Literatur

JAMES LEE BURKE IST

der große und weiterhin unschlagbare grand ole man (87) der US-Literatur. Hier mit einem in jeder Hinsicht großartigen, weitreichenden neuen Interview auf crimereads.com („Burke uses the genre of crime like Miles Davis used the trumpet. It is an instrument for artistic exploration, not a limitation.“)

James Lee Burke: Well, I’m worried for us, because we will not accept the origin of our problem. In the 1840s, there was a group of people who hated immigrants – the Know Nothings, the Nativists. That’s where we are today. That’s who we are dealing with. And their leader, Donald Trump, is a psychopath.

James Lee Burke on Hemingway, Orwell, and a New Chapter in the American Battle Against Fascism



NEUES DEUTSCHLAND NEUE KOLUMNE

Nachdem der geschätzte Feuilleton-Redakteur Thomas Blum beim konkret-Magazin gegangen wurde, hat er jetzt beim neuen deutschland eine Kolumne mit dem berechtigten Titel „Die gute Kolumne“. Thema der neusten Folge Literaturpreise mit dem Titel „Geschraubt, gespreizt, geschwollen“. Also sozusagen neuer Treffpunkt Streitbar im Untergeschoss der Bar jeder Vernunft – belegt mit kleinem Zitat:

„Die meisten Deutschen interessieren sich allerdings nicht im geringsten für Literatur, sondern lesen, wenn sie überhaupt neben Klatschpresseschlagzeilen und »lustigen Sprüchen mit Bildern« noch irgendetwas lesen, die lieblos zusammengezimmerten Buchstabenkonvolute von Leuten wie Fitzek oder Zeh (bisher 31 Auszeichnungen, davon 24 Literaturpreise).“

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1182466.literaturpreise-geschraubt-gespreizt-geschwollen.html



WIGLAF DROSTE STARB

am 15. Mai 2019, und zum 5. Todestag des mit 57 früh verstorbenen Dichter-Sänger-Polemikers hat sein langjähriger Redakteur Christof Meueler die Biografie „Die Welt in Schach halten – Das Leben des Wiglaf Droste“ veröffentlicht. Sehr gut ge- und beschrieben und den Held im Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklungen, in die er sich wie nur wenige Literaten reingeworfen hat, perfekt ausbalanciert. Und ganz im Sinn von Droste kein nettes Lobgelaber, sondern auch die Probleme in den dunklen Ecken ausleuchtend.

304 Seiten Hardcover, mit zahlreichen Fotos und einem Nachwort des langjährigen Droste-Verlegers (und auch immer wieder Betreuers darf man sagen) Klaus Bittermann, in dessen Edition Tiamat die Biografie den besten Platz bekommen hat.

https://edition-tiamat.de/books/die-welt-in-schach-halten
Verlagsinformation: „Wiglaf Droste war ein Genie der kurzen Form. Als Autor, Sänger und Vorleser führte er ein wildes Leben auf Lesebühnen, in Zeitungen und im Radio, auf der Suche nach Wahrheit und Liebe. Geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen, wollte er Rockmusiker werden und wurde dann »der Kurt Tucholsky unserer Tage« (Willi Winkler). Wiglaf Droste wurde als Satiriker gefürchtet und gefeiert, doch er nannte sich selbst »einen einfachen Jungen vom Land«. Er wollte sich nie daran gewöhnen, »dass die Welt sich oft weigert, sich mir von ihrer schönsten Seite zu zeigen«. Meueler hat mit seinen Freunden und Verwandten gesprochen, mit Zeitzeugen und Weggefährten, mit Vincent Klink, mit Bela B, Max Goldt u.a. Es ist eine berührende Geschichte von Mut und Angst und eine Entdeckungsreise in eine untergegangene Welt, als im kulturellen Leben alles möglich schien.“

Für die Droste-Sammlung „Chaos, Glück und Höllenfahrten“ (Edition Tiamat, 2021) habe ich mal den Besinnungsaufsatz „Wege zum Ruhm“ geschrieben:

https://www.franzdobler.de/2021/06/27/60-jahre-wiglaf-droste/



DIE BESTE ALTE SCHULE

Die meisten Romanciers werden nur immer älter – einige wenige aber werden immer besser: einer von ihnen ist mein Freund und Kollege Andreas Niedermann. Sein neuer Roman „Alte Schule – Blumberg 3“ ist sein ca. fünfzehnter und sehr womöglich sein bester, auf jeden Fall ist es sein ver- und durch- und abgedrehtester.

