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EIN NEUER AfD-WITZ

geht so: Wer spricht bei einer AfD-Demo gegen eine Dragqueen, die aus Kinderbüchern vorliest? Ein wegen Vergewaltigung vorbestrafter Mitarbeiter vom AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Jurca.

(Ebenso sachlich, aber ausführlich am 8.8.): https://www.br.de/nachrichten/bayern/dragqueen-liest-kinderbuecher-vor-afd-naher-protest-in-augsburg,VRPu9Ts



VIEL LOS IM OSTEN

Der Verein, den ich mitfinanziere, geht aus Gründen mit vielen Veranstaltungen in die Sagt-man-nicht-mehr-Ostzone und man kann nur hoffen, dass es was nützt…

Pressemitteilung des PENberlin vom 7. August 2026: „36 mal in Sachsen-Anhalt, Meck-Pomm & Berlin: Ist das noch|schon mein Land?

Am Montag, den 10. August, geht die Veranstaltungsreihe »Ist das noch|schon mein Land? – Gespräche über Heimat« der Autorenvereinigung PEN Berlin in die zweite Runde: in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, von Dessau bis Demmin, von Halberstadt bis Hellersdorf. 36 Veranstaltungen, 41 Tage, 112 Teilnehmer:innen. Den Abschluss der Reihe, die Anfang des Jahres in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz begann, bildet ein Poetry Slam in der Mokka-Milch-Eisbar in Berlin-Mitte.
Zu den Podiumsgästen gehören u.a. die Schriftsteller:innen Alhierd Bacharevič, Katerina Poladjan, Anne Rabe, Judith Schalansky, Helga Schubert und Ece Temelkuran, die Publizist:innen Jana Hensel, Jan Fleischhauer, Ronen Steinke und Ralf Schuler, der Schauspieler Charly Hübner, die Musiker Monchi und Sookee, die Soziologen Aladin El-Mafaalani und Steffen Mau, der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der Präsident des 1. FC Union Berlin, Dirk Zingler, der Präsidenten Bund der Steuerzahler, Reiner Holznagel, die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci und der Vonovia-CEO Luka Mucic.

Und immer und überall gestaltet das Publikum den Abend maßgeblich mit.

Zu Gast sind wir in Theatern, Kulturzentren und Literaturhäusern, aber auch in anderen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt relevanten Einrichtungen: in der Jüdischen Gemeinde Halle, im Grundtvighaus Sassnitz, im Stendaler Dom, bei der Freiwilligen Feuerwehr Pasewalk oder bei Union Berlin.

»Wir laden sehr unterschiedliche Menschen dazu ein, über Heimat zu reden, persönlich und politisch«, sagte Deniz Yücel, Sprecher von PEN Berlin. »Das lässt sich nicht trennen, das persönliche Heimatempfinden hat auch etwas damit zu tun, ob man sich im öffentlichen Raum sicher fühlt, Angst hat, keinen bezahlbaren Wohnraum zu finden oder sich um die wirtschaftliche Zukunft sorgt.«

Diese Fragen stellen sich in großen Städten teils anders als in kleinen Orten, in Ostdeutschland mit anderen Nuancen als in Westdeutschland. Aber sie stellen sich überall und bewegen die Menschen dieses Landes.

Einen Überblick über alle Termine, Orte und Mitwirkenden in Sachsen-Anhalt finden Sie hier, in Mecklenburg-Vorpommern finden Sie da und in Berlin dort. Wir bedanken uns bei der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland, dem Deutschen Bundestag, dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, dem Bundesprogramm »Demokratie leben!« und dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Vonovia SE, der Berthold Leibinger Stiftung, der Wüstenrot Stiftung sowie der Agentur Scholz & Friends für ihre Unterstützung. Ganz besonders danken wir allen mitwirkenden Einrichtungen.

