AUF DEM DOROTHEENFRIEDHOF

in Berlin wurde am 8. Mai mein Freund, der Schriftsteller Ludwig Lugmeier bestattet. Meine Rede zum Abschied wurde von unserer Freundin und langjährigen Redakteurin Conny Lösch vorgetragen (und eine etwas versachlichte Version erscheint in der Sommer-Ausgabe des bayerischen Magazins MUH):

Liebe Trauergemeinde, sicher bin ich jetzt nicht allein hier mit dem Geständnis, dass ich einige der Dinger, die Ludwig gedreht hat, auch gerne gedreht hätte – und mit Dinger meine ich nicht nur seine Bücher.

Wir haben oft über Sprache diskutiert: Was ist das richtige Wort und gibt’s vielleicht ein besseres? In sowas konnte sich Ludwig verbeißen, und wenn ich schon zufrieden war, ließ er noch lange nicht los.

In diesem Moment würde uns also die Frage interessieren, ob ein Roman auch ein Ding sein kann, das man dreht: nicht wie einen Film, sondern wie einen Überfall. Ein Buch als Überfall zu betrachten, hätte uns gefallen – und das ist mehr als romantisches Wunschdenken: denn es gab einige Bücher mit einer derartigen Wirkung: schon als Jugendlicher war Ludwig von den Geschichten des Abenteurers Jack Bilbo dermaßen überfallen und gefesselt worden, dass er ein Mitglied der Mafia werden wollte, und Jahrzehnte später war er immer noch so gefesselt davon, dass er eine Biografie über diesen Jack Bilbo schrieb.

Ganz falsch!, würde Ludwig jetzt sagen, es hat mich doch nicht GEFESSELT, sondern im Gegenteil hat´s mich ENTFESSELT!

Und recht hätte er – tatsächlich hatte er als Teenager mit diesen Pulp Fiction-Büchern einen Weg raus aus der Dorfwelt von Kochel am See entdeckt. Die Atmosphäre dort hat er später so beschrieben: „Auschwitz hat nicht mehr geraucht, aber der Qualm hing noch über allem und vermischte sich mit dem bayrischen Katholizismus.“

In seinen beiden Romanen hat er mit schmerzhafter Präzision davon erzählt. Obwohl ich zehn Jahre später und fünfzig Kilometer weiter weg hineingeriet, war ich ebenfalls mit diesen Giftwolken, die Bayern verpesten, aufgewachsen, und das hat uns stark verbunden. Wie auch der nicht so häufige Fall, dass wir als Nichtstudierte Schriftsteller wurden.

Zu dem Mut und der totalen Konsequenz, mit der Ludwig ausbrach, war ich allerdings nie fähig. Sein Bild vom Gangster war ja für ihn nicht nur Protest gegen diese Verhältnisse, sondern außerdem die Voraussetzung, um eines Tages ein guter Schriftsteller zu werden. Echt irre jugendliche Hirngespinste, könnte man sagen, für die er dann teuer bezahlen musste – aber man könnte auch und muss sogar sagen: okay, bei ihm hat´s doch hingehauen!

Deshalb sei er sogar erleichtert gewesen, als er am Ende seiner Fluchten erstmal ausweglos und lange ins Loch einfahren musste, erzählte er, weil er dann endlich das tun konnte, was er eben schon lange tun wollte: Schreiben.

Ludwig las aus seinem ersten Roman in einem Theater in Augsburg, als wir uns 1992 kennenlernten. Meine Frau Christiane Lembert filmte diese lange Serie von Lesungen und die Interviews, die ich mit den Autor*innen führte. Es ging dabei immer nur um die Frage, warum und wie sie schrieben, und davon erzählte niemand so genau, durchdacht und druckreif wie Ludwig. Ich kannte diesen Lugmeier, denn er war ja eine Gangsterlegende, ein Held für uns Anti-Bayern-Bayern: den privat anzusprechen ich mich dann nicht getraut hätte. Aber es war mein Glückstag: denn als Ludwig meinen Namen hörte, riss er die Arme hoch und strahlte mich an. Er hatte Bücher von mir gelesen und fand sie gut, und wir tranken und palaverten einige Stunden.

Etwas, das mir später noch öfter auffallen sollte: Er hätte mit seinen Erfahrungen von Outlaw bis Knast angeben können, aber das war nicht seine Art, und andererseits tat er nicht so, als hätte er sich in einer anderen Zeit als anderer Mensch leider mal zu besonders krassen Aktionen hinreißen lassen. Er war schon auch ein bisschen stolz darauf – vor allem aber war er stolz darauf, dass er seinen gefährlichen beschwerlichen Weg zum Autor tatsächlich geschafft hatte.

