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The Beast In Me

Tollwut

Down in Louisiana

Sprung aus den Wolken
Get Country & Rhythm
Westerngedichte
Bierherz
Nachmittag eines Reporters
Johnny CashLesebeispiel
The Beast in me - Johnny Cash

und die seltsame & schöne Welt der Countrymusic
[ Antje Kunstmann Verlag]

In the ring I can stay
Until I’m old and gray
Because I know how to hit
And dance away . . .
Muhammad Ali

BÖSE BLUMEN
Eine Menge Leute sind in den Straßen und Gefängnissen der USA krepiert, seit Johnny Cash vor 45 Jahren seine ersten Hitsingles fliegen ließ. Ich hab ´nen Mann in Reno erschossen, ich wollte einfach nur zusehen wie einer stirbt, sang er im ‘Folsom Prison Blues’, und er war dabei so glaubwürdig, dass er bis heute in manchen Interviews klarstellen muss, dass er in seinem Leben keine Haftstrafe bekommen hat. Sänger mit Knasterfahrung sind in der Country Musik keine Seltenheit, da kommen mehr Jahre zusammen als im Gangster-Rap. Aber Cash ist insgesamt nur sieben Mal jeweils ein paar Stunden eingebuchtet worden. Einmal für ein Delikt, von dem alle Frauen träumen: er hatte nachts nach einem Konzert in einer öffentlichen Anlage Blumen gepflückt. Manchmal arbeiten die Drogen nicht schlecht.

FOTO IN EL PASO
Bei einer Zwischenlandung in El Paso im Oktober 1965 nutzte der Mann den Aufenthalt, um Speed nachzuladen. Er hatte fast keinen Stoff mehr, und er war inzwischen so süchtig, dass er sich über Ärzte nicht mehr die ausreichende Menge beschaffen konnte. Er geriet dabei an einen Dealer, der von der Polizei beschattet wurde, und erkannte, dass er nach seinem Einkauf selbst einen Schatten bekam, und glaubte dennoch mit seinen 688 Dexedrin- und 475 Equanil-Tabletten, die er im Gitarrenkoffer untergebracht hatte, durch die Kontrollen am Flughafen zu kommen.

Er war einen Tag eingesperrt, und die Strafe des Richters war auch zu ertragen, 1000 Dollar, bei einem Jahreseinkommen von mehr als einer halben Million.

Die eigentliche Strafe aber konnte er nicht bezahlen. Als ihn zwei Beamte vom Gefängnis zum Gerichtsgebäude brachten, gab ihm einer eine Sonnenbrille, mit der Anweisung, sie aufzusetzen, wie es das Gesetz vorschrieb, und auch die Polizisten trugen Sonnenbrillen. Es war ein gutes Gesetz. Aber es hatte keinen Sinn, wenn man ein Star war, es war kein Schutz. Die Nachricht von der Verhaftung hatte schon wenige Stunden später die Runde gemacht, und als die drei aus der Tür kamen wurde eine Salve Fotos geschossen.

”Johnny Cash lassoed in El Paso”, hieß eine Schlagzeile, und der Mann, der für Associated Press am Drücker war, hatte das beste Foto, oder einfach nur das, das am häufigsten benutzt wurde. Das legendäre Foto. Aber den Namen des Fotografen habe ich noch nie gelesen. Vielleicht steht er jeden Abend an einer Theke und sagt, hör mal Alter, ich erzähl dir jetzt eine Geschichte. Aber vielleicht erzählt er dann nur, dass er im dafür berüchtigten El Paso eine 12-jährige gefickt hat. Wir wissen es nicht.

NIEMALS AUFGEBEN
Als das Foto aus El Paso durchs Land ging, sollte es noch zwei Jahren dauern, bis Cash sich vom Stoff befreit hatte, mit Hilfe seines Glaubens und mehr noch von June Carter, Tochter der berühmten Country-Familie und Liebe seines Lebens, die seit Jahren Mitglied seiner Show war und dann bald seine Ehefrau werden sollte.

