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100 JAHRE COLTRANE

TAKE THE A-TRAIN TO COLTRANE

Eines schönen Tages begleitete ich den Schlagzeuger Elvin Jones, der jahrelang in der Kapelle von Coltrane gespielt hatte, beim durch die Stadt laufen, damit sich der New Yorker vor dem Konzert mit seiner Band Jazz Machine nicht in Germany verirren würde. Wir kamen an einer Großbaustelle vorbei, auf der Arbeiter ewig lang nach Coltranes Abflug mit Presslufthämmern einen Höllenlärm produzierten. Elvin Jones blieb stehen und trommelte mit beiden Fäusten passend zu den Presslufthämmern auf den Metallzaun und schrie: What a sound, man!

Hot Animal Machine von Ex-Black Flag Henry Rollins war erschienen als er in einem Interview 1987 sagen sollte welche Musik er zurzeit hörte und er eigentlich die ganze Zeit immer nur John Coltrane sagte und ich mich vollkommen verblüfft aufgeregt umdrehte.

Gestern, schreibt einer ins Netz, habe er sensationell in der Kiste bei einem Secondhandler Ascension von Coltrane gefunden und sowieso gekauft und bekommt sofort als erste Antwort die Frage, wieviel haste denn dafür bezahlt?



IRRER KANNS NICHT WERDEN

denkt man sich doch oft, was die Kommentare zu gewissen Themen betrifft, und ein besonders irres Feld sind Kommentare auf das 10/7-Hamas-Massaker, alles bis zum totalsten Irren und Verlogensten ist gesagt, schlimmer kann´s nicht mehr werden, aber da täuschst du dich wie ich:

“But Israelis still largely view themselves as the victims of Oct. 7.”

Genau, was erlauben also die meisten Israelis immer noch! – und das hat nicht ein fröhlicher Palituch-Teenager gemeint, sondern eine senior correspondent in der New York Times geschrieben. Dann wurde es gelöscht, was nicht ok ist, aber es war eh zu spät.

„The New York Times came under fire Wednesday over a baffling passage that appeared in an article about an Israeli documentary — which said the Jewish state “still largely view themselves as the victims of Oct. 7. The Sept. 14 article, penned by Jerusalem-based reporter Isabel Kershner, covers the controversy over the documentary film “NAZA,” which chronicles the killing of Palestinian civilians in Gaza“ (NYPost, 16.9.)



WAS FASCHISTEN WOLLEN

hat Wiglaf Droste vor 33 Jahren schon mal für die Wahl in Sachsen-Anhalten analysiert: „Niemand wählt Faschisten oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht – das Gegenteil ist der Fall; Faschisten sind Faschisten, weil sie welche sein wollen.“ (Auch wenn sie dann von x oder y als Protestwähler*innen o.ä. gesehen werden wollen.)



SACHSEN-ANHALT GANZ ANDERS

gibts ja nun doch auch noch, wenn auch „auf schwerer See“, die nun erheblich schwerer ist als in den dreißig Jahren seit Gründung von Label+Verlag, welche jetzt mit ELMSFEUER, 34 Tracks und „Töne aus dem Jenseits der Unterhaltung“ als 2CD bzw CD+Chapbook gefeiert wird:

https://taz.de/Label-Moloko-Plus-aus-Sachsen-Anhalt/!6207919/

Komplettes Line-up (und diese „Credits & Notes Compilation: Rex Joswig … Dedicated to the loving memory of Robert „Bob“ Rutman (1931–2021), Bert Papenfuß (1956–2023) & Bruno Adams (1963–2009). Gone but not forgotten!“) hier:

https://www.molokoplusrecords.de/finder.php?folder=Label&content=155

Schon den Moloko-Start mit Badfish hatte ich nicht verschlafen und „Jesus im Schnee“ von der ebenfalls von Rex Joswig und bis heute angetriebenen Band Herbst in Peking kam auf meine Trikont-Compilation Vol3 und ich will immer noch nicht schlafen, weil man auf schwerer See bekanntlich besser erstmal nicht schläft.



