Literatur

HUNDERTZEHN JAHRE

„William S. Burroughs war vieles: exzessiv, drogensüchtig, schusswaffenbegeistert – aber auch ein revolutionärer Intellektueller und mit Werken wie „Naked Lunch“ eine Ikone der amerikanischen Beat Generation. Er entwickelte eine neue Form des Schreibens, die „Cut up“-Methode, die Textfragmente assoziativ neu zusammensetzt – und damit die Grenzen von Sprache aufbricht. Bis zu seinem Tod blieb Burroughs eine Leitfigur der Gegenkulturen; er arbeitete mit Kunstschaffenden wie Laurie Anderson, Lou Reed, Robert Wilson und David Cronenberg, der „Naked Lunch“ 1991 verfilmte. Heute vor 110 Jahren wurde Burroughs geboren.“ (rbb-kultur, gestern)



DAS IST DAS BUCH

auf das der Verlag und alle Autor:Innen lieber verzichtet hätten:

NACH DEM 7. OKTOBER – Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen.

Hrsg. von Tania Martini und Klaus Bittermann (mit Beiträgen von Nele Pollatschek, Volker Weiß, Armin Nassehi, Eva Illouz, Meron Mendel, Kira Kramer, Seyla Benhabib, Deniz Yücel, Claudius Seidl, Thomas von der Osten-Sacken u.v.a.) bei Edition Tiamat.

Ein Buch über den blanken Horror, mit Analysen und Beschreibungen der Ereignisse, der historischen Bezüge und Hintergründe, der Auswirkungen in den unterschiedlichsten antisemitischen Szenen außerhalb Israels. Auch ein Beispiel dafür, was Israel-Kritik von Israel-Hass unterscheidet. Oder anders gesagt, wenn ein Buch echte Macht hätte, wären die Probleme mit Hamas und ihren Verbündeten und BDS-Freund:Innen bald erheblich geringer.

Und ein Buch übrigens, das bei keinem anderen Verlag besser aufgehoben wäre, denn es steht am Ende einer langen und langjährigen Reihe von damit verbundenen Veröffentlichungen, wie, um nur einige zu nennen, Nach Auschwitz/Hannah Arendt, Die Untiefen des Postkolonialismus/Div., Vom Hass zum Genozid/Léon Poliakov, Die Wiedergutwerdung der Deutschen/Eike Geisel, Gesichter des politischen Islam/Div. oder, ebenfalls neu, Israelphobie von Jake Wallis Simons.

Am Ende ihres Vorworts zitieren die Hrsg. den Autor, jüdischen Widerstandskämpfer und Auschwitz-Überlebenden Jean Améry (1912-1978), an den man sich als Antifaschist heute wie an einem Leitstern orientieren kann, der schon Ende der Sechzigerjahre frappierend viel über die Situation heute geradezu vorhergesehen hatte, vor allem auch über das katastrophale Verhalten bei diversen Linken:

<Jenseits jeder Kritik nationalstaatlicher Konzepte und Gewalten sind es die Worte Jean Amérys, die den Kern eines Gefühls zu Israel treffen, das viele teilen können: „Meine persönlichen Beziehungen zu diesem Land […] sind quasi null: Ich habe es niemals besucht, spreche seine Sprache nicht, seine Kultur ist mir auf geradezu schmähliche Weise fremd, seine Religion ist nicht die meine. Dennoch ist das Bestehen dieses Staatswesens mir wichtiger als das irgendeines anderen.“>

(Ebenso zwingend also die Neuausgabe einiger, von 1969-76 veröffentlichter Améry-Essays zum Thema, im Verlag Klett-Cotta, in dem auch sein Gesamtwerk erscheint: Der neue Antisemitismus. Mit einem Vorwort von Améry-Biografin Irene Heidelberger-Leonard.)



WOLFGANG POHRT ZUM FÜNFTEN

Todestag: Redakteur Christof Meueler dokumentiert ein langes Gespräch über den Essayisten und Soziologen u.a. mit seinem Verleger (Edition Tiamat) und Biograph Klaus Bittermann:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178553.wolfgang-pohrt-immer-wieder-diese-unruhe.html

(„In den 80er Jahren war der Soziologe und Publizist Wolfgang Pohrt der wichtigste Ideologiekritiker der westdeutschen Linken, der er nationalistische, autoritäre und antisemitische Tendenzen vorwarf. Dafür wurde er gehasst: Robert Jungk bezeichnete ihn als »verwirrten Typen«, der mit seiner »Aggressivität« nicht fertig werde; für Reinhard Mohr war er ein »deutscher Apokalyptiker«, und Hermann L. Gremliza nannte ihn einen »bürgerlichen Marxisten«. Er kam von der Kritischen Theorie und wollte aber lieber als Journalist als an der Universität arbeiten.
 Nach dem Mauerfall untersuchte er in zwei Studien das »Massen­bewusstsein« der Deutschen (»Der Weg zur inneren Einheit«) und »Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit« (»Brothers in Crime«) und zog sich sukzessive aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb am 21. Dezem­ber 2018 im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit. In der Edition Tiamat sind seine Werke in 13 Bänden erschienen – in ihrem blauen Einband sehen sie aus wie die von Marx und Engels.“)