In diesen Jahren glaubte außer ihr wohl niemand mehr, dass sein Leben und seine Karriere noch lange nicht den Höhepunkt erreicht hatten. Aber nach den beiden live in den Gefängnissen von Folsom und San Quentin aufgenommenen Alben, war er der berühmteste Countysänger der Welt. Nach Angaben von CBS verkaufte er 1969 sechseinhalb Millionen Platten, und das waren mehr als die Beatles und vermutlich mehr als je ein Künster in einem Jahr verkauft hatte. Ein Erfolg, der nicht mit irgendwelchem Blödsinn erkauft war, sondern sich mit großartigen, harten, provokativen Platten eingestellt hatte, die über alle Grenzen von Country und Rock hinweg als einzigartig erkannt wurden.

Die Ironie bei diesem Erfolg war Cash bewusst: es waren Mörder und andere Schwerverbrecher, mit deren Hilfe er größer denn je wurde. Denn die Kulisse und das starke Auftreten der Gefangenen, die Cash als einen der ihren ansahen, weil er schon lange viele Konzerte in Gefängnissen gespielt hatte und immer wieder seine Sympathie für sie und ihr elendes Leben bekundete, gaben den Alben den speziellen Kick. Beim San Quentin-Konzert wurde der berühmte Dokumentarfilm gedreht, und Cash erzählte den Häftlingen, dass ihm die Fernsehleute eingebleut hatten, hier zu stehen, aber nicht dort, und diesen Song zu spielen, aber nicht jenen. Aber ich sag euch was, sagte er zu den Häftlingen, das schert mich einen Dreck, ich spiel das, was ich will, und das, was ihr wollt, also was wollt ihr hören. Wegen solcher Sachen, oder weil er die Wärter mit den Pumpguns verarschte, liebten sie ihn.

Als erster Countrysänger bekam er für zwei Jahre eine wöchentliche Fernseh-Show, und vor sein Haus brachten 40 Busse pro Tag seine Fans. Es ist ein Zeichen seiner Größe, dass er erkannte, dass er für den Sender doch nur ein Marketing-Artikel mehr war, und er beendete die Sache, als er das Gefühl hatte, seine und seiner Familie Seelen gehörten mit zum Warenangebot. Im Jahr seines Comebacks 1994 beging Kurt Cobain Selbstmord. Cash hätte ihm Einiges über die Gefahren erzählen können, denen man bei solcher Popularität ausgesetzt ist. ”Wir haben Elvis zu Tode geliebt”, sagte Merle Haggard einmal, ”und wir hätten Johnny Cash fast zu Tode geliebt.” Aber Cash war intelligent, und er entzog sich immer wieder den Mechanismen, mit denen großen Plattenfirmen ihre Schützlinge bis zum Letzten zu schröpfen versuchen. Man wusste nie, wann er den nächsten U-Turn machte. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität brachte er unmittelbar nach seiner Fernsehphase das Album Man In Black, dessen reduzierter Sound im totalen Gegensatz zum klischeehaften, weichgespülten Country-Mainstream stand, und mit dem Titelsong war er der einzige Country-Star, der ein Statement gegen den Krieg der USA in Vietnam abgab.

Johnny CashDIE RÜCKKEHR DES BAD LIEUTENANT
Johnny Cash hatte 35 Jahre im Showgeschäft hinter sich, als seine Plattenkarriere beendet schien. Der Country-Trend arbeitete schon in den 80ern gegen ihn, wie er gegen viele ältere Künstler des Genres arbeitete und gegen alle, die zum Anschluss nicht bereit waren. 1986 verlängerte CBS seinen Vertrag nicht, nachdem er ihnen 28 Jahre Kohlen gebracht hatte. Vielleicht ist das ein Trost für uns alle, die wir viel kleinere Künstler sind: auf dem Weg nach unten werden alle gleich behandelt. Wobei man sich über die Dimension nichts vormachen soll: Cash, als unumstößliches Country-Denkmal, könnte bis zum Jüngsten Tag große Hallen füllen. 1990 war dann auch seine Zusammenarbeit mit Mercury / Phono-gram aus denselben Gründen beendet und von seinem letzten Album Mystery Of Life ließen sie, schrieb er in seiner neuen Autobiographie, 500 Stück pressen.

