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/// Fanz Dobler spricht über Johnny Cash Biographie (Buch Heyne)
Johnny Cash Biographie
"Ich bin froh, wenn keiner auf
die Idee kommt, meine Literatur hätte was mit Martin Walser
oder solchen Leuten zu tun."
Das Interview zum Thema Johnny Cash - Biographie wurde
nach der Lesung im Kölner
Theaterhaus geführt, die im Rahmen der lit.cologne am 16. März
2002 stattfand. Fanz Dobler spricht über seine neue Johnny Cash
- Biographie, über
Punkrock, Countrymusik und Popliteratur. Klaas Tigchelaar und Christian
Bartel
hören zu.

Warum
eine weitere Johnny Cash Biographie?
Im Gegensatz zum amerikanischen Markt, wo es zirka
15-20 Johnny Cash Biographien gibt, existierte auf dem deutschen
Markt bisher keine einzige. Das war für den Verlag natürlich
ein Grund, sich die Frage zu stellen, ob man so etwas überhaupt
in Deutschland machen kann. Man hat mich dann erstmal gefragt, ob ich
Lust hätte, eine Biographie über Johnny Cash zu schreiben
und ich hab mir das einen Monat lang überlegt und kam schließlich
zu dem Schluß: Eigentlich schon. Für mich war da auch ein
Interesse, das Ganze mal speziell aus dem Blickwinkel Deutschlands
auf die Countrymusik aufzuziehen, der ja ein ganz anderer ist als der
US-Blickwinkel.
Wie
ist die Resonanz bis jetzt? Sind die Leute wegen Johnny Cash oder
wegen Franz Dobler zur Ihrer Lesung auf der Lit. Cologne gekommen?
Ich habe keine Ahnung. Ich kenne auch den Programmplan
der Lit. Cologne nicht.
Wie
ist die Idee überhaupt entstanden?
Die Idee kam von meinem Freund Wiglaf Droste. Ich
habe über das letzte Johnny Cash-Album ziemlich viel geschrieben
und Wiglaf Droste ist dann aufgefallen, der wird 70, das wäre
eigentlich ein schöner Anlaß, oder eine schöne Idee
ein Buch zu machen.
Und da ich ja sowieso unter anderem für die Süddeutsche Zeitung ein
bißchen über Country-Musik schreibe - ich glaube, ich bin sowieso
der einzige, der bei der Süddeutschen Zeitung über Country-musik
schreibt -?
Natürlich gibt es solche Country-Zeitschriften, wo Super-Countryfans über
Country-Musik schreiben aber das ist nicht mein Ding und ich bin ja auch eher
aus einem Pop-Kontext zur Country-Musik gekommen und schreibe deshalb wahrscheinlich
auch über ganz andere Zusammenhänge. So kam die Idee mit dem Buch.
Zudem sind viele Musikbücher langweilig, weil die immer von Superfans
kommen und ganz bürokratisch Daten anhäufen. Das war etwas, was mich
so gar nicht interessiert hat. Ich wollte eher größere Zusammenhänge
einbringen. Wie Johnny Cash zum Beispiel innerhalb der Countrymusik zu verschiedenen
Zeiten gesehen wurde, wie die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge
zu der Zeit aussahen. Auch der Zusammenhang mit den 90er Jahren, wo sein riesen
Comeback stattfand.
Wie
weit ist der Romanautor Dobler bei dieser Biographie zum Zuge gekommen?
War es ein faktenorientiertes Schreiben oder hatte es auch etwas
vom lyrischen Dobler-Ich, wie beispielsweise in "Tollwut"?
Ich denke schon, daß das ab und zu durchkommt.
Ich hatte auch keine Lust alles einfach nur so abzuhaken. Man könnte
sagen, es ist so etwas wie eine schlampige Biographie, nicht zu 150%
ein astreines Sachbuch.
Ich habe mir auch die Freiheit genommen bestimmte Sachen wegzulassen, denn
es ist vollkommen klar, daß bei einer Karriere die so lange geht, auch
Scheißplatten dabei waren. Das habe ich einige Male auch erwähnt,
aber es gab für mich überhaupt keine Verpflichtung, alles ultragenau
zu beschreiben.