Also, Sachsen-Anhalt, also MV, also Berlin: Reden wir über Heimat.“

>>> penberlin.de

(Stärker denn je halte ich mich übrigens an meine langjährige Erkenntnis: Heimat ist da, wo man sich aufhängt)



UNSCHLAGBAR

Dem berühmten Schlagerkomponist Ralph Siegel gehts nach schwerer Erkrankung besser und er berichtete (laut Spiegel.de, 1.8.) der Presse: »Ich habe aus dem Koma ein fantastisches Lied mitgebracht. Es ist in meinem Kopf, und ich weiß schon jetzt: Es ist unschlagbar« und er „wolle den Song beim nächsten Eurovision Song Contest (ESC) einreichen und habe genau so ein Gefühl wie damals mit »Ein bisschen Frieden«.“

Das finde ich noch nicht so bemerkenswert, sondern erst in Kombination mit Siegels Schilderung über sein künstliches Koma: „»Das war das Schrecklichste, was ich jemals erlebt habe … Ich kann mich nicht an Details erinnern, aber ich hatte Angst.« Das Koma sei »wie ein immerwährender Albtraum« gewesen: »Es war ein Gefühl, als ob ich gefangen und gefoltert wurde.«“



ZUM BESTEN AUS BAYERN

gehört zweifellos das Magazin MUH. Großformat 100 Seiten. Ausgabe Nr.61 „Sommer“ ist erschienen. Mit wie immer nützlichen, abenteuerlichen, politischen, historischen, irrsinnigen Beiträgen. Und mit meinem Nachruf auf den Freund, Abenteurer und Autor, den im März verstorbenen Ludwig Lugmeier. Der genau heute seinen 77. Geburtstag in Berlin gefeiert hätte.

Man kanns nur in echt lesen – bestellen und Infos und Covers hier:

https://www.muh.bayern/



WAS IST EIGENTLICH PEINLICH?

fragen wir uns fast schon lebenslänglich und manchmal ist die Antwort verflucht einfach. „Es ist wirklich peinlich, die Hamas als islamistisch abzustempeln“, hat ein gewisser Limes Schäfer, Bundessprecher der Linksjugend [solid], herausgefunden.

Während ich es wirklich peinlich finde, dass das Rumstempeln derart krasser Lügen nicht strafbar ist. Hundert Sozialstunden sollten in diesem Fall drin sein. Wahrscheinlich wäre es peinlich, dass es nicht mehr sind.



INDIEPOP & POPJOURNALISMUS TODAY

Song XX „wird mit ziemlicher Sicherheit ein Wiesn-Hit werden. Ist das nicht eh die höchste Auszeichnung für eine Münchner Band: „Wiesn-Hit“?“ (Michael Zirnstein in der Süddeutschen über Sportfreunde Stiller). [Wird schon so sein].

Der Konkurrenzkampf ist aber brutal: „KI-Song über Wal Timmy wird zum Hit – schafft er es zur Wiesn?“ (BR24 13.6.)



DIE KULTURWIRTSCHAFT WALDEN

in 86695 Blankenburg präsentiert seit einigen Jahren ein Kulturprogramm, das zum Allerbesten in der bayrischen Metropolregion Augsburg-München gehört. Und jetzt vom 26.-28.6. das Festival HOI, das nur noch unglaublich ist.

Im Style der Wirtschaft „genre – und generationenübergreifend“ mit „über 20 musikalischen Acts“ (präsentiert von BR-Zündfunk, Programm unten) und dafür gibt es „die Gaststube, den Biergarten mit Bühne und Tanzboden, eine Festivalwiese mit großer Bühne (samt dem dazugehörigen Wäldchen)“. „Park- und Zeltplatz sind kostenlos. Es gibt einen Shuttle Service vom Bahnhof Nordendorf. Fußweg vom Bahnhof 20-30 Minuten.“

Dabei sind u.a. die Krautrocklegende (der seit Faust konstant großartig unverwüstliche) Hans-Joachim Irmler, Stefanie Schrank, vom Trikont-Label Maxi Pongratz und Su Yono, der Frauenchor Witches of Westend, Joasihno, Angela Aux, G.Rag Y Los Hermanos Patchekos, Rabenbad, Rosa Anschütz&Kevin Kuhn (Die Nerven), Dr. Drexler Project.