Er hatte sich damit abgefunden, kein akzeptables Label mehr zu bekommen, als er 1993 nach einem Konzert eine Unterredung mit Rick Rubin hatte. Der junge Mann war mit seinem Label Def-Jam und seinen Produktionen mit Beastie Boys, Run DMC oder Red Hot Chilli Peppers berühmt geworden. Er kam aus Los Angeles und hatte auch sonst mit Country nie was zu tun gehabt. Cash lehnte den Mann, der mit den langen Haaren und den schäbigen Klamotten aussah wie der Anführer einer Rockergang, nicht ab, hatte aber die Befürchtung, er sollte in einen neuen Sound gepackt werden, mit dem er nichts zu tun hatte, und den komischen berühmten Alten abgeben. Rubin überzeugte ihn schließlich durch seine Hartnäckigkeit, und weil er die richtige Antwort gab auf Cashs Frage, welche Art Album er sich vorstellte: nur Cash und Gitarre, sagte Rubin. Und genau davon hatte der Alte seit 30 Jahren geträumt. Rubin erkannte, dass Cash seit Jahren von ignoranten Label-Managern umgeben war und gab ihm völlige künstlerische Freiheit, um selbst vollkommenes Vertrauen von ihm zu bekommen, bis heute. Das Album bekam denselben Namen wie Rubins neues Label, American Recordings. Es war ein Comeback, das niemand mehr auf der Rechnung gehabt hatte.

Es war für die aufeinander krachenden Widersprüche der Countrymusik bezeichnend, dass das Album von den stumpfsinnigen Country-Mainstream-Radios ignoriert wurde und damit keine charts-tauglichen Verkaufszahlen erreichen konnte, andererseits aber quer durch alle anderen Medien unglaublich gefeiert wurde. Während die Country-Industrie mit allen lächerlichen Mitteln um die Akzeptanz beim jugendlichen Pop-Mainstream-Publikum kämpfte, hatte Cash nun, ohne dass er sich verbogen hatte, eine Hipness erreicht, die mit Country wenig, mit Grunge viel zu tun hatte. Die Country-Industrie bekam von ihrer stärksten lebenden Ikone, die sie für ein totgerittenes Pferd gehalten hatte, sozusagen einen Tritt in die Eier. Rick Rubins Beitrag war überdeutlich, das Cover, das Video zum Mörder-Song ‘Delia´s Gone’ mit Kate Moss (das MTV nur ”axed” sich zu zeigen traute), die beiden Live-Aufnahmen vom Konzert in Johnny Depps Lokal Viper Room, alles war jenseits von Country-Style. Verbal auf den Knien bedankte sich das größte Country-Magazin bei Rubin und sprach von einer Schande für Nashville. Aber konnte jemand alle Tassen im Schrank haben, der beim gigantischen Rauschen der von Garth Brooks und Shania Twain bewegten Geldströme von Schande sprach?

Cash war von allen alten Country-Stars der einzige, der ein Comeback erreichte, das ihn über die übliche Gemeinde hinaus bekannter denn je machte. Er kam nicht als rüstiger Opa zurück, als Tina Turner-Version, sondern als der ”Bad Lieutenant der Countrymusik” (Karl Bruckmaier). Eine dunkle Gestalt mit düsteren Songs. Seine Ich-mach-was-ich-will-und Ihr-könnt-mir-zuhören-oder-es lassen-Ausstrahlung war überwältigend. Er wirkte wie ein Vorfahre von Kurt Cobain, der zurück auf die Welt gekommen war, um sich für dessen Selbstmord zu rächen.

Mit Beginn des neuen Jahrtausends war aus American Recordings eine American-Trilogie geworden, ergänzt um die Folgen Unchained und Solitary Man, und bei keinem der Alben, die fern von den Gesetzen der Unterhaltungskultur von Rubin inszeniert waren, hatte die Resonanz abgenommen. Solitary Man wurde, auch unter dem hörbaren Eindruck, dass Cash nach mehreren schweren Erkrankungen in den letzten Jahren nun bereit zum Sterben zu sein schien, als Höhepunkt empfunden und hätte sogar fast die Top Ten der Country Album-Charts erreicht.

Wiglaf Droste sprach mir mit seinem Text in der taz aus der Seele: ”Beten gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, aber dafür, dass Johnny Cash viel-leicht noch eine Platte besingt, kann man ganz eigennützig auf die Knie gehen”.