ARTISTS AGAINST ANTISEMITISM

Abteilung Augsburg in den nächsten Wochen:

24.09. Infotisch beim Konzert der The Creeping Candies, 20:00 Ballonfabrik Augsburg – Fabrik Unique
14.10. Lesung & Gespräch „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ mit Tina Sanders & Monty Ott (als Koop-Partner von Jüdisches Museum Augsburg Schwaben), Provino Club 19:00
16.10. Lesung „Erlesenes aus Israel und der Levante“ (als Koop-Partner der Deutsch-Israelische Gesellschaft Augsburg-Schwaben e.V.), Taschenbuchladen 18:30
17.10. DJ-Abend „Jazz, Jews & Beats“ mit AAA-DJs (als Kooperationspartner von Jüdisches Museum Augsburg Schwaben) im Jazzclub, 20:00
29.10. Vortrag und Diskussion „Auf der Suche nach der guten Übersetzung“ mit Anne Birkenhauer (als Koop-Partner der Deutsch-Israelische Gesellschaft Augsburg-Schwaben e.V.), Zeughaus 18:30
11.11. Lesung & Gespräch „Vom Antisemitismus, der keiner sein will“ mit Richard Schuberth, Jazzclub 19:00 als Kooperationspartner von Friedensfest Augsburg) 
15.01. (Soli-) Konzert AAA Augsburg präsentieren Elvis de Sade und Warum Bonn?, Ballonfabrik Augsburg – Fabrik Unique 20:00


MAN DARF DOCH NICHTS MEHR

sagen in diesem Land und worauf kann man denn dann noch stolz sein!

„Ein bisschen bin ich schon stolz darauf, für eine Zeitung zu schreiben, die von autoritären Linken, identitär entgleisten Intifada-Freaks und rechtsextremen Ex-Verfassungsschutzpräsidenten gleichermaßen als Hauptgegner gesehen wird. Offenbar alles richtig gemacht. Jungle World forever!“
Schreibt Markus Liske und dem schließe ich mich als Abonnent an.


WENN ES ERNST WIRD

mit dem Fortschritt, sieht er so aus: „11 Uhr vormittags am Bavariapark auf der Theresienhöhe. Wie aus dem Nichts taucht er auf, bewegt sich auf eine Gruppe Kinder zu und streckt ihnen die Carbonfaust zum Gruß entgegen: Ein ungefähr 1,20 Meter grosser Roboter in Trachtenhemd und Lederhose, auf dem Kopf einen Jägerhut.“

Der kleine Musterbayer, gekauft und betreut von einem natürlich engagierten Privatmann, „bekleidet mit einem grauen Kapuzenpullover“ möchte er jedoch anonym bleiben, kommt naturgemäß nicht bei allen, aber doch vielen gut an: “ „Süss“ ist das meist gebrauchte Wort, das vor allem jüngeren Frauen beim Anblick des Roboters über die Lippen kommt.“

Ein bisschen Vorsicht ist dennoch angebracht. Nicht weil er „aus dem Nichts“ auftauchen kann oder weil seine hübsche Trachten-„Hose (…) über das Internet in Pakistan“ kam, sondern: „Ersatzteile liefert der Hersteller des Humanoiden bisher noch nicht.“



IN DIESEN SCHWIERIGEN

Zeiten ist die Redaktion dieses Blocks total bemüht, die Abonnent*innen mit guten oder sogar aufheiternden Nachrichten psychisch zu stärken. Soviel Verantwortung muss sein, auch wenn der Rechercheaufwand fast nicht zu packen ist.

Die Autorin Caroline Wahl interessiert sich (wie alle vernünftigen Menschen) in ihrem neuen Roman auch für Produkte des täglichen Bedarfs, „für Müllermilch zum Beispiel, 37 Mal erwähnt“ (aber WARNUNG!: diese Angabe aus der Süddeutschen vom 26.8. haben wir noch nicht überprüft, weshalb auch nicht ausgeschlossen ist, dass es sich dabei um einen Zahlendreher handelt, was im Arbeitsstress bekanntlich leicht mal vorkommt, also 73 könnte korrekt sein oder, man verzählt sich leicht, 74). – Dabei habe ich mich übrigens erinnert, dass ich mal für die Whiskymarke Makers Mark Werbung gemacht habe und in einem Gedicht von 37 Zeilen 74 andere Whiskysorten ekelhaft nannte, obwohl ich vertraglich nicht dazu verpflichtet war. WARNUNG: auch diese Zahlen wurden nicht überprüft. Jedenfalls war das eine total schöne Sache. 

Und im Fall der iranischen Sängerin Parastoo Ahmadi gibt es 5, also geradezu eine Flut von positiven Nachrichten. Sie wurde ja nach einem nicht-öffentlichten, aber zB auf ytube veröffentlichten Konzert im Iran aufgrund ihrer Verbrechen Frau singt öffentlich und Frau ohne Kopftuch (=nackt) a) nicht zum Tode verurteilt, sondern b) nur zu 74 Peitschenhieben (wie auch die Musiker), die c) soweit bekannt zwei Monate nach dem Urteil immer noch nicht vollstreckt wurden und d) die Iran-Regierung an dieser liberalen Haltung festhält, obwohl ihre befreundeten Hamas-„Freiheitskämpfer“ angeblich vehement protestieren und damit drohen, demnächst ein iranisches Musikfestival zu besuchen, bei dem e) keine Berliner Pro-Palestine-„From the River to the Sea“-DJs auftreten.