Das andere Ding ist, ich komme bestimmt manchmal eher in so erzählerische
Sachen rein. Ich wollte, daß das Buch auch lesbar ist für Leute,
die nicht sowieso schon alles wissen und die meisten Johnny Cash Platten besitzen.
Für Leute, die vielleicht mit den 90er Jahren aufgewachsen sind, und sich
für Johnny Cash interessieren einfach erzählen, was die ganze Geschichte
ist.
Deswegen gibt es am Ende des Buches auch diese kurze Erzählung, bei der
man natürlich sagen könnte, was soll die da jetzt? Aber das war für
mich wie ein Bonustrack auf einer CD, eine kurze Erzählung, ein Versuch
bei dem man ein bißchen vom Stoff einbauen konnte. Ich habe mich nicht
verpflichtet gefühlt eine bestimmte Form von Biographie zu machen.
Ist
es wahr - wie die Band "Die Aeronauten" es in einem ihrer Lieder
besingt -, daß man im Alter anfängt sich für Country-Musik
zu interessieren?
Für
viele bestimmt. Ich habe mich so vage schon immer dafür interessiert,
ohne jetzt aber genau die Country-Musik zu erforschen. Es gab Bands
wie "The Pogues", oder auch das Rockabilly- Revival in den 80ern. Das
hatte irgendwas, was mir den Anreiz gegeben hat, mal genauer hinzugucken.
Und führte dazu, daß ich dann sehr schnell "Hank Williams" entdeckt
habe, wie viele andere auch. Johnny Cash Platten hatte ich zwar auch
schon vorher, aber nicht mehr als die Best-of-Sachen, die Gefängnis-Alben
zum Beispiel. Das ganze Feld der Country-Musik ist wirklich riesig,
aber für uns in Deutschland an der Oberfläche gar nicht präsent.
Hier ist man doch vollkommen zugemüllt mit dem, was man in Deutschland
für Country-Musik hält...Truck-Stop oder so, was ja absolut
verschlagert ist.
Es
gab mal einen Konzertbericht zu Truck-Stop von Ihnen in der SZ. "Es
ist zwar nicht gut, aber sie gehören doch irgendwie zur Familie",
habe ich da raus gelesen?
?Ich weiß nicht zu welcher Familie sie gehören,
aber zu meiner bestimmt nicht. Das Konzert war furchtbar, noch schlimmer
als ich dachte.
Gibt
es eine Verbindung zwischen dem bayrischen Gemüt und der Country-Musik?
Keine Ahnung, ob man an Bundesländern festmachen
kann. Ich glaube nicht, daß in Bayern mehr Country-Musik gehört
wird als anderswo. Es ist komisch, daß die Leute immer denken,
Bayern wäre mehr Land als irgendwas sonst. Ich glaube, daß stimmt
nicht.
Tennessee,
Texas, Mississippi - das sind doch die Gegenden, mit denen man im
allgemeinen Country-Roots identifiziert....
Sie meinen, das paßt besser auf Bayern.
Finde
ich, ja.
Vielleicht ist es so.
Country
ist vielleicht auch eher so eine Provinz-Geschichte. Es passiert
nicht unbedingt in den Metropolen sondern in der Peripherie.
Es kommt auf jeden Fall daher. Die Geschichten haben
auf jeden Fall damit zu tun. Aber es spiegelt sich alles darin wieder,
auch die Verstädterung der Country-Musik, die sich damit natürlich
verändert hat, auch im Sound und so weiter. Erst in den 70ern
gab es in New York Leute die mit Country-Musik so richtig was anfangen
konnten, was eben so eine Art Ablösung war. In den 40er, 50er
Jahren war es ganz klar Landmusik, hauptsächlich.
Obwohl, Memphis und Nashville, daß waren natürlich die städischen
Zentren wo die Musik angesiedelt war. Die Musik kam vom Land, die Produktion
war aber dann wiederum in den Städten.
"Ich
bin, darf ich sagen, der letzte gottverdammte Punkrocker aus meiner
Generation in dieser wunderbaren deutschen Literaturszene", kann
man auf Ihrer Internetseite lesen. Wie ist das gemeint?
