tun haben wollte mit diesem groben Brocken, der sich nicht benahm, als würde er nicht an der Wand stehen.

"1972/73, fing wieder an Gedichte zu schreiben um aus dem Avantgarde-Cut-Up etc Kreis zu kommen, Einfluß Bukowski", schrieb Jörg Fauser Jahre später in einem Lebenslauf (2).

Die Situation beförderte einen Sound, der das Aggressive und Kaputte von Iggy Pops Band The Stooges in die Literatur brachte. Von einer gewissen Rohheit und Einfachheit in der Kunst wird gern geglaubt, anerkennend oder verächtlich, so sei das Zeug eben einfach aus dem Bauch rausgekommen, wer nichts kann, spielt eben so irgendwie Free Jazz, Punkrock oder schreibt "fuck poetry" in sein Gedicht - auf diesem Holzweg herrscht dichter Verkehr. Der Sohn einer Schauspielerin und eines Malers, der in der Nazizeit Berufsverbot hatte, war literarisch gebildet. Als Junge schrieb er kriegerische Dramen und las die Klassiker, die im Regal standen, von Shakespeare bis Hamsun. Man musste sehr literaturinteressiert sein, wenn man, mit 18, die neue amerikanische Welle so früh mitbekam. "Ohne die Beats, die ich ab 62 las, wäre ich vielleicht gar kein Schriftsteller geworden, sondern Journalist" (2).

Seine Favoriten waren Jack Kerouac und William S. Burroughs, und einen besseren Schnittpunkt für Reisen, Schreiben, Drogen, In-Sein und anti-bürgerlich gab es nicht. Nach den ersten Gedichten orientierte er sich an Burroughs: er war Junkie, er schrieb darüber, er war das Symbol der "Avantgarde-Cut-Up"-Literatur. Die Schreibmethode Cut-Up bedeutet, verschiedene Texte zu zerschneiden und neu zusammenzubauen, eine Collage-Technik, die das lineare Erzählen ersetzt. Es ist eine gute Methode, um einen Eindruck zu vermitteln, was in einem von Drogen angefeuerten Gehirn passiert, und auf die Art schrieb Jörg Fauser sein erstes Buch 'Tophane'. Er gehörte in Frankfurt zu einer Gruppe um Jürgen Ploog und Carl Weissner, in der an diesen literarischen Sprengsätzen gebaut wurde, sie gaben das Magazin Gasolin 23 heraus.

"Ich war der Außenseiter, der auch bei den Außenseitern auf der Außenseite saß", schrieb Jörg Fauser später in seinem autobiografischen Roman 'Rohstoff' dazu, in dem er seinen Harry Gelb in diese Jahre um 1968 zurückschickte. Der fand auch das heraus: "Das ist aber noch nicht oft vorgekommen ... , daß du eine halbe Flasche Beck's und eine einsame Frau in der Kneipe zurückläßt, nur um noch an einem Gedicht zu arbeiten."

Am Ende seiner Cut-Up-Tests wusste er, dass die Methode für ihn nicht passte, zu kunstfertig und weit weg von seinem Leben war. Und er wusste, dass man es damit nicht zum professionellen Schriftsteller bringen konnte. Und die Szene des literarischen Undergrounds mit seinen Heftchen gefiel ihm kaum besser als der etablierte Literaturbetrieb oder damals die 68er-Gruppen.

Von den Drogen zum Alkohol, vom exotischen Ort zur Straße vor dem Fenster, vom Experiment zum realistischen Gedicht: genau diese Bewegung zeigt 'Die Harry Gelb Story', eine Serie von literarischen und autobiografischen Dokumentarfotos.

Der geplante Titel 'Der kaputte Kontinent' wäre ein typischer Cut-Up-Titel gewesen (3), der Story-Titel war was Handfestes, wie die einzelnen Comic-Bilder ("KRASH!"), wie die Fotos (ein Penner, eine Kneipe, Kerouac oder Humphrey Bogart), die eine gewisse düstere Actionfilm-Atmosphäre verstärkten, und wie die Orientierung an Charles Bukowski, der bei der Post arbeitete und weder Beat noch Hippie noch braver Bürger- oder Akademiker-Literat war.

Als Bukowski in Deutschland bald heiß geliebt wurde als Poet von unten und eine Art Anti-Walser - man darf also von einer guten alten Zeit sprechen - interviewte ihn Jörg Fauser für den Playboy, und Bukowski schrieb nach Fausers Tod im Juli 1987 ein langes Gedicht über ihn. Ich würde was zitieren, wenn meine Archivhilfe die vier kopierten Faxblätter finden würde, ich werde sie feuern, es heißt 'Joe', der Alte ist bestürzt, dass es den Seelenverwandten aus Deutschland so jung erwischt hat. Verbunden waren die beiden durch ihren Freund Carl Weissner, den großen Hintermann der Deutsch-Amerikanischen-Literaturbeziehungen, der für 'Die Harry Gelb Story' ein Vorwort schrieb. Das war der Ton: "Die Gutenberg Galaxy ist verschissen, das steht fest". Fausers "Klartext-Gedicht" propagierend, attackierte er die etablierte, aber auch die Nach-68-Literatur als Reformhaus, in dem es nichts mit "Pep und Kalorien" gäbe und die noch "nie so unheilbar gesund" gewesen sei. Er machte Grass und Rühmkorf mit Zitaten lächerlich und kippte Häme über die Dichtungswortführer, die schon damals "über die leidige Überfremdung der deutschen Sprache durch Amerikanisierung" diskutierten.

