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WARTEN AUF DEN LETZTEN ZUG
"A Hundred Highways":
letzte Aufnahmen von Johnny Cash.
Frankfurter Rundschau, 27.7.2006
Jetzt sieht es langsam so aus, als hätten wir es mit einer Seuche zu tun. Ich spreche nicht von den vielen Flaggen, die, wie vermutet, draußen bleiben. Stimmt, da ist Seuche der falsche Ausdruck für den harmlosen Virus Cashmania.
Im Supermarkt begleitet mich Joaquin Phoenix´ Titelsong von "Walk The Line", der Film, der Cashmania ausgelöst hat, und im erworbenen Magazin ist die aktuelle Medikamentenliste für alle Infizierten aufgelistet: Ausgrabungen, Wiederveröffentlichungen, neue Tribut-Alben, Bücher und Best-Of-Compilationen, DVDs, Klingeltöne und, sagt mein erfahrener kleiner Finger, Raubpressungen. In der Zeitung eine Meldung, dass der Virus auch schwer aufs Gehirn schlagen kann: Barry Gibb von den Bee Gees kaufte das Cash-Haus in Hendersonville "because of the musical inspiration". Ob er mit der "Johnny Cash Prepaid MasterCard" bezahlte, ist nicht bekannt. Andere spielten noch besser mit Worten: der Werbespott für eine Hämorrhoiden-Salbe war mit "Ring Of Fire" unterlegt (und wurde leider von einem Gericht gestoppt).
Lasst uns noch einen Blick in die Zukunft riskieren. Keine Angst, nur auf den speziell deutschen Stoff. Im Herbst kommt ein Buch von Michael Streissguth über das Konzert von "Johnny Cash At Folsom Prison", eine umfangreiche Comic-Biografie von Reinhard Kleist und ein Hörspiel von Ludwig Fels auf Radio Bremen. Und fast hätte ich's vergessen! Kurz vor Drehbeginn steht die Fernsehproduktion "Meine Abenteuer mit dem Man in Black", mit Gunter Gabriel unter der Regie von Sönke Wortmann und dem Soundtrack von Texas Lightning - Moment, das stimmt jetzt nicht, mir ist schwindlig, ich bin krank.
Es hatte auch ein wenig mit dieser Cashmania zu tun, dass ich das neue Album "American V: A Hundred Highways" erstmal tagelang nicht hören konnte. Vor allem aber hatte meine Scheu mit dem zu erwartenden Inhalt zu tun.
Nach dem Tod von Johnny Cash am 12. September 2003 erklärte Produzent Rick Rubin, sie hätten seit dem Erscheinen von "American IV" und dem "Hurt"-Video noch 60 mehr oder weniger fertige Songs aufgenommen, nur den Gesang, ohne Band. Da war Cash schon fast blind, saß im Rollstuhl, litt unter verschiedenen Krankheiten, konnte nicht mehr Gitarre spielen, und war dann nach dem Tod seiner Frau June Carter im Mai auch seelisch schwerstens angeschlagen (was einen großartigen Galgenhumor in den letzten Interviews jedoch nicht verhinderte). Zu dieser Zeit ging es weniger darum, noch ein neues Album zu haben, erzählte Rick Rubin jetzt dem Independent, sondern um den "therapeutischen Wert von Musik"; ein Gitarrist, um dem Sänger Halt zu geben, und ein Toningenieur waren immer auf Abruf bereit; und er habe gewusst, "we need to keep this process going because this is what's keeping him alive".
Seit ich meinen Eltern beim Sterben zusehen konnte - bei mir bitte schneller arbeiten, Herr Sensenmann! - habe ich großen Respekt vor Grabgesängen. Es war in tiefster Nacht, als ich endlich bereit war für einen düsteren Ausflug. Der beginnt mit den Worten: "Oh Lord, help me to walk another mile, just one more mile, I'm tired of walking all alone. Oh Lord, help me to smile another smile, just one more smile, don't think I can do things on my own". Zuhören wie sich das Ende anfühlt und anhört.