Der dritte Band um die tolle Frau Isa Blumberg: ein Kriminalroman wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahnfahrt durch ein Spiegelkabinett – und damit auch ein Anti-Krimi, denn wenn das Genre zunehmend aus hauptsächlich Dummheit und schlechter Schreibe besteht, müssen die Guten wie Niedermann dagegen halten – und z.B. wie in „Alte Schule“ mehr Barrikaden, Haken, Meta-Ebenen, falsche Fährten und Klischee-Vernichter aufbauen. Alte Schule heißt auch: hier wird Whiskey getrunken, ohne Führerschein gefahren, Jobs aus Geldnot durchgezogen, Gut und Böse benannt und nicht dazwischen rumlarviert, außerdem beschimpfen Autoren Verleger, Autoren tauchen unter, weil sie dem Business ausm Weg gehen, und krachmachende Bauarbeiter werden als „Bauschlöcher“ verflucht.

Das alles bestückt mit vielen schönen Gags, der hier gefällt mir besonders: Der Erzähler braucht ein Auto und bekommt einen Smart: „Auto war Auto. Wichtig war, dass es fuhr und ein dichtes Dach hatte. Aber ein Smart? Für einen Burschen wie mich? Das war, als hätte man Jimi Hendrix mit einer Ukulele auf die Bühne geschickt.“

„Alte Schule – Blumberg 3“ (Paperback, 196 S., 19,90€) ist Niedermanns dritte Veröffentlichung im sehr schönen österreichischen Verlag Baes. Hier das Verlags-Info (das wie ich den Teufel tut, den Inhalt abzumalen):

„Wie? Isa Blumberg soll keine fiktive Romanfigur sein? Sie soll in einer entlegenen Gegend verwirrt und unter einer Teilamnesie leidend aufgegriffen und in den Steinhof, Wiens Psychiatrie, verfrachtet worden sein. Verleger Moss überzeugt den 60-jährigen Autor „Junge“, Isa Blumberg zu besuchen, um auf Basis ihrer Erzählungen den dritten „Blumberg-Roman“ zu schreiben. Denn  der Autor der beiden ersten Blumberg Romane, Niedermann, hat das Schreiben aufgeben und ist nicht mehr auffindbar.Junge“ besucht Isa Blumberg, die absonderliches, schauriges und abenteuerliches zu berichten weiß.  Aber am Ende ihrer Erinnerungen, muss aus dem Schriftsteller ein Detektiv werden, um die ganze verrätselte Geschichte aufzudecken.“

https://www.edition-baes.com/autoren/andreas-niedermann/

https://www.niedermann.at/



WIR MÖCHTEN AUCH VOM FRANZ-KAFKA-JAHR PROFITIEREN!

und haben deshalb mühselig eine Lücke in der Bücherflut zu Kafka gesucht und schließlich diese gefunden: „Franz Kafka im Spiegel der Boulevardpresse einst und heute“. Wird kein dickes Buch werden, aber schon auch mit diesen abschweifenden Kommentaren: „Wer steht warum auf Kafka und worauf sonst?“ und „Ist der Witz von Kafka-Fan George Tabori Noch eine Tasse Kafka, bitte! wirklich witzig?“

Die Profit-Idee ist übrigens von Oswald Wiener geklaut, der 1979 das Heftl „Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren“ veröffentlichte, und weil die Idee so schön ist, haben wir sie schon mal geklaut und die Artikel-Serie „Wir wollen auch vom Brecht-Jahr profitieren“ veröffentlicht. Natürlich rechnen wir jetzt durchaus mit den Problemen, die in Der Prozess zwischen den Zeilen bis in unsere Gegenwart zu erkennen sind.



