Literatur

THE DIFFERENT DEAL

„I talk a lot [in the book] about my childhood and my background, but I never knew writing a book was going to be this difficult. Everybody said, “You’re a songwriter, you’ll be great.” But it’s such a whole completely different deal.“ (Lucinda Williams)

https://www.vanityfair.com/style/2023/02/lucinda-williams-interview



DIE TOTALDICHTE VERFASSUNGSDICHTERIN

Der Politik-Redakteur überlegt, ob er das Zeh-Zeugs kommentieren soll und freut sich, dass es der geschätzte Kollege und Verbrecher-Verlag-Autor Markus Liske grade und viel besser zerlegt hat. Sein Knockout vorweg: „Dass so jemand wie Zeh in diesem Land derzeit zu den Top-Intellektuellen gezählt wird, verrät einiges über den Zustand dieser Gesellschaft. Dass sie aber außerdem noch als brandenburgische Verfassungsrichterin tätig sein darf, ist schon ein bisschen beängstigend.“

<„Vielleicht war es eher ungewöhnlich, dass es in den neunziger und den zweitausender Jahren in Deutschland so ruhig war. Unsere Generation war nicht sehr aktivistisch, es war eine absolut optimistische Zeit, mindestens ein Jahrzehnt lang hatte man nach der Wiedervereinigung den Eindruck: Alles wendet sich zum Besseren“, sagt Juli Zeh im NZZ-Interview. Ob es die zahllosen rassistischen Morde in dieser Zeit, die Pogrome von Rostock und Hoyerswerda, das Entstehen einer rechtsextremen Massenbewegung als Keimzelle der AfD oder nur das Raubrittertum der Treuhand und die sozialen Verheerungen in Ostdeutschland waren, die in dieser Zeit ihren Optimismus befeuerten, verrät sie leider nicht. Dafür erklärt sie noch mal eindringlich, dass die Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 für alles Böse der Gegenwart verantwortlich ist. Letztlich auch dafür, dass ihr armer Mitautor („nur eine kleine Wohnung in Hamburg“) vom totalitären Pandemieregime zur Heimlichkeit gezwungen wurde, wenn er während des Lockdowns sein Ferienhaus in Schleswig-Holstein besuchte. Und natürlich auch dafür, dass man heute gleich als Putinist gilt, nur weil es einem egal ist, ob die Ukraine von Russland annektiert wird oder nicht … Dass so jemand wie Zeh in diesem Land derzeit zu den Top-Intellektuellen gezählt wird, verrät einiges über den Zustand dieser Gesellschaft. Dass sie aber außerdem noch als brandenburgische Verfassungsrichterin tätig sein darf, ist schon ein bisschen beängstigend. Und dass sie Mitglied in der SPD ist … aber klar doch, wo sonst. Brrr.> (f-book, 22.1.)



ENDLICH GIBT ES

in der Buchbranche (ich hätte fast das n vergessen) ein neues Sub-Genre und ich habe sofort Jaaa! gebrüllt, als ich es heute zum ersten Mal auf einem Buchcover gesehen habe: „KLIMA-THRILLER“ (auch im Original in Großbuchstaben). Womöglich steht Klima-Thriller schon auf 111 oder sogar mehr Büchern, aber ich habe es verpasst. Ich glaube, „Stalker“ ist auch ein Klima-Thriller, obwohl die meisten glauben, dass Stalker ein Stalker-Thriller ist. Falls nicht sogar ein Romantik-Thriller. Muss mal drüber nachdenken. Falls noch genug Zeit ist. Also zum Nachdenken, während ich einen Heimat-Klima-Killer-Thriller schreibe.



ACHTERNBUSCH HÖRSPIEL HOMMAGE

zum ersten Todestag: „“Herr Achternbusch, wie heißen Sie?“ von Andreas Ammer/Herbert Achternbusch – Hommage an Herbert Achternbusch · „Du hast keine Chance, aber nutze sie“.

Musikalisches Hörspiel mit Texten und Interviews des Bayerischen Universalgenies und Filmemachers. Mit Herbert Achternbusch u.a. / Komposition und Realisation: Andreas Ammer, Cico Beck, Markus Acher, Micha Acher / BR 2023 //“ (BR vergaß zu erwähnen (in diesen hektischen Zeiten): mit Einsatz von Free-Jazz-Legende Günter Baby Sommer, der ja nun auch nicht jeden Tag in Süddeutschland aufschlägt bzw. -nimmt trotz sog. Fall der Mauer).

https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/herr-achternbusch-wie-heissen-sie-von-andreas-ammer-herbert-achternbusch

