FRANZ DOBLER

Franz Dobler

/// Texte

DER KÖNIG IST DAS BIEST

Johnny Cash zum 70. Geburtstag

Süddeutsche Zeitung, 26.2.2002

An einem Samstagnachmittag im letzten November, an einem grauen und kühlen Tag, der einen daran erinnerte, dass unser Planet der Hölle näher als dem Himmel ist, hatte ich im grauen Veranstaltungssaal eines Restaurants in einem holländischen Kaff auch noch den grauen Gedanken, dass Cash tot ist.

Johnny Cash muss tot sein, dachte ich, neulich wurde er erschlagen von seinen unsterblichen Hits 'Ring Of Fire' und 'I Walk The Line' und auf seinem Grabstein steht 'I Walk The Line' und 'Ring Of Fire'. War nur eine Fata Morgana, sein Comeback in den 90-er Jahren.

Solche Gedanken hatte ich beim Jahrestreffen des Europäischen Johnny Cash Fanclubs, der eigentlich nur ein Deutsch-Holländischer Fanclub ist. Die Tischdecken waren grau, die Stimmung war grauer. Ein Fernseher von der Größe eines aufgeklappten Gebetbuchs murmelte vor sich hin, begleitet vom Geräusch, das entsteht, wenn Menschen was in Kisten mit Tonträgern suchen.

Ein Samstagnachmittag im Altenheim war ein Inferno gegen diese Versammlung von 80 Superfans. Und dann die Band, die war so laut, dass ein schnarchendes Baby echt gestört hätte. Allein die drei amerikanischen Flaggen an der Bühne machten mir Hoffnung auf etwas Unterhaltung. Ich erwartete eine scharfe Rede des Vorsitzenden: "Johnny Cash und Countrymusik im Spiegel des 11. September". Ich wartete vergeblich. Ich hatte noch nie solche Sehnsucht nach einer Horde besoffener Trucker-Darsteller gehabt.

So ist das heute mit Johnny Cash. Ein Name wie eine Flagge, ein Name, mit dem jeder irgendwas verbindet: aber er gehört denen nicht und jenen nicht und mir auch nicht. Er ist heute, an seinem 70. Geburtstag, viel größer als Country und das Bild, das diese und jene von Country haben, und absurderweise wird die bekannteste Country-Ikone der Welt mehr als sonstwer von Country-Hassern geschätzt, obwohl er sich nicht um sie bemüht.

Das schafft niemand, der sich seine unsterblichen Hits wie Eisenkugeln ans Bein bindet. Unterm Strich nach fast 50 Jahren im Musikgeschäft, über 1000 veröffentlichten Songs, über 60 Millionen verkauften Tonträgern, überhäuft mit den bedeutendsten Auszeichnungen, angesehen in allen Etagen und Winkeln der Popmusik, nach einigen Flauten und Comebacks, ist das die Botschaft: gib niemals auf und bleib niemals stehen, und wenn sie dir sagen, dass deine Songs out sind, dann bleib bei den Songs, die dein Herz dir diktiert.

Das klingt wie abgeschrieben von einer dieser blöden Postkarten, klingt wie selbstverständlich, wie die banalste Haltung, die ein Künstler haben kann. Klingt wie das Zeug, das auch der Dümmste in jede Kamera kräht: aber wer´s glaubt, wird selig. Und wenn die Hits nach den Hits ausbleiben, dann sind sie und wir alle auf den Knien bevor der Chef seine Hose runtergelassen hat (alle außer Vati natürlich). Cashs letzter Nr.-1-Hit lag zehn Jahre zurück, als 1986 sein Vertrag von Columbia/CBS nicht verlängert wurde, denen er in fast drei Jahrzehnten eine Menge Kohlen geliefert hatte.

"The Man In Black" war längst zu einem Ehrfurcht gebietenden Synonym für Johnny Cash geworden, und jetzt verabschiedete er sich von seiner Firma mit dem Song 'Chicken In Black': er verarschte sich selbst, seine Fans und das Musikgeschäft überhaupt. Der große Held hüpfte durch sein krankes Video, ein als Huhn kostümierter Durchgedrehter. Es war ein als Gag verkleidetes Attentat auf das eigene Denkmal. Zur Strafe bekam er weitere fünf Jahre bei einem desinteressierten, planlosen Label aufgebrummt - Kollateralschäden, die bei der Fusionierung von Plattenkonzernen auftreten: das nimmt in seiner Autobiografie von 1997 nichtmal eine Seite weg.

Als 1994 American Recordings erschien, hatten Cash wohl nur noch die Mitglieder seiner Fanclubs auf der Rechnung gehabt. Eine große Karriere schien die Auslaufrille erreicht zu haben, und der Star konnte mit 'Ring Of Fire' bis ans Ende seiner Tage große Hallen füllen, war aber ohne Plattenvertrag und hatte Plattenfirmen satt. Aus einer großen wurde eine beispiellose Karriere, als es der erfolgreiche junge Hiphop- und Metal-Produzent Rick Rubin schaffte, sein Vertrauen zu gewinnen.