Naja, ich finde, die deutsche Literatur ist schon
ziemlich Yuppie-verseucht. Das bin ich nunmal irgendwie gar nicht.
(Gelächter). Ich habe das halt behauptet. Ob es stimmt, müssen
andere Leute entscheiden.
Man
müßte dazu natürlich erstmal den Begriff "Punk" aktuell
definieren...
...Was ich bestimmt nicht tun werde...
...Was
heißt das in der Literatur? Heißt es Rebellion, heißt
es Hinterfragen, heißt es Aufbegehren?
Ich
fände es schön, wenn es all das heißen würde.
Wie
versuchen Sie das auszudrücken?
Indem wie ich es mache oder was ich mache. Man kann
es glaube ich nicht literarisch verorten, genauso wenig wie man Pop-Litearatur
so richtig verorten kann. Es hat oft etwas mit Haltung zu tun. Mit
dem was du tust, so nach außen.
Pop-Literatur kann man weniger durch sprachstilistische Sachen klarmachen.
In der Popmusik, wo wir ein viel viel klareres Bild haben, von dem was Pop-Musik
ist - obwohl es difus ist. Aber man kann sich immer auf irgendwas einigen,
wo man sagt: "Das ist Pop- Musik".
Pop-Literatur ist viel verquerer. Wo man vollkommen zweifellos, in den Anfängen,
den Begriff anwenden kann ist bei Hubert Fichte oder Rolf Dieter Brinkmann,
obwohl es stilistisch überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was heute als
Pop-Literatur läuft. Was aber nicht heißt, daß es unberechtigt
ist für mich zu sagen, daß das eben jetzt Pop-Literatur ist. Da
läuft ganz viel über Äußerlichkeiten: Was sind das für
Typen? Wie leben sie, was sagen sie, wie geben sie sich? Dadurch ist es sehr
starkt definiert. Auch über literarische Sachen, aber ich finde nicht,
daß man es daran unbedingt festmachen kann.
Davon wollte ich mich in irgendeiner Weise absetzen. Seitdem ich schreibe,
seit 1988 oder so, komme ich immer in diesen Topf, der mal da ist und mal wieder
verschwindet. Jetzt ist die Pop-Literatur gerade wieder ganz stark.
Es ist mir auch relativ egal. Ich bin froh, wenn keiner auf die Idee kommt,
meine Literatur hätte was mit Martin Walser oder solchen Leuten zu tun.
Ist
die derzeitige Pop-Literatur denn eine Literatur, die eine Epoche
definiert? Wird man in fünfzig Jahren in Erinnerung an die Zeit
um die Jahrtausendwende Autoren wie Stuckrad-Barre nennen?
Muß man eigentlich.
Sind
diese Autoren prägend für diese Zeit, wird es auch in fünfzig
Jahren noch ein Thema sein?
Das weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall sind
sie prägend für die 90er Jahre in Deutschland, würde
ich sagen. Die Frage ist dann ja auch nicht, ob es schlecht ist, sondern
ob es prägend ist - daß ist es absolut. Aber man muß sagen,
da laufen viel mehr Leute, nicht nur die üblichen Namen, sondern
im Grunde eine ganze Welle, eine Art Literatur Revival, bei dem das
Marketing eine große Rolle spielt - was es vorher nicht gab.
Es konnte ja jeder mitkriegen, daß Leute auch ganz klar dafür
eingekauft wurden. Es war plötzlich ein Bezug zur Welt der Pop-Musik
da. Das ist eine gute Bank, wo Leute gut aussehen, sich souverän
bewegen können und souverän leben und auf eine ganz bestimmte
Art passend darüber schreiben.
Ist
von Vorteil für deutsche Schriftsteller, daß Literatur
wieder zeitgemäß, cool und angesagt ist? Nehmen junge
Leute, die in einer vollgestopften, ausverkauften Halle Stuckrad-Barre
sehen wollen in Folge dessen vielleicht auch andere Bücher zur
Hand?
Weiß ich nicht, ob sie das tun.
Profitieren
andere Autoren davon?
Keine
Ahnung. Vielleicht gilt das für die Leute, die in die gleiche
Richtung gehen und es schaffen, das überzeugend zu vertreten.
