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MIT BRECHT DURCH DIE WELT
Saam Schlammingers abenteuerliche Videoinstallation "Der Radwechsel"
Junge Welt, 9.8.2006
Vom neu konzipierten Augsburger "abc"-Brechtfestival, das Mitte Juli stattfand, war Saam Schlamminger eingeladen worden, seine Musik irgendwie mit Brecht zu verbinden. Dazu hatte er keine Lust, er wollte lieber mal wieder etwas mit Film machen. Und schenkte mit seiner über drei Bildschirme laufenden Videoinstallation "Der Radwechsel" dem Festival ein Highlight. Wenn der Eröffnungsabend am 14. August vier Stunden live auf br-alpha übertragen wird, ist davon leider nichts zu sehen. Aber beim Erlanger Poetenfest wird "Der Radwechsel" vom 25.-27. August in einer Galerie gezeigt. Wenn du da stehst und hörst nichts, dann sag, dass du was hören musst.
Saam Schlamminger, 1966 in Istanbul geboren, wuchs in Persien auf bis zum zwölften Lebensjahr und lebt seitdem in München. Er ist bekannt als Meister an persischen und anderen Trommeln und für seine Kombinationen mit Elektronik. Als Chronomad hat er zwei Alben auf dem Notwist-Label Alien Transistor veröffentlicht. Mit seinem Duo Sefid Sout hat er für den Blumenbar Verlag mit "Leaving Chuck's Zimmer" einige frühe, von Wolf Wondratschek gesprochene Gedichte mit einem großartigen Soundtrack renoviert und veredelt (was der Wondratschek übrigens nicht kapierte, ganz nach der alten Regel 'Wer zu spät anfängt klassische Musik zu hören, versteht auch vom Rest nichts mehr'). Mit seinem neuesten Projekt "Süperdisco" hat er auf dem 4Ohm-Label gerade die erste Single mit einem supermassiven Orientbeat rausgebracht. Doch wenn du da stehst und hörst nichts, dann sag, dass du was hören musst.
Er spielte live oder für Aufnahmen mit dem Tied & Tickled Trio, The Notwist, der Express Brass Band und vielen anderen, Improvisation is King, aber nicht immer, im Hinterkopf nie ganz gelöscht seine erste Punkband The Schrott, und so wird auch Theater- und Filmmusik gemacht. Über seinen Lehrer, den persischen, in Frankreich lebenden Trommler Djamschid Schemirani hat er den Dokumentarfilm "Die Sprache der Trommel" gedreht. Eine internationale Sprache: damit ist Saam Schlamminger viel unterwegs. Gestern Iran, morgen New York. Da passt Brechts Gedicht "Der Radwechsel" schon irgendwie zu ihm. Das ja auch - alle riesigen Interpretationen in Ehren natürlich - einfach ein Gefühl des Unterwegsseins beschreibt: "Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?" Ich bin eben gern "On The Road Again" könnte man mit Willie Nelson hinzufügen. Schlammingers erste Idee war, unterwegs irgendwelche Leute zu bitten, ein Gedicht von Brecht zu lesen und sie dabei zu filmen. Und dann hatte er eine noch bessere Idee. Doch wenn du da stehst und hörst nichts, dann bitte, dass du was hören musst.
Mit Hilfe des Goethe-Instituts schickte er seine Botschaft über alle Kontinente mit der Bitte, Personen, denen Brecht was bedeutet, mögen ein Gedicht ihrer Wahl sprechen und sich dabei filmen (lassen) an einem alltäglichen oder für sie wichtigen Ort. 37 kurze Filme kamen zurück und wurden zu einer 70-Minuten-Dokumentation verbunden. Schlammingers "Manipulation", wie er es nennt, war die Reihung und das Angleichen oder vorsichtige Überblenden der vorhandenen Sounds. Ein Abenteuerfilm: die Gesichter, die Gedichte, die Sprachen, die Orte, die Sounds, die Styles, die Nicht- und die Inszenierung, die Bemühung, der Dilletantismus, das Professionelle, das Ernste und Komische. Es ist unglaublich, es ist wunderbar, spannend, anrührend, umwerfend.
"Allison Podell, New York City, Nachdenken über die Hölle" (sie sitzt in einem Café und eine Hand streichelt an ihrer Hand rum). "Stuart Cosgrove, Glasgow, Alabama Song" (er steht vor den tausend Flaschen in einer leeren Bar). "Ajai Paulin Oloukponna-Yinnou, Lomé, An die Nachgeborenen" (der Brillenträger rezitiert vor einer Rote-Rosen-Hecke). "Tatzsuji Iwabuchi, Tokio, Die Moritat von Mackie Messer" (der würdige, alte Literaturprofessor, das steht natürlich nicht dabei, aber er ist auch ein astreines Klischeebild, intoniert in seinem Arbeitszimmer mit vollem Einsatz). "Arundathi Subramaniam, Mumbai, Fragen eines lesenden Arbeiters (die Frau ist zu schön, das lenkt ab, also sie spricht es schlicht). "Usha, Chemnai, Fragen eines lesenden Arbeiters" (die indische Straßenkünstlerin, in einer prächtigen Kostümierung, mit angeklebtem Bart, singt zu Musikbegleitung, schminkt sich während des Vortrags langsam ab und entkleidet sich des Kostüms, packt zuletzt alles in einen Koffer und geht aus dem Garten). "Julian Forsyth, London, Maria" (mit dickem Buch vor der Haustür, und Regenschirm!). "Guranza Ganezardaschwili, Tiflis, Der Radwechsel" (Mädchen in lila Sportjacke an der Straße, was sind das für niedrige Kuppelbauten im Hintergrund?). "Literaturklasse der Chulalonkom Universität, Bangkok, Legende von der Entstehung des Buch Taoteking auf dem Weg nach Lao-Tse" (so brav schaun sie aus, was wird ihr Leben bringen?). "Kaj Sjöman, Helsinki, Der Selbstmord" (hinter ihm sieht man die Dächer der Stadt). "Valerie Oyugi, Nairobi, Ich habe dich nie so geliebt" (auswendig, während sie gut gelaunt das Heu im Garten zusammenrecht). Und viele mehr, es könnten noch mehr sein, man kann sich nicht satt sehen und könnte doch glatt auf den Gedanken kommen, die Welt könnte doch ein schöner Ort sein. Doch wenn du da stehst und hörst nichts, dann schrei, dass du was hören musst.
Nach der Eröffnung standen wir draußen, tranken was, rauchten, das Publikum hatte sich zerstreut. "Monsieur", sagte Saam zum Aufsichtsmann, "darf ich Ihnen ein Glas zu trinken bringen?" Immer höflich, der große Mann, der immer Anzug trägt. Dann gingen wir übers Festival. Stunden später schaute der Künstler wieder in die Galerie, ob dort alles okay war. Still war's. Der Ton aller drei Fernseher abgedreht. War der Aufsichtsmann. War ihm zu laut gewesen. Schlamminger erzählte es lachend.
Wahrscheinlich kann man das auch irgendwo von Brecht gelernt haben: vergesst nicht die Kontrolleure zu kontrollieren!
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