Tickets und mehr Info: https://waldenkulturwirtschaft.de/hoi/

Freitag

Samstagneu

Sonntagneu 2



AN ALLEM SCHULD SIND DIE

Sozialdemokraten! Das glaube ich langsam wirklich. Jetzt wieder ein krasses Beispiel. Und dann platzen sie wieder vor Wut, wenn sie den alten Spruch „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ zu hören bekommen, und behaupten, es wäre ein Nazispruch, obwohl sie wissen, dass das nicht stimmt, sondern dass der Spruch 1919 von links kam und erst später von Nazis benutzt wurde. Und wen verraten sie – (ach ja, es gibt Ausnahmen, man muss es natürlich erwähnen, sonst käme niemand auf die Idee, dass es Ausnahmen gibt) – jetzt wieder? Alle, die gegen Antisemitismus antreten.

„Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetović, hat“ am 2.6. „ein neues Video und einen begleitenden Text zur Lage im Nahen Osten veröffentlicht. Darin macht er keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen der Region erklärt: den jüdischen Staat. Hamas? Keine Erwähnung. Hisbollah? Keine Erwähnung. Iran? Keine Erwähnung.“

Der ganze Kommentar mit Belegen: 

https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/an-allem-sind-oder-herr-ahmetovic/



DEUTSCHLAND WURDE VERNICHTET

was anscheinend noch nicht alle mitbekommen haben, wahrscheinlich wegen Tikstock und so, und deshalb habe ich in einem Artikel fürs neue deutschland (12.5.) mal bisschen drüber nachgedacht:

IRGENDWAS MIT SPRACHE

Wer sich entschlossen hat, in der Irgendwas-mit-Sprache-Branche irgendwas zu machen, interessiert sich in der Regel, so´n bisschen wenigstens, für die Frage, welches ist das richtige Wort?

Wenn sich jemand einen Dr.-Titel erarbeitet hat und sogar in Geschichtswissenschaft und sogar Gymnasiallehrer ist und nur deshalb zur Zeit davon freigestellt, weil er sogar im Brandenburger Landtag sitzt, habe ich sofort vollstes Vertrauen, dass er so gut wie garantiert immer das richtige Wort benutzt. Von gewissen Grauzonen, in denen manche Wörter dummerweise hängen und alle vor das Problem stellen, wo man sie einsetzen soll, mal abgesehn, das ist klar.

Ein gewisser Dr. Dominik Kaufner hat alle genannten Lebensleistungen erreicht und, soweit bekannt, sogar legal. Zu diesem auch in Deutschland nicht ganz unbekannten Jahrestag hat er vor wenigen Tagen dann dies veröffentlicht, Plakatstyle, große Buchstaben auf einem Foto (Flüchtlingstreck, Frauen und Kinder):

„KEIN TAG ZUM FEIERN 8. MAI 1945 TAG DER VERNICHTUNG“ und dazu sein Name mit AfD-Logo und Brandenburg-Adler.

Vernichtung also. Aber wer oder was wurde vernichtet? Die Nazis, das gilt als gesichert, nichtmal unmittelbar danach. Deutschland? Ebenfalls und offensichtlich bis heute nicht, bzw. um es ganz präzise zu formulieren: noch nicht. Oder ist es eine rein persönliche Aussage von Historiker Dr. Kaufner? Wurde seine Familie vernichtet, bevor er 1983 geboren wurde?

Findet man was dazu in seiner Dr.-Arbeit? Erschienen 2019 bei C.H.Beck und immer noch lieferbar: „Kloster, Stadt und Umland – Wirtschaftliche, memoriale und personelle Verflechtungen der Benediktinerabtei St. Emmeram in Regensburg“.

Und weiter geht die Suche nach dem richtigen Wort: Von der CSU kommend wurde Dr. Kaufner nach eigenen Angaben 2013 AfD-Mitglied und 2018 stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes der AfD Havelland. Daher die Frage, hat man ihn beim renommierten Verlag C.H.Beck aufgenommen, obwohl oder weil er ein AfD-Politiker ist? Keine Ahnung, Spekulation!

Aber auch ein weder-noch ist natürlich nicht ausgeschlossen. Weil der Dr. Kaufner einfach eine sensationell bahnbrechende Historikerdoktorarbeit abgeliefert haben könnte, deren Nichtveröffentlichung geradezu ein Verbrechen gewesen wäre: das zur Vernichtung von Regensburg geführt hätte.