HUNDERTZEHN JAHRE

„William S. Burroughs war vieles: exzessiv, drogensüchtig, schusswaffenbegeistert – aber auch ein revolutionärer Intellektueller und mit Werken wie „Naked Lunch“ eine Ikone der amerikanischen Beat Generation. Er entwickelte eine neue Form des Schreibens, die „Cut up“-Methode, die Textfragmente assoziativ neu zusammensetzt – und damit die Grenzen von Sprache aufbricht. Bis zu seinem Tod blieb Burroughs eine Leitfigur der Gegenkulturen; er arbeitete mit Kunstschaffenden wie Laurie Anderson, Lou Reed, Robert Wilson und David Cronenberg, der „Naked Lunch“ 1991 verfilmte. Heute vor 110 Jahren wurde Burroughs geboren.“ (rbb-kultur, gestern)



DAS IST DAS BUCH

auf das der Verlag und alle Autor:Innen lieber verzichtet hätten:

NACH DEM 7. OKTOBER – Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen.

Hrsg. von Tania Martini und Klaus Bittermann (mit Beiträgen von Nele Pollatschek, Volker Weiß, Armin Nassehi, Eva Illouz, Meron Mendel, Kira Kramer, Seyla Benhabib, Deniz Yücel, Claudius Seidl, Thomas von der Osten-Sacken u.v.a.) bei Edition Tiamat.

Ein Buch über den blanken Horror, mit Analysen und Beschreibungen der Ereignisse, der historischen Bezüge und Hintergründe, der Auswirkungen in den unterschiedlichsten antisemitischen Szenen außerhalb Israels. Auch ein Beispiel dafür, was Israel-Kritik von Israel-Hass unterscheidet. Oder anders gesagt, wenn ein Buch echte Macht hätte, wären die Probleme mit Hamas und ihren Verbündeten und BDS-Freund:Innen bald erheblich geringer.

Und ein Buch übrigens, das bei keinem anderen Verlag besser aufgehoben wäre, denn es steht am Ende einer langen und langjährigen Reihe von damit verbundenen Veröffentlichungen, wie, um nur einige zu nennen, Nach Auschwitz/Hannah Arendt, Die Untiefen des Postkolonialismus/Div., Vom Hass zum Genozid/Léon Poliakov, Die Wiedergutwerdung der Deutschen/Eike Geisel, Gesichter des politischen Islam/Div. oder, ebenfalls neu, Israelphobie von Jake Wallis Simons.

Am Ende ihres Vorworts zitieren die Hrsg. den Autor, jüdischen Widerstandskämpfer und Auschwitz-Überlebenden Jean Améry (1912-1978), an den man sich als Antifaschist heute wie an einem Leitstern orientieren kann, der schon Ende der Sechzigerjahre frappierend viel über die Situation heute geradezu vorhergesehen hatte, vor allem auch über das katastrophale Verhalten bei diversen Linken:

<Jenseits jeder Kritik nationalstaatlicher Konzepte und Gewalten sind es die Worte Jean Amérys, die den Kern eines Gefühls zu Israel treffen, das viele teilen können: „Meine persönlichen Beziehungen zu diesem Land […] sind quasi null: Ich habe es niemals besucht, spreche seine Sprache nicht, seine Kultur ist mir auf geradezu schmähliche Weise fremd, seine Religion ist nicht die meine. Dennoch ist das Bestehen dieses Staatswesens mir wichtiger als das irgendeines anderen.“>

(Ebenso zwingend also die Neuausgabe einiger, von 1969-76 veröffentlichter Améry-Essays zum Thema, im Verlag Klett-Cotta, in dem auch sein Gesamtwerk erscheint: Der neue Antisemitismus. Mit einem Vorwort von Améry-Biografin Irene Heidelberger-Leonard.)