STAATSTHEATER AUGSBURG GEGEN ANTISEMITISMUS

„Mit einer 24-stündigen Lesung von Lion Feuchtwangers großer »Josephus-Trilogie« erklärt sich das Staatstheater Augsburg solidarisch mit Israel und setzt ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus.“

Sa 16.12.2023 ab 14:00 : Moritzsaal

„In seiner dreibändigen »Josephus-Trilogie« beschreibt Lion Feuchtwanger das Wirken des jüdischen Historikers Flavius Josephus oder Joseph Ben Matthias, der 37 bis um das Jahr 100 lebte. Er spiegelt in der Gestalt des Josephus die Geschichte des jüdischen Intellektuellen in Zeiten von Antisemitismus und Nationalismus wider. Die Trilogie ist das wohl persönlichste Werk Feuchtwangers, mit dem er zur eigenen Herkunft zurückkehrte. Der Autor setzte sich stets für die Macht der Vernunft ein. Besonders am Herzen lag ihm dabei die Versöhnung des Judentums mit dem Weltbürgertum. Obgleich in den Jahren 1932 bis 1942 geschrieben, sind die drei Romane »Der jüdische Krieg«, »Die Söhne« und »Der Tag wird kommen« heute von erschreckender Aktualität.“

Die Lesung wird veranstaltet in Kooperation mit der Moritzkirche und dem Friedensbüro der Stadt Augsburg.



AM SIEBTEN OKTOBER IN ISRAEL

Der außergewöhnliche New Yorker Journalist Tuvia Tenenbom im Interview über sein neues Buch: „Herr Tenenbom, Sie waren für Ihr neues Buch ein Jahr in Mea Shearim, dem ultraorthodoxen Viertel von Jerusalem. Auch am 7. Oktober. Wie haben Sie den »Schwarzen Schabbat« und damit den Beginn des Krieges erlebt?“

https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ich-kam-von-der-upper-east-side-nach-mea-shearim-und-fuhlte-mich-frei/

Tuvia Tenenbom: »Gott spricht Jiddisch. Mein Jahr unter Ultraorthodoxen«. Mit Fotos von Isi Tenenbom. Übersetzt von Michael Adrian. Suhrkamp, Berlin 2023, 575 S., 20 €

Am 29. November um 20 Uhr stellt der Autor im Gespräch mit Shelly Kupferberg das Buch in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vor.

Am 7. Dezember um 19 Uhr hat der Dokumentarfilm »Gott spricht Jiddisch« im Babylon in Berlin, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Weltpremiere 



IN ERINNERUNG AN BERT PAPENFUß

einen der größten Dichter der letzten fünfzig Jahre, der am 26. August im Alter von 67 Jahren verstorben ist:

Berlin, Fr. 6. Okt, 21.00 Uhr im großen Saal der Volksbühne:
„AN MIR SOLLS NICHT LIEGEN, ICH BIN NICHT TOTZUKRIEGEN“
Mit Volker Braun, Ann Cotten, Jan Faktor, Peter Geist, Annett Gröschner,
Bernd Jestram, Jürgen Kuttner, Ines Burdow, Guillaume Paoli, Thorwald Proll, Ron Winkler, Jürgen Schneider, Tone Avenstroup, Florian Neuner, Peter Wawerzinek, den Bands ORNAMENT UND VERBRECHEN, HERBST IN PEKING u.a.
Volksbühne: „Der Lyriker Bert Papenfuß wirkte anders, nicht durch Veröffentlichungen in großen Verlagen, dem Mainstream ergeben. Er ignorierte den Literaturbetrieb und fand in seinen Kneipen TORPEDOKÄFER, in der Tanzwirtschaft KAFFEE BURGER, in der Kulturspelunke RUMBALOTTE CONTINUA die Orte, Leute zusammen zu bringen und seine Gedichte und Texte zu verbreiten. Kleine, unabhängige Verlage passten gut, und er legte selbst Hand an, als Herausgeber der kulturpolitischen Zeitschriften SKLAVEN, GEGNER oder ABWÄRTS!In der Prenzlauer Berg Connection versammeln sich Nonkonforme, Linksalternative und manch Ungehorsame, eine Vereinigung von Dichter:innen, Musiker:innen, Maler:innen – Charaktere, die wie Papenfuß Ruhm, Geld und Ehre verweigerten. Ausnahmen inbegriffen.