AUF DEM DOROTHEENFRIEDHOF

in Berlin wurde am 8. Mai mein Freund, der Schriftsteller Ludwig Lugmeier bestattet. Meine Rede zum Abschied wurde von unserer Freundin und langjährigen Redakteurin Conny Lösch vorgetragen (und eine etwas versachlichte Version erscheint in der Sommer-Ausgabe des bayerischen Magazins MUH):

Liebe Trauergemeinde, sicher bin ich jetzt nicht allein hier mit dem Geständnis, dass ich einige der Dinger, die Ludwig gedreht hat, auch gerne gedreht hätte – und mit Dinger meine ich nicht nur seine Bücher.

Wir haben oft über Sprache diskutiert: Was ist das richtige Wort und gibt’s vielleicht ein besseres? In sowas konnte sich Ludwig verbeißen, und wenn ich schon zufrieden war, ließ er noch lange nicht los.

In diesem Moment würde uns also die Frage interessieren, ob ein Roman auch ein Ding sein kann, das man dreht: nicht wie einen Film, sondern wie einen Überfall. Ein Buch als Überfall zu betrachten, hätte uns gefallen – und das ist mehr als romantisches Wunschdenken: denn es gab einige Bücher mit einer derartigen Wirkung: schon als Jugendlicher war Ludwig von den Geschichten des Abenteurers Jack Bilbo dermaßen überfallen und gefesselt worden, dass er ein Mitglied der Mafia werden wollte, und Jahrzehnte später war er immer noch so gefesselt davon, dass er eine Biografie über diesen Jack Bilbo schrieb.

Ganz falsch!, würde Ludwig jetzt sagen, es hat mich doch nicht GEFESSELT, sondern im Gegenteil hat´s mich ENTFESSELT!

Und recht hätte er – tatsächlich hatte er als Teenager mit diesen Pulp Fiction-Büchern einen Weg raus aus der Dorfwelt von Kochel am See entdeckt. Die Atmosphäre dort hat er später so beschrieben: „Auschwitz hat nicht mehr geraucht, aber der Qualm hing noch über allem und vermischte sich mit dem bayrischen Katholizismus.“

In seinen beiden Romanen hat er mit schmerzhafter Präzision davon erzählt. Obwohl ich zehn Jahre später und fünfzig Kilometer weiter weg hineingeriet, war ich ebenfalls mit diesen Giftwolken, die Bayern verpesten, aufgewachsen, und das hat uns stark verbunden. Wie auch der nicht so häufige Fall, dass wir als Nichtstudierte Schriftsteller wurden.

Zu dem Mut und der totalen Konsequenz, mit der Ludwig ausbrach, war ich allerdings nie fähig. Sein Bild vom Gangster war ja für ihn nicht nur Protest gegen diese Verhältnisse, sondern außerdem die Voraussetzung, um eines Tages ein guter Schriftsteller zu werden. Echt irre jugendliche Hirngespinste, könnte man sagen, für die er dann teuer bezahlen musste – aber man könnte auch und muss sogar sagen: okay, bei ihm hat´s doch hingehauen!

Deshalb sei er sogar erleichtert gewesen, als er am Ende seiner Fluchten erstmal ausweglos und lange ins Loch einfahren musste, erzählte er, weil er dann endlich das tun konnte, was er eben schon lange tun wollte: Schreiben.

Ludwig las aus seinem ersten Roman in einem Theater in Augsburg, als wir uns 1992 kennenlernten. Meine Frau Christiane Lembert filmte diese lange Serie von Lesungen und die Interviews, die ich mit den Autor*innen führte. Es ging dabei immer nur um die Frage, warum und wie sie schrieben, und davon erzählte niemand so genau, durchdacht und druckreif wie Ludwig. Ich kannte diesen Lugmeier, denn er war ja eine Gangsterlegende, ein Held für uns Anti-Bayern-Bayern: den privat anzusprechen ich mich dann nicht getraut hätte. Aber es war mein Glückstag: denn als Ludwig meinen Namen hörte, riss er die Arme hoch und strahlte mich an. Er hatte Bücher von mir gelesen und fand sie gut, und wir tranken und palaverten einige Stunden.

