Literatur

RIESENRAD LITERATUR POLIZEI

Gestern Brecht vorgelesen im Riesenrad, sanft geschaukelt und umweht von Discoklängen, Heiteres und Nachdenkliches. Zum Beispiel Kunst: „Me-ti rühmte von Mi-en-leh, daß er Kohlen mit der Hand ins Feuer werfen konnte, ohne sich schmutzig zu machen“. Oder Über Polizei: „Me-ti sagte: Der Staat hat kein Recht, einen Menschen für die Dauer zum Polizisten zu machen“. (Das war vorgegeben, Texte aus Me-ti, Buch der Wendungen). +++ Notiere in mein Ta-bu: Be-Be vorgelesen im Riesenrad bei Sturm, ohne die Kabine vollzukotzen! Und was haben die dabei sich wohl gedacht, die mir zuhörten? Werden wir den Sturm überstehen? Und die anderen Stürme auch? Ich wollte nur eine Bratwurst, aber mein Mann immer mit seinen Leerstücken?



BEST OF MENSCHHEIT

ist der Titel einer neuen super Kolumne, die Ex-Titanic-Boss Tim Wolff für das Neue Deutschland schreibt. Dessen Feuilleton seit Chefredaktor Christof Meueler, der zuvor 20 Jahre lang mein Feuilleton-Betreuer bei der jungen Welt war, einen großen Zahn zugelegt hat.

Hier Wolffs Essay über Politische Korrektheit:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1132685.politische-korrektheit-einfach-alles-umluegen.html?sstr=tim|wolff

Hier ein Interview mit Tim Wolff: https://kaput-mag.com/catch_de/tim-wolff/

Und damit haben Meueler und ich mal unsere knappe Freizeit verbracht. Aber nicht umsonst: „Musikbuch des Jahres“, meinte Die Zeit.

Bildergebnis für die trikont-story Heyne Hardcore, 2017, 464 S., ca. 5000 Abb. Kaufense:

https://trikont.de/shop/themen/die-trikont-story/die-trikont-story-musik-krawall-und-andere-schoene-kuenste/



DIE LITERATUR DER KRISE

ist auch das Thema eines großen Interviews, das FR-Crime-Spezialistin Sylvia Staude mit Ariadne-Verlegerin Else Laudan geführt hat und das sicher nicht nur für „these girls“ wie mich interessant ist:

https://www.fr.de/kultur/literatur/else-laudan-frauen-erzaehlen-geschichten-anderen-blickwinkeln-13540242.html



EINER DER GROSSEN US-AUTOREN

Jerome „Jerry“ Oster ist am 26. Januar in den letzten Zug nach Nirgendwo gestiegen, ein paar Tage nach seinem 77., am Ende einer so wechselhaften wie letztlich erschreckend kaputten Karriere … hier der Nachruf von Robert Brack im neuen CrimeMag:

http://culturmag.de/crimemag/nachruf-auf-jerome-jerry-oster-2/123667

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DR. WALTER SERNER

wurde am 15. Januar 1889 in Karlsbad geboren und ist nicht nur einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller aller Zeiten, sondern auch einer der intelligentesten.  Seine erste Sammlung mit Kriminalstories erschien 1921. Die Nazis setzten seine Bücher auf die Liste „des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ und ermordeten den Juden Walter Eduard Seligmann, der zuletzt im Prager Ghetto als Sprachlehrer tätig war, und seine Frau Dorotea 1942.