Wenn das kein Märchen ist: ein Typ mit arschlangen Haaren, der mit Country nichts zu tun hatte und in Nashville, der Zentrale des Country-Business, nichtmal einen Job als Studio-Putzer bekommen hätte, begleitet den alten Mann in seine letzte Runde. Das Country-Establishment arbeitete an einem jugendlichen Image und gab allen Alten einen Tritt, und Cash kam mit einem Jugendsymbol an seiner Seite zurück und schlug sie aus den Stiefeln mit einem Album, in das sie keinen Cent investiert hätten: mit einer vorbildlichen Ihr-Könnt-Mich-Alle-Haltung sang Cash nur von seiner Gitarre begleitet.

Düstere Songs, düstere Stimmung, mehr dem Tod als den Parties zugewandt. Scheiß auf die Charts und die Radiostationen mit ihrem Pseudo-Country und auf Garth Brooks und alle netten Cowboyhüte: im Video zu 'Dehlia´s Gone' wurde Kate Moss von Cash ermordet und begraben. MTV weigerte sich, es ungeschnitten zu zeigen, und Cash machte sich über sie lustig. Auf dem Radar der Country-Stationen tauchte das Album gar nicht erst auf, quer durch die Printmedien und musikalischen Szenen wurde es gefeiert.

'The Beast In Me' heißt ein Song auf dem Album. Er erzählt vom Bösen, das jeder Mensch in sich hat: Cash war jetzt zugleich das Biest und der König der Countrymusik. Und er hatte dafür nicht so jung sterben müssen wie Hank Williams oder Gram Parsons.

Jedes der von Rick Rubin produzierten folgenden Alben, Unchained und Solitary Man, vergrößerte den Ruhm und bestärkte die eigentlich unmögliche Position, zugleich King und Rebell im Land Country zu sein. Nach dem ultimativ spartanischen Lofi-Album American Recordings war Unchained 1996 ganz unerwartet eines der besten Country-Rock-Alben aller Zeiten, was logischerweise nur heißen kann, dass es dabei alle Klischees von Country-Mainstream-Rock zertrümmerte. Alle, die glauben wollten, es ginge da nur um bisschen Musik, bekamen vom Traumpaar Cash/Rubin ein dickes Brett vor den Kopf: als die Platte den Grammy für das Country-Album des Jahres bekam, kauften sie sich eine Seite im Billboard Magazine, und ein wütender Cash streckte dem Betrachter den Fuck You-Finger entgegen. Das war der Dank an das "Nashville music establishment and country radio" für die freundliche Unterstützung.

Das alles passte zu den 40 Jahren Showbusiness zuvor. Auch am Anfang, 1955, war der Junge aus ärmsten Verhältnissen ein Country-Außenseiter, weil seine Singles beim feindlichen, mit dem Biest Elvis explodierenden Memphis-Label Sun Records erschienen und sowieso keinen richtigen Country, sondern einen rudimentär instrumentierten Rockabilly-Country enthielten. Erst als der "Boom-Chicka-Boom"-Sound nicht nur schnell, sondern konstant erfolgreich war, öffneten sich alle Türen. Er verteidigte Protest-Folk gegen Country und den elektrischen Dylan gegen die Folkies. Er nutzte seine kommerzielle Macht, um vor allen anderen Konzeptalben zu machen, setzte Pop-Hits gleichwertig neben Traditionelles und Religiöses und spuckte schon 1964 nicht nur der konservativen Country-Gemeinde die Leidgeschichte der Indianer ins Gesicht.

Noch vor den Rolling Stones hatte er alle brachialen Rock´n´Roll-Rituale exerziert und er war sich der Ironie bewusst, dass ihn ausgerechnet die Alben der Konzerte für Schwerverbrecher zum TV-kompatiblen Superstar machten. In den 70-ern betrachtete er den berechtigten Rummel um den Outlaw-Country-Rock mit würdevoller Gelassenheit: er hatte die Bahn für seine Freunde Waylon Jennings und Kris Kristofferson frei gemacht - und ist heute der einzige der großen alten Country-Stars, der so ein Comeback erlebt. Diese Chuzpe muss man erstmal haben: Ohne jede Anbiederung und Ich-Fühl-Mich-Jung-Attitüde Beck, Nick Cave, Will Oldham covern, die Verehrung junger Country-Rebellen und alter Country-Fans mit Respekt akzeptieren, und dann allen mitteilen: wer seine Musik vom Denken an Charts und Radio-Einsatz beherrschen lässt und nicht allein auf sich selbst hört, der ist verloren. Kann man nicht vielen abkaufen, solche Sprüche.

Die Nachrufe liegen längst fertig in den Schubladen und Computern. Cash war in den letzten fünf Jahren immer wieder schwer krank, und schon das letzte Album mussten wir als Geschenk ansehen. Möge das neue Album fertig werden, mögen die Nachrufe veralten, verrotten und von Viren zerfressen werden. Möge der Gott, zu dem er betet, seine Gebete erhören.

(PS: Dieses neue Album ist im Herbst 2002 erschienen, "American IV: The Man Comes Around").

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