Es war die Rückendeckung für einen Autor, der nichts so sehr wollte wie ein Schriftsteller sein und dennoch vor dem Literaturhaus keinen Diener machte. Die Kritik hatte er gleich selbst hingedichtet: "Wein, Wodka, draußen die graue Kälte, Sick City, marodes Hinterland, Suizid ganz banal, Jörg Fauser schreibt wieder unverständliches Zeug, nicht tief, nicht kritisch, nicht deutsch genug, trister Typ, der kaum was bringt außer abgekauten Erinnerungsfotos".

Ich war fasziniert, aber sie erschreckte mich auch, 'Die Harry Gelb Story', mit der ich Jörg Fauser kennenlernte. Ich war 20 und wollte Schriftsteller werden und wusste nicht viel von dem gerade gehaltenen Vortrag, außer dass ich etwas Kerouac und mehr Bukowski gelesen hatte. Die wichtigeren Entdeckungen waren Oskar-Maria Graf oder Achternbusch, weil sie aus der Nähe und vertrauter waren als die amerikanischen Traumgestalten und ebenso klarstellten, dass die Literaturwelt größer war als die in der Schule mitbekommene. Aber ich kannte nichts (und das änderte sich auch nicht, als ich mit Brinkmann, 'Acid' oder Fichte das Gebiet kennenlernte), das diesen Klang einer wütenden Rockgitarre hatte, das war unglaublich, so konnte sie also auch sein, die deutsche Lyrik, und das scheinbar so Hingerotzte war wie ein Schlag auf die Schulter. Ich glaube, es war 1980, und diese Stimme war Punkrock vor Punkrock, sie war Gefühl und Härte, sie war so nah und sie behauptete nicht, was Besseres zu sein. Oder war es eigentlich doch nur typisch 70er-Rockscheiß, wie ein Mädchen meinte, Rumhängen, dreckiges Geschirr, immer Genöle, besoffen Ficken wollen mit ungewaschenen Eiern? Das war´s auch, und so viel geändert hatte sich auch wieder nicht. Nur auf den ersten Blick hatte Jörg Fauser was von dem verachteten Hippie, er war nicht ausgeflippt, sondern wütend, ein Einzelgänger voller Zweifel und Misstrauen.

Was mir Angst machte, war die Härte. Konnte es nicht etwas leichter sein, wenn man ein Underground-Dichter sein wollte? Musste man erstmal Heroin nehmen, durfte man weniger Probleme mit Freundinnen haben? Warum schrieb einer und was sollte damit passieren? Die Abenteuer des traurigen Helden Harry Gelb machten mir klar, dass ich nur aus Feigheit in den Universitätsgängen herumlungerte und dass das kein würdiges Verhalten für einen Schriftsteller war. Schreibende Studenten gab´s schon genug und an Büchern in ordentlich geschulter Akademikerprosa würde kein Mangel herrschen.

Inzwischen war der Autor (natürlich, hätte ich jetzt fast hinzugefügt) längst woanders, hatte schon geschrieben: "Mir hängt meine Art subjektiver Schreiberei eigentlich allmählich zum Hals raus, aber ich glaube, man muß sie erst herauswürgen, um in andere Bereiche vorstoßen zu können" (4). Ich erfuhr das durch eine seltsame und komische Gleichzeitigkeit, denn während sein erster Gedichtband in meinem Kopf aufräumte, erschien sein erster Kriminalroman; ich entdeckte das traurig-wütende Geheul eines mit dem Rücken zur Wand stehenden Dichters, der mit dem 'Schneemann' gerade den sogenannten Durchbruch feiern konnte.

Auch ein Cartoon: dem geliebten Gossenpoet knallt ein erbarmungsloses Verrat! entgegen, wenn er aus seiner Ecke kommt.

Aber ich war begeistert von diesem Weg, und dass die alte Haltung dabei nicht verloren gegangen war, der melancholisch-pessimistische Grundton, die Außenseiter, die gegen ein behäbiges, gefräßiges, dröges Deutschland zu punkten versuchen; ein Autor, der die Straßen im Blick hatte und ihre möglichen Geschichten und einen Sinn für Action und einen feinen Stil; intelligente Unterhaltung: tippt sich heute nicht mehr so leicht.