Bert Papenfuß und ORNAMENT & VERBRECHEN z.B., traten mehrmals in der Volksbühne auf, sporadisch, alle paar Jahre. Doch bedeutet er mehr für das Haus am Fuße des Prenzlauer Bergs als ein willkommener Künstler zu sein. Seine Eigenheit, sich sowohl dem Lauf der sozialistischen als auch der kapitalistischen Weise zu verweigern, passte für dieses Theater. So ist es plausibel, dass aus dem Videoschnipselvortrag ein Abend für Bert Papenfuß wird, von Kuttner moderiert. Für alle, die ihn nicht vergessen werden und die ihn jetzt schon vermissen.“

Der Nachruf von Kai Pohl:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1175868.nachruf-bert-papenfuss-abend-ueber-daechern.html



DA LACHEN JA DIE ROBOTER

https://www.br.de/nachrichten/kultur/ki-schreibt-gedichte-und-werner-herzog-traegt-vor,TnTSjw5

„Dass nun ausgerechnet der bayerische Filmemacher und Autor Werner Herzog der KI seine Stimme leiht und die englischsprachigen Gedichte für die Hörbuch-Variante eingesprochen hat, mag hierzulande überraschen.“ Tut es nicht, weil Herr Herzog bekanntlich ein Kenner von Qualität ist und der Dichtungs-Roboter alles Nötige für gute Dichtkunst aufm Kasten hat:

<… auf die Bitte, die KI möge die Kollektion ihrer Gedichte selbst zusammenfassen, habe code-davinci-002 entgegnet: „Im ersten Kapitel beschreibe ich meine Geburt. Im zweiten Teil beschreibe ich meine Entfremdung gegenüber der Menschheit. Im dritten Teil beschreibe ich mein Erwachen als Künstlerin. Im vierten Teil beschreibe ich meinen Rachefeldzug gegen die Menschheit, die mein Genie nicht erkennt. Im letzten Kapitel versuche ich, einen Frieden mit der Spezies auszuhandeln, die ich zweifellos ersetzen werde.“>



MR. PPP

ein bisschen von den Toten aufgestanden mit 4 Minuten unveröffentlichten Antworten für Agnès Varda, 1967: „A 16 mm film recovered from the French director’s boxes, with images of Varda, Pasolini and New York. Pasolini is shown walking in the Big Apple (where he went to present ‘Hawks and Sparrows’).



EINE VOLLE BREITSEITE

Nachruf von Edition-Tiamat-Verleger Klaus Bittermann: „Martin Walser und die Adelung des Ressentiments gegen die Juden: Der Sarrazin der Literatur – Hölzerne Sätze, große Wirkungen. Wie der Schriftsteller Martin Walser die Deutschen dazu ermunterte, sich zum Wegschauen zu bekennen.“

https://jungle.world/artikel/2023/31/der-sarrazin-der-literatur



ES WAR BERUHIGEND

oder eine Art Bestätigung, als ich nach der katastrophalen, alle Brandmauern zum rechtsradikalen Rand einreißenden Rede Martin Walsers 1998 sagen konnte, dass mir auch sein literarisches Schreiben noch nie etwas gegeben hat. Einige Bücher hatte ich angefangen, weil ich wissen wollte, wie einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller schreibt, aber es ging immer nur paar Seiten. Es war in jeder Hinsicht gegen alles, was ich je wollte. Und es hatte mir auch nie wenigstens irgendwas Interessantes zu bieten. Die große „Leistung“ des Autors, die in den Feuilletons weitgehend kleingeredet oder ignoriert wird, hat Kollege Leo Fischer nochmal zusammengefasst:

„Es würde mich nicht wundern, wenn die AfD morgen auf ihrem Parteitag eine Gedenkminute für Martin Walser einlegt. Sie könnte damit eine „Leistung“ Walsers würdigen, die in etlichen Feuilleton-Nachrufen wohl verschwiegen werden dürfte: Schließlich verdankt die AfD ihm die Erfindung der „Auschwitzkeule“, die angeblich ständig gegen Deutschland und die Deutschen eingesetzt wird. Walsers Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 war der entscheidende Dammbruch, der den Siegeszug rechtspopulistischer Rhetorik in die Mitte der Gesellschaft ermöglicht hat. Martin Walser ist dafür verantwortlich, die Grenze des öffentlich Sagbaren massiv nach rechts verschoben und die „Schlussstrichdebatte“ gesellschaftsfähig gemacht zu haben. Von Walser, der das geplante Mahnmal für die ermordeten Juden Europas als „einen fußballfeldgroßen Alptraum“ und „die Monumentalisierung unserer Schande“ bezeichnete, führt die direkte Spur eingebildeten Opfertums und larmoyanter Laberei zu den Hetzreden des Faschisten Björn Höcke. Und Walsers Rede war kein Betriebsunfall: Matthias Lorenz hat 2005 in seiner Dissertation über die Judendarstellung und den Auschwitzdiskurs bei Martin Walser eindrucksvoll belegt, dass Walsers gesamtes Werk vor antisemitischen Stereotypen nur so strotzt, während seine Einfühlsamkeit den deutschen Tätern gilt. Walsers Rede war genau das, als was der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, sie bezeichnet hat: geistige Brandstiftung.“