BESTEN DANK
Mit dem Produzenten, der nicht zum Country-Business gehörte, hatte sich ein Kreis geschlossen. Seine ersten Singles ab 1955 waren in Nashville, der Country-Hauptstadt der Welt, nicht willkommen geheißen worden, denn sie kamen aus Memphis und obendrein von Sun Records, dem Label von Sam Phillips, der mit Elvis auch die Country-Welt auf den Kopf stellte. Johnny Cash & The Tennessee Two waren mit ihrem spartanischen, Steel-Guitar-freien Boom-Chicka-Boom-Sound, mit dem Luther Perkins (1928-1968) ein Idol für viele Gitarristen wurde, auch musikalisch in Distanz zum gefragten Nashville-Country. Als Cash 1956 im Büro des Managers der Grand Ole Opry stand, dem Petersdom der Countrymusik, fragte ihn dieser: ”Was macht Sie glauben, dass sie zu Country gehören?” Es war mit Cash nicht anders als mit Hank Williams, der erst drei Jahre tot war: die Tür ins Allerheiligste öffnete sich ihnen, weil ihr Erfolg die Tür öffnete. Auch nach seinem Wechsel zu CBS/Columbia-Nashville gehörte Cash nie so ganz richtig zur Nashville-Familie.

Sein 96er Album Unchained bekam den Grammy für das beste Country-Album des Jahres. Nach der Verleihung kauften sich Label und Künstler für 20 000 Dollar eine ganzseitige Anzeige im wichtigsten Branchenblatt, dem Billboard Magazine. Sie nahmen ein Cash-Foto, das der berühmte Rock-Fotograph Jim Marshall 1969 beim Konzert in Gefängnis San Quentin gemacht hatte: Über der Gitarre Cashs wutverzerrtes Gesicht und, dem Betrachter entgegen gestreckt, aus der rechten Faust heraus ragend, sein ausgestreckter Mittelfinger. Links oben stand: ”American Recordings and Johnny Cash would like to acknowledge the Nashville music establishment and country radio for your support.” Rechts unten klein gedruckt: ”Thanks to those who made a difference. You know who you are.”

BARBAREN IN BAYERN
Wie Country insgesamt, hat auch Cash eine Fan-Gemeinde, die von derartigen Aktionen nie was gewusst haben will. Die sich nicht erinnern will, dass Cash 1965 in einem von Speed angetriebenen Wutanfall die komplette Bodenbeleuchtung der Opry-Bühne zertrümmerte und gefeuert wurde. Die nicht wissen will, dass in der Countrymusik die Betäubungsmittel- und Moralgesetze schon immer so eingehalten wurden wie im übrigen Showbusiness. Die nicht wissen will, dass Merle Haggard seinen Anti-Protestbewegungs-Song ‘I´m Proud To Be An Okie From Muskogee’ Ende der 60er kommentierte mit dem Hinweis, er und seine Band hätten wohl am meisten Mariuhana geraucht.

Die von Cashs Protest-Songs für Häftlinge oder Indianer nichts wissen will oder, dass er seine Stimme erhob gegen einen Gouverneur George W. Bush, der sich in Texas die Finger wund schrieb mit dem Unterzeichnen von Todesurteilen. Sie sind immer die Ersten, die nach einem 11. September Cashs patriotischen Song ‘Ragged Old Flag’ auflegen und sich freuen, dass Cash für diesmal sagt, man möge denselben Bush bei seinen Bemühungen gegen internationalen Terror unterstützen. Es ist dieser Johnny, den sie mögen, und seine Gospel-Platten. Sie mögen den Hank und den Johnny der herzigen Liedlein. Sie mögen nicht die Widersprüche, die zu Johnny und Hank und Country gehören. Sie mögen nicht hören, wenn Quentin Tarantino sagt, dass Johnnys viele Mörder-Songs den Songs der Gangsta-Rapper so nahe sind. Sie mögen in den Himmel kommen, das ist alles.