Im letzten Song, den Johnny Cash schrieb, "Like The 309", machte er sich ein Bild vom Tod. Es ist nicht der Sensenmann, auch keine verdammt gut gebaute "Lady Death", wie sie von Charles Bukowski in seinem letzten Roman erträumt wurde, sondern ein präzises Symbol für die Realität. Er wartet auf "Dr. Death". Bis zu seiner Ankunft wird er sich "fine" fühlen, dann möge man ihm den letzen Wunsch erfüllen: "then load my box on the 309", der Zug 309 möge seinen Sarg ins Jenseits befördern, singt er, von schlechter Laune keine Spur; der Christ - der immer betonte, kein "christian artist" zu sein - erlaubte sich auch sonst kein Hadern mit Gott.
Damit (und mit Hank Williams´ Beerdigungs-Ballade "On The Evening Train") war ein Kreis geschlossen: auf seiner ersten Single 1955 sang der Ex-G.I. in "Hey Porter" von der Freude, endlich mit dem Zug nach Hause zu kommen.
Alle Teile der "American Recordings"-Serie sind stark von Songs über Sterben und Tod geprägt, einige mit einem tiefschwarzen Humor. Aber es ist ein Unterschied, ob ein alter Sänger auf den Bühnen von Glastonbury bis Austin Grabgesänge interpretiert - oder ob er dabei schon mit beiden Beinen im Grab steht. Gegen diese Stimmung kommt kein Song an, jeder wird von diesem Sänger vereinnahmt, aus jedem wird Abschluss, Resumée, Finale. Bruce Springsteens "Further On Up The Road": der Weg ist hier zu Ende. Aus Don Gibsons tragikomischem Klassiker "A Legend In My Time", mit so Zeilen wie "if they'd give gold statuettes for tears and regrettes I'd be a legend in my time", ist alle lässige James-Dean-Melancholie verschwunden.
Die 50 Jahre lange Kette von Gefängnis-Songs schließt sich mit "I'm Free From The Chain Gang Now": der Tod ist eine Befreiung. Oder Rod McKuens mit Sinatra berühmt gewordenes "Love's Been Good To Me": der zärtliche Gruß an die Verflossenen, der Lobgesang auf das Leben, wie es eben so läuft, steht im Schatten der Erkenntnis "I've been a rover, I have walked alone, like a hundred highways never found a home".
Das muss Größe sein, wenn ein Totkranker all das ohne Bitterkeit singt. Dass er mit seiner Stimme nicht mehr das alte Format erreichen konnte, sagte Rick Rubin, habe ihm schwer zu schaffen gemacht. Nicht selten trifft man in "American V"-Kommentaren die Frage: durfte man Cash in diesem Zustand noch aufnehmen? Man durfte. Nichts hier ist peinlich, nichts falsch. Großes Dokument, anrührend, und nur ein beinhartes Gemüt kann sich das irgendwie so nebenbei in jeder Lage anhören. Im Gospel "God's Gonna Cut You Down" schafft er nochmal die Erinnerung an Cash den Rächer, den gewalttätigen Prediger, den Gunman; in "Like The 309" erklingt nochmal ein Echo an die Rockbilly-Jahre. Nein, Cash den Peinlichen findet man auf einigen alten Platten, die entstanden als Rick Rubin noch im Sandkasten oder mit den Beastie Boys spielte.
Oder die Frage, ob es sich hier um pure Geldmacherei bei Cashmania-Opfern handelt? "We need to capitalize from the movie", hätten die Leute von der Plattenfirma ständig zu ihm gesagt, berichtet Rubin, während er sich gesagt habe: "No, we really need to distance ourselves from the movie". Auch der Zusatz, dass Rubin selbst allein in den letzten Monaten zwei seiner Produktionen auf der Nr. 1 der amerikanischen Album-Charts und sonstwo hatte (Red Hot Chilli Peppers, Dixie Chicks) und dass die Liste seiner Jobangebote wahrscheinlich von hier bis Graceland reicht, beantwortet die Frage nicht wirklich. Aber vielleicht dies: Rubin hat nicht im Archiv was ausgegraben , Teil "V" war längst geplant und in Arbeit, vollenden musste er ihn ohne Cash.