Regisseur Ammer erzählt (Link unten, dort auch Fotos und Videos) etwas mehr dazu, u.a.: „Der Text zu dem Hörspiel “Herr Achternbusch, wie heißen Sie?” besteht in einer Collage aus mehreren Lesungen und Interviews, in denen Herbert Achternbusch über seine Jugend, seine Philosophie und sein Werk berichtet oder aus eigenen Werken (“Die Stunde des Todes”) liest. Es kommt ein sichtlich nachdenklicher, eher altersweiser Philosoph zum Vorschein, der recht wenig zum Bild des polternden Bayern passt, als den man ihn sonst verortet. Das typische Achternbusch’sche Fazit lautet “Nix ist, nix wird!“. Zu den seltenen Tondokumenten haben die Musiker von “The Notwist” in ihrer typisch melancholischen Art extra Musik komponiert, Günter Baby Sommer dazu Schlagzeug improvisiert und Andreas Ammer das ganze zu einem 50-minütigen Werk zusammengefügt.“

https://quh-berg.de/herr-achternbusch-wie-heissen-sie/



WERBETEXTE FÜR MUSIK SIND

ein Spezialgebiet innerhalb der Literatur und innerhalb dieses Genres sind Texte über Punkrock megaspeziell und in diesem megaspeziellen Spezialgebiet sind Texte über Deutschpunk besonders fett speziellfett, behaupte ich mal: „Lyrisch gibt man sich oberflächlich betrachtet auch gern aus der Schmuddelecke, allerdings bergen die meißt fett zum schmunzeln bringenden Texte aber eben genauso fett Substanz, Witz und Hirn. Stellt euch grob einen Mix aus eben Pisse, Hammerhead (ich sauf allein!), Schleimkeim und Mülheim Asozial vor. Wer bei Nummern wie ‚Vorgesetzter‘, ‚Kaufhausdetektiv‘ oder ‚Steakhaus‘ nicht total ausrastet, dem ist einfach nicht mehr zu helfen!“

Ohne ins Detail ausrasten zu wollen, freue ich mich da, dass es noch unverweichlichte deutsche Männer gibt. Was aber nicht heißt, das ich geholfen werden möchte. „LP 21,90“, sagt der Kaufhausdetektiv zum Vorgesetzten. Aber geklaut ist geklaut, da hilft, auch oberflächlich betrachtet, kein Schmunzeln in der Schmuddelecke. Hättste mal lieber gestreamt, sagt dem Deutschpostpunk seine Freundin, Vinyl ist doch asozialer Retroschleimkeim … und so vergingen die Jahre.



HM ENZENSBERGER NACHRUF

von Edition-Tiamat-Verleger Klaus Bittermann mit einigen unterm Radar befindlichen interessanten Details und Einschätzungen, die nicht an jeder Ecke erwähnt werden, wie z.B.: „Was in der Nachkriegszeit im deutschen Kulturbetrieb als Literatur galt und bis in die 1980er Jahre hineinwirkte, war in der Regel kaum genießbar. Dafür standen beispielhaft die Kulturbetriebsintriganten Günter Grass und Martin Walser, die in ihrer Verquastheit und Bräsigkeit dafür gesorgt haben, dass noch heute Schriftsteller glauben, Literatur müsse wehtun.“

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1168842.hans-magnus-enzensberger-souveraen-im-spiel.html



KRISTOF SCHREUF DER FÄNGER IM ROCKEN

„Ein Nachruf folgt“ hatte sein Freund Christof Meueler am Ende seines ersten Nachrufs geschrieben, und hier ist er, von seinem langjährigen Redakteur, diesmal mit dem Ende: „Und niemand wird mich mehr anrufen und sagen: »Hallo Christof, hier ist auch Kristof.« Verdammt. Ich habe mich darüber jedes Mal sehr gefreut.“

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1168553.kristof-schreuf-faenger-im-rocken

Kristof Schreuf: Fänger im Rocken (nd-aktuell.de)1963-2022

Foto: Conny Lösch



KRISTOF SCHREUF UND DIE PRINTMEDIEN

Ein paar Notizen dazu, weil wir uns wenige Tage vor seinem Tod am 9.11. auch darüber unterhalten haben. Er war ja seit einigen Jahren als Feuilletonschreiber wahrscheinlich bekannter als der Sänger und Rocker, dessen bahnbrechende Band Kolossale Jugend über 30 Jahre, die weniger bekannte Nachfolgeband Brüllen 25 und sein einzigartiges Soloalbum Bourgeois With Guitar über 10 zurückliegen.

Der erste Nachruf war in der jungen Welt erschienen, über die wir an diesem letzten Abend tatsächlich diskutierten, für die Kristof und auch ich viele Jahre geschrieben haben. Immer stark verbunden mit der Feuilleton-Redaktion, früher Christof Meueler und Kristofs Frau Conny Lösch, heute Peter Merg. Eine Menge Diskussionsstoff hatten wir allerdings wegen der vom Politik-Teil dominierten Israel-Haltung des Blatts, die wir sozusagen für mindestens nicht ganz koscher hielten, und Kristof hatte in den letzten Jahren nicht mehr so viele Artikel wie früher abgeliefert, während ich mich ganz verabschiedet hatte … Schon seltsam, als hätten wir an diesem letzten gemeinsamen Abend, „was ich noch zu sagen hätte…“, mal über die so gut wie überall zu beobachtenden Konflikte zwischen Politik- und Feulleton-Redaktionen diskutieren müssen.