Seine erste Band aber formierte er in dem Land, dessen Barbaren nicht vom Himmel, sondern allein von englischen, russischen und amerikanischen Bomben gestoppt worden waren; in der Stadt, in der Adolf Hitler nach dem missglückten Putsch in München 1923, für kurze Zeit im Gefängnis gesessen und Rudolf Heß den ersten Teil von Mein Kampf diktiert hatte. Die Kapelle, mit der sich die G.I.´s die Freizeit vertrieben, nannte sich The Landsberg Barbarians: „and we were, we played until the places closed or we were too drunk to continue”, schrieb Cash 40 Jahre später in den Liner Notes zu American Recordings. Die Tatsache, dass auf dem Album seine Gitarre das einzige Instrument war, brachte ihn dazu, von seinen ersten Gitarren zu erzählen. Mit zehn hatte ihm seine Mutter, die sein musikalisches Talent am meisten förderte, die erste geschenkt, und in der oberbayrischen Kleinstadt Landsberg hatte er sich seine erste selbst gekauft, im Army-Shop für 4, 80 Dollar.

Mangels anderer Aussichten hatte er sich 1950 freiwillig zur Army gemeldet. Er wurde zum Radio Operator ausgebildet und kam zu einer Abteilung, die den Funkverkehr der Sowjets abhörte (der Air Force Security Service war eine derart spezielle Spezial-Truppe, dass sie ihm bei seiner Entlassung mitteilten, er wäre ein Geheimnisträger für den Rest seines Lebens und dürfte, genau genommen, die USA nie wieder ohne Genehmigung verlassen). Alaska wäre die andere Möglichkeit gewesen, Cash zog es vor, sieben Jahre vor Elvis, für drei Jahre nach Deutschland zu gehen. Im Juli 1951 kam er im 60 km westlich von München gelegenen Landsberg an, wo einen Monat zuvor die letzten deutschen Nazis exekutiert worden waren (die dagegen Protestierenden, zu denen Größen aus Wirtschaft und Politik gehörten, waren plötzlich gegen die Todesstrafe, aber die Verurteilten unterstanden in den Kasernen der US- und nicht der BRD-Gerichtsbarkeit).

Cash wusste, dass er das Talent zum Sänger hatte, aber hier mit den Landsberg Barbarians konnte er sich zum ersten Mal als Sänger und Band-Mitglied ausprobieren.

Sie spielten zu Geburtstagen und anderen Anlässen und im Hotel Goggl, dessen Bar ein G.I.-Treffpunkt war. In der Army-Zeitung erschien sein Songtext ‘Hey Porter’, der dann die a-Seite der ersten Single war. Cash kaufte ein Tonband und sie nahmen sich auf und verbesserten sich dadurch. Als das Band eines Tages, ohne dass er es merkte, rückwärts lief, ergab sich die Grundstruktur seines ersten Hits ‘I Walk The Line’.

So ergibt sich der spezielle Hintergrund dieses Tribute-Albums. Es ist ein Feedback, ein Thank You aus dem Land, wo seine musikalische Karriere angefangen hat, und damit gibt es wenigstens eine schöne Sache, auf die man als Deutscher stolz sein kann.

Johnny CashGUTE VERBINDUNGEN
Garth Brooks ist seit zehn Jahren das Symbol für einen Mainstream-Country, der aus den dümmsten Pop- und Country-Klischees zusammengeklebt ist, und er ist der Künstler, der mehr Tonträger als Jeder und Jede andere verkauft hat, seit Gott die Welt erschaffen, 100 Millionen. Cash hat über 30 Jahre und 60 Alben mehr gebraucht, um 40 Millionen weniger zu verkaufen. Brooks aber kann sich dafür weder ein letztes Hemd mit großen Taschen kaufen, noch den musikalischen Respekt, den Cash quer durch viele Szenen schon immer genossen hat und seit den 90ern mehr denn je. Aber das ist nicht der Grund, warum Brooks 2001 nicht zum ersten Mal verkündet hat, seine Karriere zu beenden. The Family, sagt der gute Country-Mann in so einem Moment. Möge Brooks, wie es dem guten Country-Mann entspricht, endlich sein Wort halten.
Schon seit den 50ern wurden Cash-Songs immer wieder auch von Pop-, Folk- und dann Rock-Fans gemocht. Das spiegelte sein für vieles offenes musikalisches Verständnis. In einem Genre, in dem es mehr um Tradition als um permanente Innovation geht, war er schon immer kreativ und neue Möglichkeiten auslotend wie wenige.