Woraus sich die Frage ergibt, ob er das durfte, die Musik unter die Gesänge dessen inszenieren, der sich nicht mehr dazu äußern konnte? Ja, er durfte es. Nicht der co-produzierende Sohn, die singende Tochter, die alten Freunde Willie Nelson und Kris Kristofferson, die Ex-Schwiegersöhne Nick Lowe und Rodney Crowell, die Fans Sheryl Crow, Kid Rock, Bono oder LL Cool J hätten es gedurft. Rick Rubin schon. Er hatte den bei Country-Labels komplett abgeschriebenen Cash 1994 aus dem künstlerischen Abseits geholt und aufgebaut und dem damals 62-Jährigen zu einem unvergleichlichen Comeback verholfen, ohne seinen Charakter zu verzerren. Cash äußerte sich immer auf eine Art über den viel jüngeren Produzenten (der mit Country nichts, mit seinen Rock'n'Roll-, Outlaw- und eigensinnigen Aspekten jedoch viel am Hut hatte), gegen die die Bekenntnisse von Papst-Anhängern sehr müde klingen.
Der Zen-Buddhist und der alte Southern Baptist telefonierten täglich, nahmen dabei gemeinsam die Hl.Kommunion ein und verabschiedeten sich mit "I love you", schreibt Rubin im Booklet. Er engagierte die Musiker, die mit Cash durch die American-Serie gegangen waren, und sie spiegeln die Würde dieser letzten Gesänge in jedem Takt. Die Musik ist von reiner Schönheit, dezent, feierlich. Sie überrascht nicht, riskiert nichts, wozu auch, mit dem lebenden Cash haben sie das alles getan. Und das wird - ein gutes Dutzend solcher vollendeter/unvollendeter Songs gibt es noch - mit dem angekündigten "American VI" nicht anders sein.
"A Hundred Highways" landet also zwangsläufig im Cashmania-Effekt des Films, und der Effekt ist nicht schlecht: das Album stand bei Erscheinen sofort auf Nr.1 der amerikanischen Billboard Top 200 Album Charts, auf denen Produktionen aller Genres gelistet sind, und auf Nr.1 der Country Album Charts. Es ist nach "Live At San Quentin" 1969 das zweite Cash-Album, das die Top 200 anführt, und etwa ebenso lang liegt sein letztes Nr.1-Country-Album zurück. Platz 7 in Deutschland ist ähnlich bizarr (und vielleicht steht der große Freund Israels sogar in den Hamas-Charts weit oben, ich schätze 666).
James Mangolds erfolgreicher Film machte das möglich, weil er diese Biografie mit dem Ende der Drogen-Jahre und die verquere Liebesgeschichte mit ihrem glücklichen Ende 1968 abschloss. Johnny, arm, Erfolg, Fehler gemacht, dann alles richtig und gewonnen, tolle Story, sauber verpackt, super Typ. Es stimmt fast alles, was Mangold zeigt, aber es passt in dieses Bild, dass er z.B. die Geschichte des Albums "Bitter Tears" (1964), diesen wütenden Kommentar zur amerikanischen Indianer-Politik und die heftigen Reaktionen darauf, links liegen ließ. Auch ein genauer Blick auf die Jahre danach - natürlich aus Zeitgründen nicht möglich, der Film dauert so schon 145 Minuten - hätte es speziell in den Staaten komplizierter gemacht.
Cashs Comeback 1994 und die folgenden Platten mit dem langhaarigen Rubin wurden vom Country-Establishment, seinen Radiostationen, TV-Sendern und Preisverleihungen komplett ignoriert. Dieses Zeug war ihnen zu böse, düster, frech, alt, unsexy. 1996 zeigte ihnen Cash dafür den ausgestreckten Mittelfinger, auf einer ganzseitigen Anzeige im führenden Branchenblatt Billboard Magazine, mit explizitem Text. Diese Situation änderte sich erst mit dem unglaublichen Video- und Single-Hit "Hurt": als sie ihm für "American IV" dann ein paar der jährlichen Country-Orden übergeben wollten, war Zug 309 schon abgefahren. Und jetzt hat ihn die Country-Gemeinde also richtig heimgeholt. Das hätte ihn gefreut, meint Rick Rubin.
Man muss das nicht wissen, um dieses Album zu mögen. Man kann es der Tochter, ihrem Großvater, der Professorin und dem Müllfahrer schenken. Man ist informiert über den Sound, der angesagt ist, und jeder kann damit was über seine Zukunft erfahren. Mehr kann man doch von Musik nicht erwarten. Während man auf den letzten Zug wartet.
Johnny Cash: American V - A Hundred Highways
(American/ Lost Highway/ Universal). Prod.: Rick Rubin. Mit Mike Campbell, Smokey Hormel, Benmont Tench u.a. 43 Min., USA 2006
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