Seitdem waren wir also Freunde – und Kollegen, deren Freundschaft so weit ging, dass sie sich kritisieren konnten: obwohl Kritik der Schriftstellerfreundschafts-Killer Nr.1 ist!

Ludwigs Position dabei war eher die Sprachanalyse und ich habe einige Listen mit Korrekturen von ihm – während ich eher mal die mahnende Stimme am Zeitfenster war. Als er z.B. nach intensiver Vor- und Schreibarbeit seinen „Faktenroman“ über diesen Jack Bilbo so gut wie abgeschlossen hatte und ich ihm zum großartigen Buch gratulierte, gestand er mir, er habe sich grade entschlossen, das Ding umzuschreiben, von Anfang an, weil´s nicht gut wäre, nicht gut genug – und dann redete ich eine ganze Nacht lang auf ihn ein, dass das nicht stimmte und er solle das wirklich sehr gute Ding endlich weghauen, was Neues angreifen, verdammt noch mal: ich machte mir Sorgen, dass er das Ding nicht drehen, sondern sich jetzt darin verirren würde. Natürlich kam ich nicht damit durch und natürlich verirrte er sich nicht.

Naja – ganz egoistisch hätte ich mir ein paar Bücher mehr von ihm gewünscht. Aber die Sorgfalt, Geduld und Selbstkritik, mit der Ludwig schrieb, und auch sein Mut, Schwieriges nicht zu vereinfachen oder zu beschönigen, hätte eben für drei sehr ernsthafte Schriftsteller gereicht. Und insofern ist sein großartiges Werk also doch umfangreich.

Einmal schickte er mir ein Gedicht, das ich so gut fand, dass ich ihn fragte, ob er mehr davon hätte. Eine Plastiktüte voll, sagte er, taugt aber nichts. Du lügst mich doch an, sagte ich. Aber das kann ich nicht – oder hoffentlich: noch nicht (und diese Plastiktüte taucht auf) – beweisen.

Der Luggi zuckte nur mit den Schultern, als ich wissen wollte, wie er es angestellt hatte, zwölf Jahre Gefängnis so gut zu überstehen. Weil er kein kaputter, zynischer oder verbitterter, sondern ein warmherziger Mensch war. Mit einem wunderbaren und auch schwarzen Humor, den er vor allem im Gedichtband „i“ (der zu schmal ist, um das Ergebnis der erwähnten Plastiktüte zu sein) und im letzten Buch mit Erzählungen sozusagen voll ausgefahren hat.

Warum er auf dem Foto, mit dem ihn meine Frau erwischt hat, dermaßen ansteckend lacht, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe ein ähnliches Foto im Kopf: Wir saßen bei uns in der Küche, und unsere kleine Tochter und eine Freundin tobten durch die Wohnung, sie hatten sich mit Mützen und Tüchern verkleidet und fuchtelten mit Holzstöcken herum. Was spielt ihr?, fragte Ludwig. Sie bauten sich vor ihm auf und brüllten: Wir sind Bankräuber! Und dann lachte sich der Ludwig kaputt.

Ich bin traurig, dass er von uns gegangen ist – und werde ihn immer vermissen – und werde mich immer glücklich schätzen, dass wir Freunde waren – und sage jetzt für mich und für uns alle: Lieber Ludwig, farewell!

*****

(Auf der Suche nach passender Musik gab ich auf gut Glück auch mal „Palermo“ ein, was ein Sehnsuchtsort von Ludwig war, und damit fand ich ein Instrumental, von dem wir uns einig waren, dass es wie die Faust aufs Auge passte: „Palermo“ von Paolo Fuschi)

Bücher

• Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will
• Ein Schuss ins Blaue
• Ein Schlag ins Gesicht
• Ein Bulle im Zug
• The Boy Named Sue
• Rockn Roll Fever
• Letzte Stories
• Rosa Luxemburg T-Shirt
• aufräumen
• Sterne und Straßen
• The Beast In Me
• Get Country & Rhythm
• Down in Louisiana
• Bierherz
• Nachmittag eines Reporters
• Tollwut
• Sprung aus den Wolken
• Westerngedichte

Diskografie

• Cut City Blues
• Der Tag an dem ich...
• Johnny Cash Revisited
• Wo ist zuhause Mama?
• Nicht zuhause Mama?
• Zur Hölle Mama
• On The Road Again Mama

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