Ebenso wie der ”natural outlaw” genannte in den 70ern an die Bewegung der Country-Outlaws um seine Freunde Waylon Jennings und Willie Nelson (mit denen er und der von ihm geförderte Kris Kristofferson 1985 die Allstar-Band The Highwaymen bildeten) angedockt war, ohne explizit dazuzugehören, war er 1996 mit Unchained an die junge, dem Country-Establishment feindlich gesinnte Szenen angedockt, die mit Bezeichnungen wie alt.country oder Insurgent Country operierte, dabei grob gesagt Hank Williams mit Gram Parsons und Nirvana fusionierend oder wie auch immer. Mit Andocken ist nicht nur die Fuck You-Anzeige gemeint, sondern auch die Musik: Unchained pendelte zwischen todtraurigen Songs und solchen, die klischeefreien, treibenden 90er-Rock mit Country verbanden und damit zeigten, dass nicht Mainstream-Poprock, sondern Grunge oder Punk-Einflüsse Country-kompatibel und auffrischend sein konnten. Cash coverte, Rubin vertrauend, auf der Trilogie Songs von Glenn Danzig, Beck, Soundgarden, Nick Cave oder Will Oldham. Beck bestritt bei einer US-Tournee das Vorprogramm.

Nach dem ersten Rubin-Album spielte Cash alle berühmten Festivals von Austin über Glastonbury bis Montreux, die dem Nullachtfünfzehn-Country keinen Zugang gewähren, und für ein Willie Nelson gewidmetes Tribute-Album begleitete ihn Ex-Nirvana Chris Novoselic. Original-Punk Jon Langford (The Mekons), der mit seiner Band Waco Brothers im Zentrum von Insurgent Country steht, hatte schon 1988 ein Cash Tribute-Album initiiert, um dann 1993 mit den Pine Valley Cosmonauts, seiner Band für historische Lektionen, ein weiteres einzuspielen. Dass er der neuen Band The Bastard Sons Of Johnny Cash die Genehmigung gab, den Namen zu benutzen, ist nur ein Beispiel mehr dafür.

Auch unser Album hier spiegelt diese unglaublich breite Wertschätzung, und auch darin ist Cash der Nachfolger von Hank Williams (vgl. die ebenfalls bei Trikont erschienene Cover-Compilation I´ll Never Get Out Of This World Alive - Hank Williams Revisited). Dass Cashsongs bzw. Songs, die in seiner Coverversion bekannt sind, hier von so vielen Pop- und Elektronik-Musikern gecovert wurden, hatte weder mit Überredung noch überwältigendem Honorar zu tun, und das zeigen allein schon die bereits veröffentlichten Covers. Die Country-Bands, die dieses Spektrum komplettieren, gehören ausschließlich zu einer jüngeren deutschen Country-Szene, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, und die vom Truckstop-Cowboy-Karneval so fern sind wie der Mond von Nashville. Falls das jemand noch nicht mitbekommen hat.

DER ORT
Nach seiner Definition von Countrymusik wurde Harlan Howard gefragt, einer der besten und inzwischen dienstältesten Nashville-Songwriter. ”Three chords and the truth”, war seine Antwort.

Diese Aufzählung von Johnny Cash mag den Raum hinter Howards Erklärung ausleuchten: ”I love songs about horses, railroads, land, judgement day, family, hard times, whiskey, courtship, marriage, adultery, separation, murder, war, prison, rambling, damnation, home, salvation, death, pride, humor, piety, rebellion, patriotism, larceny, determination, tragedy, rowdiness, heartbreak and love. And mother. And God.”

WÜNSCHE
Johnny Cash wird 70, am 26.2.2002. Was könnten wir ihm wünschen, was wünschen wir uns?
Anfang der 70er gehörten so viele Leute zur Johnny Cash Show, dass sie bei Inlandsflügen die gesamte erste Klasse belegten. Einmal bekam deswegen Muhammad Ali nicht den gewünschten Platz. Cash bot ihm seinen an, Ali lehnte ab. Die Cash-Mannschaft wäre schließlich zuerst da gewesen. Ali war nicht nur Boxer, sondern auch Dichter, und er schenkte Cash eines seiner Gedichte, und Cash erzählte später, dass er es in seinem Safe aufbewahrt und den Wunsch hat, es eines Tages zu vertonen und aufzunehmen.
Möge er es aufnehmen können. Für sich und die Seinen und Ali und für uns alle.

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