Zwischen der 'Harry Gelb Story' und dem 'Schneemann' schrieb Jörg Fauser in einem Essay über Hans Fallada (von dessen erstem Pseudonym er sich den Namen Harry holte) seinen berühmten Satz, dass eine Literatur, die nicht bei denen bleibe, die unten sind, gleich als Party-Service anheuern könne. Er gab sogar einen Schuss Selbstironie zu diesem Satz, weil er wusste, dass die Literatur selten dort unten ankommt, auch wenn sie´s noch so sehr will. Mit dem zweiten Teil der Herausforderung war es einfacher: er schrieb nichts, womit er beim Party-Service der Hochkulturliteratur hätte landen können. Er wusste, wie man sie kriegen konnte: er nannte sich Geschäftsmann (obwohl er in seine Erzählungen und Romane soviel Poetisches schrieb wie kaum einer). Er war stolz darauf, sich als Profi zu sehen, der sich durch die 70er-Jahre gearbeitet hatte mit Essays, Hörspielen, einer Marlon Brando-Biographie, Gedichten, Artikeln, Erzählungen, Kolumnen.

Es war nie die Vielseitigkeit, die mich beeindruckte, sondern dass er in jeder Form spürbar alles aus sich rausholte, um einen Glanz zu schaffen, seine Haltung immer zeigte und sich in jeder Form die nötige Freiheit nahm. Der sich lieber als Arbeiter sah, schüttete in einer Buchbesprechung sein Herz aus; er sagte auch "eine gute Erzählung ist mehr wert als 1000 Seiten Tip oder Spiegel", aber da hatte ihm jemand seine Freiheit eingeschränkt und er ging weiter mit einem "screw them" (2). Selbst - wieso: selbst? - in Gedichten hat er sie angegriffen, die Kulturverwalter und Gruppenausbilder und Feuilletonbürokraten, die "Kultur als Käsestulle" mitessen. Da passt es, dass er nie in die erste Reihe der deutschen Nachkriegsliteratur gestellt wurde (von denen, die das so hinstellen können), unter den Autoren der nächsten Generationen aber einen so starken Ruf hat.

Zum Profi gehört das Geldverdienen, nicht jeder Literaturarbeiter ist Lehrer oder hat Eltern oder eine Frau, die das erledigen. Mit den Gedichten konnte der Profi Jörg Fauser, der nie einen Literaturpreis oder ähnliches bekam, nicht durchkommen, auch wenn er damit reinkam in die bekannten Anthologien mit Gedichten der Zeit, abgelegt unter Begriffen wie "Alltagslyrik" oder, besonders behämmert, jene "Neue Innerlichkeit", gegen die er ja feuerte ("wenn andere nichts zu sagen haben & schon den inneren Staub aus ihren Gebetsmühlen & Geranientöppen als Literatur verkaufen berührt mich das nicht") (1). Als er nach dem ersten Gedichtband anfangen konnte, mit Schreiben sein Geld zu verdienen, blieb neben den Aufträgen, haben Penzel/Waibel für ihre großartige Biografie recherchiert, oft keine Zeit für Gedichte. Kaum zu glauben, so entstand also 'Trotzki, Goethe und das Glück'. Danach waren fast alle herausgewürgt. Die folgenden Song-Texte waren eher Profiarbeit.

Als sein erster Verleger Benno Käsmayr 'Die Harry Gelb Story' wieder auflegen wollte, traf er einen anderen Autor, der grobe Brocken lag zehn Jahre zurück. "Jörg Fauser war nicht besonders begeistert, hat sich auch nicht geschmeichelt gefühlt, es war eben so okay. Aber es war ihm wichtig, dass jetzt ein richtiger Vertrag gemacht wird".

Ich bin kein großer Lyrik-Leser, das Gereime oder der gespreizte Ton, der sich wieder durchgesetzt hat, ob Slam Poetry oder Neues Elitesprech, das meiste geht mir auf die Nerven. Aber 'Trotzki, Goethe und das Glück' ist, vor dem Roman 'Rohstoff', mein Lieblingsbuch von Jörg Fauser, genauer gesagt, ist eines meiner speziellen Bücher. Was in der 'Harry Gelb Story' angelegt war, ist hier vollendet. Die Tür eingetreten, auf den Erfahrungen aufgebaut, die Welt, den Tod, den Blues angenommen.

Es ist in meiner Nähe, wie bei anderen die Bibel, ein Trost- und Ratbuch. Fotoalbum, Landkarte, unser Land, die Kneipe um die Ecke. Waffe, Würde. Seele und Soul. Das Vergebliche, der Mut. Sprachbuch, Präzisionsarbeit. Ich lese darin, um zu lernen und wenn´s mir schlecht geht. Glanz und Elend der Liebe, Glanz und Elend des Schreibens. Ein Gesangbuch, durchzogen von einem wummernden Blues.

Könnte mir jemand in den Sarg legen.

  • In: 'Ploog Tanker'. Texte von & zu Jürgen Ploog. Rohstoff Verlag, Herdecke 2004
  • In: 'Fauser O-Ton'. CD/Booklet. Trikont, München 1997
  • In: Matthias Penzel/Ambros Waibel: Rebell im Cola-Hinterland: Jörg Fauser, die Biografie. Edition Tiamat, Berlin 2004
  • In: 'Ich habe eine Mordswut'. Briefe von Jörg Fauser an die Eltern 1957-1987. Paria Verlag, Frankfurt a.M. 1993

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