Der Jurist als Doktor und Lebensretter im Ersten Weltkrieg:

https://www.franzdobler.de/2013/01/21/wie-franz-jung-einmal-vom-dr-serner-geholfen-wurde/bb

Sein berühmter Roman Die Tigerin in Hörspielfassung:

https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/die-tigerin-von-walter-serner/1034518

Sein legendäres „Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“ Letzte Lockerung gesprochen von Tocotronics Dirk von Lowtzow:

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/hoerspiel-und-medienkunst/hoerspiel-serner-letzte-lockerung-102.html

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JÜRGEN PLOOG

Für Jürgen Ploog zum 85. hat der Schweizer Dichter und Literaturkritiker Florian Vetsch eine Spezialausgabe für die Züricher Fabrikzeitung zusammengestellt: Ein sehr gutes Line-Up kommentiert das Werk oder erzählt über einen der interessantesten deutschen Autoren und so ziemlich letzten Vertreter der German Beats.

https://www.fabrikzeitung.ch/#/xx

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40 JAHRE EDITION TIAMAT

Zum Jubiläum hat Christof Meueler im Neuen Deutschland dieses Grußwort gezündet, und er hat keineswegs übertrieben:

Verleger Klaus »Bittermann kommt vom Anarchismus und kämpfte noch nie für irgendeinen Parteiaufbau, sondern stets gegen die Verlogenheiten der bundesdeutschen Gesellschaft, gegen Nationalismus, Antisemitismus und Dicktuerei, die bei Tiamat vorneweg attackiert wurden von den wichtigsten drei Autoren, Wiglaf Droste, Wolfgang Pohrt und Eike Geisel, die schon alle nicht mehr sterblich sind, wie sich Droste gerne ausdrückte. Er selbst starb im Mai dieses Jahres im Alter von 57 Jahren, »denn irgendwann gab es für Wiglaf kein Zurück in das geregelte Leben der heilen, abstinenten Welt, genauso wenig wie für Hunter S. Thompson und Guy Debord, zwei andere Fixsterne am Tiamat-Himmel, die aus Notwehr gegen die pathische Normaliät tranken«, schreibt Bittermann in seinem neuen Buch »Einige meiner besten Freunde und Feinde«. Darin erinnert er an die verstorbenen Helden seines Verlags, wie etwa den »letzten Marxisten« Robert Kurz, den »Paganini der Abschweifung«, Harry Rowohlt, die erfrischend unsentimentale Fanny Müller oder den trotz all seiner Genialität eher flachen Autor Roger Willemsen.«

https://edition-tiamat.de/category/neuerscheinungen/



BOB KAUFMAN IST

womöglich der faszinierendste unter den Beat-Poets, womöglich weil er (1925-86) der geheimnisvollste ist, womöglich weil er der am häufigsten untergetauchte ist oder der jazzigste von allen etc. (s. unten). Egon Günther hat jetzt einen neuen großartigen zweisprachigen Reader herausgegeben und übersetzt mit Werken von 1956-78:

186 S., 16 €

http://www.stadtlichterpresse.de/buch/978-3-947883-08-0.html

„In den Anfangstagen der San Francisco Renaissance wurde Bob Kaufman so etwas wie eine Legende. Seine Dichtung entstand während der Dichterlesungen durchweg aus dem Stegreif, oft von Jazz inspiriert. Mit seiner Improvisationstechnik, dem surrealistischen automatischen Schreiben verwandt, schuf er ein Werk, das von visionärer Lyrik, durchsetzt von satirischen, meist dadaistischen Elementen, bis hin zu prophetischer Dichtung, gespeist aus politischem und sozialem Protest, reichte.“

»Bob Kaufman war ein Dichter der Straße, ein Dichter der Menschen, ein Dichter der Dichter. Er war ein multiethnischer Dichter, ein afroamerikanischer Dichter, ein Beatdichter, ein surrealistischer Dichter, ein Jazzdichter, ein verfemter Dichter, ein New Orleans-Dichter, ein San Francisco-Dichter. Er war Mitbegründer und ›lebendiges Beispiel‹ der Beat Generation als literarisches, historisches und existenzielles Phänomen.« (Maria Damun, in The Outlaw Bible of American Poetry)



THORWALD PROLL IST

ja in den letzten 50 Jahren als dies und das bezeichnet worden, tatsächlich aber ist er einer der eigenwilligsten und interessantesten Lyriker, und nicht nur der „Pierrot Le Fou“ (wie ihn mal jemand im Godard´schen Sinn bezeichnet hat), sondern der Karl Valentin (oder sogar James Brown, dafür gibt es gute Gründe) unter den standhaften 68-ern, der seinen zahlreichen Gedichtbänden jetzt diesen hinzugefügt hat, check it out – get it on!