Etwas, das mir später noch öfter auffallen sollte: Er hätte mit seinen Erfahrungen von Outlaw bis Knast angeben können, aber das war nicht seine Art, und andererseits tat er nicht so, als hätte er sich in einer anderen Zeit als anderer Mensch leider mal zu besonders krassen Aktionen hinreißen lassen. Er war schon auch ein bisschen stolz darauf – vor allem aber war er stolz darauf, dass er seinen gefährlichen beschwerlichen Weg zum Autor tatsächlich geschafft hatte.

Seitdem waren wir also Freunde – und Kollegen, deren Freundschaft so weit ging, dass sie sich kritisieren konnten: obwohl Kritik der Schriftstellerfreundschafts-Killer Nr.1 ist!

Ludwigs Position dabei war eher die Sprachanalyse und ich habe einige Listen mit Korrekturen von ihm – während ich eher mal die mahnende Stimme am Zeitfenster war. Als er z.B. nach intensiver Vor- und Schreibarbeit seinen „Faktenroman“ über diesen Jack Bilbo so gut wie abgeschlossen hatte und ich ihm zum großartigen Buch gratulierte, gestand er mir, er habe sich grade entschlossen, das Ding umzuschreiben, von Anfang an, weil´s nicht gut wäre, nicht gut genug – und dann redete ich eine ganze Nacht lang auf ihn ein, dass das nicht stimmte und er solle das wirklich sehr gute Ding endlich weghauen, was Neues angreifen, verdammt noch mal: ich machte mir Sorgen, dass er das Ding nicht drehen, sondern sich jetzt darin verirren würde. Natürlich kam ich nicht damit durch und natürlich verirrte er sich nicht.

Naja – ganz egoistisch hätte ich mir ein paar Bücher mehr von ihm gewünscht. Aber die Sorgfalt, Geduld und Selbstkritik, mit der Ludwig schrieb, und auch sein Mut, Schwieriges nicht zu vereinfachen oder zu beschönigen, hätte eben für drei sehr ernsthafte Schriftsteller gereicht. Und insofern ist sein großartiges Werk also doch umfangreich.

Einmal schickte er mir ein Gedicht, das ich so gut fand, dass ich ihn fragte, ob er mehr davon hätte. Eine Plastiktüte voll, sagte er, taugt aber nichts. Du lügst mich doch an, sagte ich. Aber das kann ich nicht – oder hoffentlich: noch nicht (und diese Plastiktüte taucht auf) – beweisen.

Der Luggi zuckte nur mit den Schultern, als ich wissen wollte, wie er es angestellt hatte, zwölf Jahre Gefängnis so gut zu überstehen. Weil er kein kaputter, zynischer oder verbitterter, sondern ein warmherziger Mensch war. Mit einem wunderbaren und auch schwarzen Humor, den er vor allem im Gedichtband „i“ (der zu schmal ist, um das Ergebnis der erwähnten Plastiktüte zu sein) und im letzten Buch mit Erzählungen sozusagen voll ausgefahren hat.

Warum er auf dem Foto, mit dem ihn meine Frau erwischt hat, dermaßen ansteckend lacht, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe ein ähnliches Foto im Kopf: Wir saßen bei uns in der Küche, und unsere kleine Tochter und eine Freundin tobten durch die Wohnung, sie hatten sich mit Mützen und Tüchern verkleidet und fuchtelten mit Holzstöcken herum. Was spielt ihr?, fragte Ludwig. Sie bauten sich vor ihm auf und brüllten: Wir sind Bankräuber! Und dann lachte sich der Ludwig kaputt.

Ich bin traurig, dass er von uns gegangen ist – und werde ihn immer vermissen – und werde mich immer glücklich schätzen, dass wir Freunde waren – und sage jetzt für mich und für uns alle: Lieber Ludwig, farewell!

*****

(Auf der Suche nach passender Musik gab ich auf gut Glück auch mal „Palermo“ ein, was ein Sehnsuchtsort von Ludwig war, und damit fand ich ein Instrumental, von dem wir uns einig waren, dass es wie die Faust aufs Auge passte: „Palermo“ von Paolo Fuschi)