Vor meinem Fenster kommt es angeblich bald zu Unwetter. Ist mir bei so vielen schönen Nachrichten ganz egal. Ist doch dann ne gute Zeit zum Weiterlesen/hören:

https://taz.de/Verfolgung-von-iranischen-Musikerinnen/!6191488/

Nichts zu danken. Wir machen doch nur unsern Job. Come Hell or High Water.



BETRUG IM BUSINESS

ist auch im Sektor „Buch“ nichts Neues, aber von dieser Variante habe ich noch nichts mitbekommen: „Onlinebetrüger haben es neuerdings auch auf Buchautoren abgesehen. Die Methoden sind oft raffiniert und perfide“ (damit musste man rechnen, und wenn sie es oft nicht offensichtlich sind, dann sind sie möglicherweise besonders perfide!):

https://taz.de/Buchautoren-als-Ziel-von-KI-Betrug/!6200860/

Daraus ein Detail: „Wenn man dazu bedenkt, dass es heutzutage durch aggressive Self-Publishing-Kolosse wie Amazon sehr einfach geworden ist, ein Buch ganz ohne Verlag online zu stellen … immer mehr potenzielle Opfer … Laut einer … Studie haben sich von 2022 bis Ende 2025 … die monatlichen Online-Buchveröffentlichungen auf Amazon auf über 300.000 Titel verdreifacht.“

Insgesamt also eine (weitere!) Erweiterung der berühmten Aussage von Graham Greene „writing is my business“.

Die im Artikel zitierte Aussage einer Festival-Kuratorin – „In einer Zeit, in der Schriftsteller ohnehin schon unter erheblichem finanziellen Druck stehen, sind Betrugsversuche, die ihre Hoffnungen auf Festivalauftritte und den Kontakt zu Lesern ausnutzen, besonders grausam.“ – ist allerdings, also besonders grausam ist das auch wieder nicht.



ES GIBT SO SÄTZE

die einem schon sehr seltsam vorkommen, wie bitte?!, falls sie dich nicht sogar aufregen oder sogar wütend machen. Der Song ist aus und dann sagt der Mann, der im Radio sitzt: gesungen von Marvin Gaye, der 1984 gestorben ist, wir kommen zu … – Hallo?! Ge-stor-ben? Marvin Gaye ist nicht gestorben, er wurde von seinem Vater ermordet. Zwei Schüsse. Als er seine Mutter beschützte, die mit dem Alten in Streit geraten war… – (Weil du im Alter penibel wirst, korrigiere ich mich: Nach einem Revisionsprozess wurde der Gaye-Killer nicht wegen Mord, sondern nur Totschlag verurteilt. Sechs Jahre: auf Bewährung. Gut weggekommen, auch weil er einen Gehirntumor vorweisen konnte. Mit dem er dann noch 14 Jahre am Leben blieb.)

Noch so ein Satz. In einem langen Artikel beschreibt der Politologe Mohamed Ibrahim, dass er sich aufgrund des mangelnden Mitgefühls der Deutschen für die Palästinenser nach dem 7. Oktober 23 „heute nicht mehr als Deutsch-Palästinenser, sondern als Palästinenser“ bezeichnet.Genau 1x steht „Hamas“ im langen Text: „Nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Zi­vi­lis­t*in­nen (…)“. Ach ja? Ein brutaler Angriff sind ca. 1200 Ermordete, 250 Geiseln, x Vergewaltigungen, 5400 Verletzte? Besonders genaue Sichtweise eines Politologen, der „seit vielen Jahren Dialog- und Bildungsprojekte [organisiert]“?

Der Artikel wird kontrovers diskutiert, hier links zum Original in der taz und zur Fakten- und Personenkorrektur in der FAZ (die nach einer ersten Zusage dann doch von der taz abgelehnt wurde):

https://taz.de/Solidaritaet-mit-Palaestina-in-der-BRD/!6201028/

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/replik-auf-taz-autor-mohamed-ibrahim-der-deutsche-und-israelis-als-schuldige-ausmacht-und-geschichte-klittert-accg-201138478.html

Daraus ein Detail: „2016 nahm Ibrahim an einer Demonstration für den Boykott Israels teil, die der islamistische Aktivist Martin Lejeune organisiert hatte. Nach dessen Plan sollte die Demonstration am Holocaustmahnmal stattfinden, als symbolische Brücke zwischen den Naziverbrechen und israelischen Militäreinsätzen, wurde aber auf Anordnung der Polizei um einige Hundert Meter verlegt. Das ist wohl die Art der Palästinasolidarität, die Ibrahim in Deutschland vermisst.“