Kein Fußbreit den Israel-Feinden (oder den angeblich ein bisschen gemäßigteren BDS-Freund*innen) war ein nicht verhandelbarer Grundsatz für Kristof Schreuf, und dass er in den letzten Jahren verstärkt für Neues Deutschland schrieb, hatte außerdem den Grund, dass der langjährige und von uns sehr geschätzte junge-Welt-Feuilletonredakteur Christof Meueler diese Position beim Neuen Deutschland übernommen hatte. (Passend hier auch die Erwähnung: Autor und Journalist Markus Liske teilte auf f-book den junge-Welt-Nachruf auf Schreuf mit der Bemerkung, er teile keine jW-Artikel mehr und mache jetzt nur mal eine Ausnahme).

Seit etwa einem Jahr erschienen Schreuf-Texte auch in der Welt und oho sagen jetzt viele Linken und wohl ganz besonders die Linken, mit denen wir nichts (bzw. nichts mehr oder nicht mehr so viel) zu tun haben wollten. Soll bloß niemand auf die Idee kommen, Kristof Schreuf hätte irgendeinen Text irgendwo abgeliefert, ohne vorher zu checken, für wen er da arbeitet. Er habe, durchaus überrascht, festgestellt, erzählte Kristof, dass bei der Welt auf jeden Fall Israel-Bashing offensichtlich nicht erlaubt sei. Und außerdem sei man dort zu einem freien Autor äußerst freundlich und man rede ihm nichts drein. Dort erschien am 2.11. sein vielleicht letzter Artikel über „das Konzert des Jahres“ von Danger Dan, und der Artikel ist, wie üblich bei Kristof, viel mehr als nur so´n schnell mal weggetippter intelligenter Text.

Auch die Tageszeitung tageszeitung aka taz kann stolz darauf sein, dass Schreuf bis zuletzt eine Menge Text reingeliefert hat, und Musikredakteur Julian Weber wusste zweifellos genau, welches Schreiber-Kaliber er mit Schreuf hatte, und der Titel seines Nachrufs, „Der Text war seine Party“, trifft das exakt.  Während man ihn – noch ´ne Zeitung – bei der Jungle World vergrault habe, erzählte Kristof, durch sich häufende Diskussionen oder Ablehnungen wie ach-das-ist-doch-nicht-so-interessant oder das-kann-man-aber-doch-nicht-so-sagen, also diese nicht seltene Besserwisserei von Redakteur*innen, die davon ausgehen, sogar erfahrene Autor*innen wüssten eigentlich nicht so recht, worüber sie was schreiben oder was sie damit meinen und (to make a long story short) die damit gerne ihre Position untermauern. (Oder wie es Fußballfan Schreuf vielleicht gesagt hätte, die denken, an denen kommt niemand vorbei, außer vielleicht Messi an seinem besten Tag).

Wie auch immer, ich dachte, weil sich ja nun (fast) der ganze Zeitungswald verbeugt und nachruft, das dürfte ja wohl noch kurz gesagt werden. Auch wenn es jetzt so verdammt unwichtig ist. Ehe ich mit dem Wunsch rausgehe, bald ein Buch mit Schreuf-Texten in die Finger zu kriegen. Von seinem so umfangreichen wie unvollendeten Roman im Moment ganz zu schweigen.



DER MANN DER AUSM FENSTER SPRANG

hat damals nicht seinen Verstand verloren, sondern wurde zu einem der interessantesten Erzähler, die da draußen frei rumlaufen – und wenn dieser Ludwig Lugmeier ein neues Buch veröffentlicht, ist das was Besonderes, weil er nicht so viel veröffentlicht, wie wir uns das wünschen. Aber mehr kann man sich eigentlich auch nicht wünschen als ab und zu ´ne große Sache in den Regalen mit den Buchstabentütensuppen: „So der Herr mit Zylinder“. 18 „Abseitige Geschichten“ über 150 Seiten:

http://verlag-expeditionen.com/product/so-der-herr-mit-zylinder/

So der Herr mit Zylinder – Abseitige GeschichtenDie Leben des Käpt'n Bilbo - Lugmeier, LudwigDer Mann der aus dem Fenster sprang: Ein Leben zwischen Flucht und Angriff  : Lugmeier, Ludwig: Amazon.de: BücherWo der Hund begraben ist: Roman : Lugmeier, Ludwig: Amazon.de: BücherUnd eines (schönen?, das weiß ich nicht mehr) Tages schrieb ich das Gedicht „Gefährliches Leben“ mit Lugmeier in der Hauptrolle (auf S.20 in meinem letzten Buch), es fängt damit an, wie wir eines schönen Tages Freunde wurden und endet so: „Später hat er in einem Interview was gesagt das mir sehr gut gefallen hat. Dass es genauso gefährlich ist einen Roman zu schreiben wie einen Millionenraub durchzuführen. Ich kann das nicht beurteilen. Aber das klingt so gut das muss die Wahrheit sein.“ Und wir sind dann auch Freunde geblieben.

 



PEN-BERLIN: SCHREIBEN GEGEN AUTOKRATIE

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