Thorwald Proll - Radikalinski

Gedichte Trikont-Duisburg und Dialog-Edition, 2019, 66 Seiten, 10 €

„Thorwald Proll geb. 22.7.1941 in Kassel, besuchte dort das humanistische Gymnasium.
Kam über ein Anfangsstudium für Germanistik und Theaterwissenschaften nicht hinaus.
Stattdessen lernte er in der Studentenbewegung einige „Volksuniversitäten“ (Gefängnisse) kennen. Folgerichtig erschien sein erster Gedichtband 1972 über die Zeit im Gefängnis als lyrische Beichte mit dem Lektor Klaus Röhler im Luchterhand Verlag. Zuletzt erschienen, jeweils als Self Publishing, die Bücher: „Raus mit der Sprache“, 2016 und „(M)Ein 68 Aufzeichnungen Briefe (Tagebuch) Schlusswort im Kaufhausbrandprozess Fotos Dokumente im Sinne des Unerforschlichen“, 2018.“



DAS GLÜCK DER FALSCHE FÄHRTEN

Unser alter Freund und Kollege (und Wien-Korrespondent darf man sagen) und der spannendste Schweizer Schriftsteller (sagen nicht nur wir), Andreas Niedermann, hat nicht nur ein neues Buch draußen, sondern es ist nach circa 13 oder vielleicht 23 Büchern sein most spooky & crazy Werk (bei allem Realismus, für den er geschätzt wird). Wunderschön passender Titel : Das Glück der falschen Fährten. Die 132 Seiten starke Novelle (bei Edition Baes) würden knallharte Marketing-Experten-Autor*innen natürlich Roman nennen, während wir mit einem Bulleit drauf anstoßen.

DIE AKTION DAZU HEUTE IN WIEN

ZUM INHALT „Was machen, wenn eines Tages eine berühmten Singer-Songwriterin bei einem einquartiert wird? Wenn Lucinda Williams, die sie sich in Wien – inkognito – ihre ramponierten Stimmbänder behandeln lassen will, mit einem Mal dasselbe Bad benutzt? Niedermann, der einen Vortrag zu schreiben hat, kommt dabei schwer aus dem Tritt. Jede Nacht erscheinen ihm Countrygrößen im Traum, seine Arbeit geht nicht voran, und so vertreibt er sich die Zeit mit Spaziergängen, dem Abschreiben fremder Texte, Erinnerungen an Boxkämpfe und Lesungen, vergangene Skandale und das 90er-Jahre Wien. Dabei denkt er auch über den Literaturbetrieb nach, streitet sich mit seinem Kollegen, dem Bestsellerautor Alex, und versucht ansonsten Lucinda Williams Aufenthalt in seinem „Camp“ so angenehm wie möglich zu gestalten.“

EIN AUSZUG “Bis vor kurzem hatte ich an der Uni geboxt, von 6 bis 7.30 Uhr … mir gefiel die Idee, dass mein Umgang mit der geistigen Elite dieses Landes sich auf das Austauschen von Schlägen, von Haken und Geraden beschränkte. Auf was sonst?, könnte ein Kritiker der geistigen Elite nachhaken. Aber die Kritiker der geistigen Elite gehörten ebenfalls zur geistigen Elite, und eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus. Außer die Krähe war der Ansicht, dass die andere Krähe über ein drittes Auge verfügte, das ihr einfach nicht zustand. Aber wen interessierte das? Lesen Sie Thomas Bernhard, der hatte dazu einiges zu sagen. Nein, lesen Sie Bernhard nicht. Wozu auch?”

EINE ART HINWEIS könnte man auch die neuste Short Story „Bad Ass“ auf seinem Blog nennen – aber Achtung! Für verblödete Radfahrer mit schwachen Nerven nicht geeignet!

http://songdog.at/blog/?p=14405