Es ist schon deshalb interessant, weil es diese klassische Feuilleton-Haltung
gibt, viele neue Sachen abzulehnen. Eine klassische Position wie etwa: "Das
kennen wir alles schon!" "Das hatten wir alles schonmal besser!" "Das
ist irgendwie alles Scheiße!"
Die Sachen sind auf eine bestimmte Art Anti-Feuilleton, gegen dieses "Wir hätten
gerne was für uns". Und jetzt auf einmal lesen es hundertausende Menschen
und vielleicht sind die auch 17, 18 aber das ist vollkommen egal. Es ist halt
so, wie es meistens ist: Es gibt Leute die ich ganz gut finde, und manche die
ich scheiße finde.
Wie
zum Beispiel?
Das ist gar nichts besonderes. Also, Stuckrad-Barre
zum Beispiel finde ich wesentlich besser als - so wie ich das wahrnehme
- diese Fans die er da hat. Ich glaube, das ist einfach alles ein bißchen
außer Kontrolle geraten. Ich finde ihn total intelligent, jemand
der absolut Ahnung hat wie Literatur funktioniert und wo ich die Einschätzung
habe, das die Fans da vielleicht gar nicht mitziehen können. Ist
auch egal. Aber so Leute wie Alexa von Henning-Lange, daß ist
für mich wie die Pop-Version von Hera Lind. Da gibt es für
mich schon riesige Unterschiede.
Was ich unakzeptabel finde ist die Haltung, pauschaul zu sagen, daß das
ganze Ding scheiße ist, weil es jetzt mit vielen Leuten funktioniert.
Weil es hip und im Trend ist und weil es nicht mehr so auftritt, wie das klassische
Feuilleton es gut finden würde. Da existiert ein bestimmtes Bild von Literatur,
und Leuten die Literatur verkörpern.
Von daher ist das Pop-Literatur-Ding eigentlich ein Gewinn, was aber alles
gar nichts mit gut oder schlecht zu tun hat.
Es entsteht so eine Trendfixiertheit, die natürlich was mit verkaufen
zu tun hat. Die Verlage suchen Leute, die gut aussehen, die auf eine bestimmte
Art geschickt sind und auf eine bestimmte Art angenehm schreiben können.
Das Negative dabei ist, daß es den Leuten, die das nicht verkörpern,
aber gut schreiben können im Moment natürlich nicht so gut geht.
Gibt
es Ihnen eine Hinwendung zum journalistischen Schreiben? Es gab "Tollwut" den
Roman, jetzt steht am Ende dieser Entwicklung eine Biographie und
dazwischen viele Sachtexte, unter anderem über Country-Musik.
Kommt noch ein Roman? Kommen noch Erzählungen?
Ich
weiß es im Moment nicht, aber ich würde sagen: Garantiert.
Im Moment hat sich das gespiegelt mit praktischen Sachen. Nur das zu
schreiben, was du wirklich gerne machst, was dich auch interessiert.
Aber eine bestimmte Kanalisierung davon war auch, das zu nehmen, was
sich auch verkaufen lässt.
Das kann ich zwar auch mit literarischen Texten, aber im Moment ist es einfach
diese Richtung. Diese Johnny-Cash Biographie war einfach eine Anfrage, ein
Auftrag wo ich gefragt wurde: "Willst du das machen?" Das spiegelt es einfach
wieder. Ich schreibe schon lange für Zeitungen und Radio und es war immer
ein hin und her.
Soll
das die letzte Country-Biographie gewesen sein, oder können
Sie sich vorstellen das nochmal zu machen?
Vor ein paar Tagen kamen nach eine Lesung Leute zu
mir und sagten: "Sie wissen doch, nächstes Jahr wird Willie Nelson
70. Wär das nicht auch was?"
Der
ist ja auch gerade auf Tour...
...Ja, der ist auch toll. Aber ich glaube so kann
es dann auch nicht weitergehen.
Herr
Dobler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
aus: Das Hanebüchlein -
(www.hanebuechlein.de)
Die Urheberrechte der Texte liegen bei den Autoren.
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siehe
auch CD "a
boy named sue - Johnny Cash Revisited"
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