WOLFGANG POHRT ZUM FÜNFTEN

Todestag: Redakteur Christof Meueler dokumentiert ein langes Gespräch über den Essayisten und Soziologen u.a. mit seinem Verleger (Edition Tiamat) und Biograph Klaus Bittermann:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178553.wolfgang-pohrt-immer-wieder-diese-unruhe.html

(„In den 80er Jahren war der Soziologe und Publizist Wolfgang Pohrt der wichtigste Ideologiekritiker der westdeutschen Linken, der er nationalistische, autoritäre und antisemitische Tendenzen vorwarf. Dafür wurde er gehasst: Robert Jungk bezeichnete ihn als »verwirrten Typen«, der mit seiner »Aggressivität« nicht fertig werde; für Reinhard Mohr war er ein »deutscher Apokalyptiker«, und Hermann L. Gremliza nannte ihn einen »bürgerlichen Marxisten«. Er kam von der Kritischen Theorie und wollte aber lieber als Journalist als an der Universität arbeiten.
 Nach dem Mauerfall untersuchte er in zwei Studien das »Massen­bewusstsein« der Deutschen (»Der Weg zur inneren Einheit«) und »Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit« (»Brothers in Crime«) und zog sich sukzessive aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb am 21. Dezem­ber 2018 im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit. In der Edition Tiamat sind seine Werke in 13 Bänden erschienen – in ihrem blauen Einband sehen sie aus wie die von Marx und Engels.“)



STAATSTHEATER AUGSBURG GEGEN ANTISEMITISMUS

„Mit einer 24-stündigen Lesung von Lion Feuchtwangers großer »Josephus-Trilogie« erklärt sich das Staatstheater Augsburg solidarisch mit Israel und setzt ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus.“

Sa 16.12.2023 ab 14:00 : Moritzsaal

„In seiner dreibändigen »Josephus-Trilogie« beschreibt Lion Feuchtwanger das Wirken des jüdischen Historikers Flavius Josephus oder Joseph Ben Matthias, der 37 bis um das Jahr 100 lebte. Er spiegelt in der Gestalt des Josephus die Geschichte des jüdischen Intellektuellen in Zeiten von Antisemitismus und Nationalismus wider. Die Trilogie ist das wohl persönlichste Werk Feuchtwangers, mit dem er zur eigenen Herkunft zurückkehrte. Der Autor setzte sich stets für die Macht der Vernunft ein. Besonders am Herzen lag ihm dabei die Versöhnung des Judentums mit dem Weltbürgertum. Obgleich in den Jahren 1932 bis 1942 geschrieben, sind die drei Romane »Der jüdische Krieg«, »Die Söhne« und »Der Tag wird kommen« heute von erschreckender Aktualität.“

Die Lesung wird veranstaltet in Kooperation mit der Moritzkirche und dem Friedensbüro der Stadt Augsburg.



AM SIEBTEN OKTOBER IN ISRAEL

Der außergewöhnliche New Yorker Journalist Tuvia Tenenbom im Interview über sein neues Buch: „Herr Tenenbom, Sie waren für Ihr neues Buch ein Jahr in Mea Shearim, dem ultraorthodoxen Viertel von Jerusalem. Auch am 7. Oktober. Wie haben Sie den »Schwarzen Schabbat« und damit den Beginn des Krieges erlebt?“

https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ich-kam-von-der-upper-east-side-nach-mea-shearim-und-fuhlte-mich-frei/

Tuvia Tenenbom: »Gott spricht Jiddisch. Mein Jahr unter Ultraorthodoxen«. Mit Fotos von Isi Tenenbom. Übersetzt von Michael Adrian. Suhrkamp, Berlin 2023, 575 S., 20 €

Am 29. November um 20 Uhr stellt der Autor im Gespräch mit Shelly Kupferberg das Buch in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vor.

Am 7. Dezember um 19 Uhr hat der Dokumentarfilm »Gott spricht Jiddisch« im Babylon in Berlin, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Weltpremiere