Literatur

DER DRECKSACK BIN ICH

heißt der Dokfilm von Marcel Schreiter und M.Kruppe über den (Ost-)Berliner Dichter, Fotograf und Herausgeber der Literaturzeitung DreckSack: Premiere am Dienstag, den 5. Mai 2026 von 19 bis 22 Uhr im Kino am Markt (Markt 5, 07743 Jena) ein. Ich sage da auch paar Worte im Film, an die ich mich nicht erinnern kann, aber sie sind garantiert ziemlich viel Beifall klatschend.

Für die literaturinteressierten Leser*innen in diesem Block, die nicht immer nur Denis Scheck kucken: Die Produzenten dieser No-Budget-Produktion könnten noch etwas Förderung gebrauchen: Link zum Crowdfunding unten.

Mehr Information: „„Der DreckSack bin ich“ ist ein Film mit und über den Fotografen, Dichter und Herausgeber des „DreckSack – Lesbare Zeitschrift für Literatur“, mit Beiträgen der Autoren Franz Dobler, Johannes Jansen, Jan Off, Bert Papenfuß, Gerd Schönfeld, dem Journalisten und Fauser-Biograf Matthias Penzel, des Fotografen und Oscar-Preisträgers Michael Dressel u.v.a.m.

Anschließend wird diskutiert: Sowohl Florian Günther, als auch die beiden Produzenten des Films, Marcel Schreiter und M.Kruppe werden vor Ort sein und Rede und Antwort zu allen relevanten Fragen stehen. Wie kam es zu dem Film? Warum gerade Florian Günther und der DreckSack? etc.“

Trailer auf youtube: https://youtu.be/70Zop4IBPEk

Zum Crowdfunding: https://www.startnext.com/der-drecksack-bin-ich

Zum DreckSack:
www.edition-luekk-noesens.de/drecksack
www.facebook.com/drecksackberlin



BEI BILLER IN BERLIN

Den Kollegen Maxim Biller habe ich übrigens schon vor seinem ersten Buch sehr geschätzt und daran hat sich nichts geändert. Seinen neusten Kolumnentext – ein Blick in die Verwaltungsmaschine der deutschen Literatur – stehle ich nicht von der Zeit, sondern zitiere aus seinem persönlichen f-book vom 26.4.:

„UND DIE JUDEN? Was für ein freundlicher Mann! Und so bescheiden. Und so unprofessoral mit seinen Turnschuhen, der einfachen Jeans und der Salz-und-Pfeffer-Strickjacke, die genauso von Sage de Cret wie von Primark sein könnte. Wird so einer, wenn er bei einer Vorlesung über Hölderlin vorne am Katheder steht, von den Studenten überhaupt ernst genommen? Das waren meine ersten, unverschämten Gedanken, als Professor Steffen Martus im Einstein vor mir stand, Einstein Unter den Linden natürlich, bestes und einziges Kaffeehaus der vernarbten Stadt Berlin. Ich hatte ihn schon von Weitem kommen gesehen. Ich winkte, er winkte, und er lächelte mir so fröhlich zu, als hätten wir uns hier nicht verabredet, um eine schicksalhafte Meinungsverschiedenheit auszuräumen. Oder zu vertiefen.
„Avocadobrot – wirklich?“, sagte ich, nachdem er bestellt hatte. Und wieder dieses freundliche, fast beschämte Lächeln. „Das Gulasch“, sagte ich mit betont bärbeißiger, männlicher Stimme zum Kellner, „und bitte das Fleisch und die Knödel auf zwei verschiedenen Tellern!“ Der Professor lächelte immer noch, jetzt mechanisch. „Alle Juden bestellen wie ich“, sagte ich. „Mit unseren tausend Spezialwünschen gestalten wir jedes Gericht neu. Dasselbe machen wir seit Abraham und Moses mit unserem ganzen Leben, 24/7.“
Womit wir beim Thema waren. Als ich gehört hatte, dass es mal wieder eine neue Geschichte der deutschen Literatur gab – der zeitgenössischen Literatur, der Literatur, die ich liebte, hasste, bereicherte, der Literatur meiner Jugend und inzwischen viel zu erwachsenen Gegenwart –, bat ich den Verlag um ein kostenloses Rezensionsexemplar. Achtunddreißig Euro fand ich zu viel, bloß um im Register meinen Namen zu suchen und dann enttäuscht zu sein, wie selten ich vorkam, im Gegensatz zu meinen eingeborenen Widersachern. Das passierte mir bei dieser Sorte Standardwerk nämlich immer.
„Wieso kommen in Ihrem Buch, Ihrem Lexikon, Ihrer deutschen Literaturgeschichte praktisch keine Juden vor?“, sagte ich. „Kein Robert Schindel, dessen genialer Roman ‚Gebürtig’ so eine Art ‚Jahrestage’ auf jüdisch ist, keine Barbara Honigmann, kein Rafael Seligmann. Die Menasses kriegen jeder nur eine Zeile, und ich selbst bin nur der Nörgler ohne Werk, nerviger Stichwortgeber großer Debatten. Kein Wort über unsere Romane, unsere Prosa! Würden Sie fünfhundert Seiten über die Literatur der Weimarer Zeit und des Kaiserreichs schreiben, ohne den „Rabbi von Bachrach“ oder „Das Schloss“ zu erwähnen, würde schon der Verlagspförtner das Manuskript ablehnen.“
„Das ist keine Geschichte der Literatur“, sagte er verzagt. „Das ist eine Geschichte des neuen Deutschlands im Spiegel der Literatur. Ein politisches Buch.“ „Dann finde ich es noch absurder, dass darin keine Juden vorkommen!“ „Wieso?“ „Keine Juden in der Politik, heißt: keine Juden in der Literatur und am besten keine in Deutschland, oder?“ „Aber nein.“ „Doch! Warum verschweigen Sie Rachel Salamanders historische Rede zum Heine-Preis, in der sie ihre Enttäuschung über das Scheitern der deutsch-jüdischen cohabitation mit der rhetorischen Wucht eines Karl Kraus seziert? Bei Ihnen ist alles immer nur Pop, Pop, Pop, und sehr viel Strauß-Vater, Strauß-Sohn, Kracht. Haben Sie jemals von Benjamin Korns ‚Zeit’-Essays gehört, in denen er gleich nach 1989 als Deutscher und Jude das nationaltrunkene Deutschland vom Kopf auf die Füße gestellt hat?“ „Nein.“ „Sehen Sie.“
Als ich von der Toilette zurückkam, saß der Professor genau so da wie davor. Die Schultern nach innen gedreht, mit den lustigen Augen die fremde Umgebung nach Gefahr absuchend. „Sie können es mir ruhig verraten“, sagte ich, „warum keine Juden?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte er traurig, „aber ich werde darüber nachdenken.“ Und dann völlig überraschend, widersprüchlich, was auch immer: „Ich liebe Ihre Romane! Und wenn ein Schriftsteller groß ist, größer als ich selbst, traue ich mich gar nicht erst an ihn heran.“ Wie gebückt kann man durch seine eigene Literaturgeschichte gehen?, dachte ich und bestellte gönnerhaft die Rechnung. „Erst wenn Leute wie Sie, die die kollektive Erinnerung der Deutschen definieren“, zischte ich ihn gleichzeitig an, „erst wenn unsere Germanisten und Feuilletonisten begreifen, dass jüdisches Schreiben und Denken, dass jüdische historische Erfahrungen nicht im Getto stattfinden, sondern Teil des deutschen Hier-und-Jetzt sind, Teil der Deutschen-DNA, werde ich mich mit eurer Literatur versöhnen! Und erst dann wird sie vielleicht endlich auch eine neue Blüte erleben.“ „H-hm …“ „Mal was anderes: Wie sind Sie eigentlich Germanist geworden? Haben Sie als Kind viel gelesen?“ „Ich weiß es nicht“, sagte er – schon wieder. „Wirklich nicht?“ „Ich bin reingerutscht. Kennen Sie das nicht?“ „Nein“, sagte ich, „ich weiß genau, wer und was ich ohne das Schreiben wäre.“ „Meine Mutter war Friseurin“, sagte der stille Professor, „mein Vater ist gescheitert.“ „Ich verstehe“, sagte ich, obwohl ich überhaupt nichts mehr kapierte.
Auf unserem gemeinsamen Weg zur Friedrichstraße rauchte er noch schnell eine Kettenraucher-Zigarette. Er hatte es eilig. „Ich muss! Vortrag einer japanischen Germanistin über Franz Fühmann und seine ‚Traum-Erzählungen’“, sagte er beim Abschied. „Ich kenne von Fühmann nur das ‚Judenauto’, sagte ich, „bestes, ehrlichstes Stück deutscher Literatur über die bösen Nazideutschen. Sollten Sie unbedingt lesen.“
(DIE ZEIT, 23.4.26)


AM HEUTIGEN TAG

also mein Geständnis, Bekenntnis könnte auch passen, dass ich zur Zeit lese, von Janet Flanner+Rebecca West+Martha Gellhorn „Im Herzen des Weltfeindes – Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen“ mit Fotos von Lee Miller (Edition Tiamat, 2026), und von Klaus Mann „Der Vulkan“ (Original 1939), und von Les Edgerton „Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping“ (Pulp Master, 2025), und ich werfe jeden Morgen ein paar Knochen, um rauszufinden, mit welchem dieser Hammerbücher ich weitermachen soll, ehe ich dann wahrscheinlich die Anweisung der geworfenen Knochen doch in den Wind schieße, also keine leichte Sache, wie es eben so ist mit Spitzenliteratur, und wie geht´s dann weiter, jedenfalls wird´s gehn, aber falls es morgen den Welttag der Knochenarbeit gibt, werde ich mich nicht dazu äußern.



DIE NACKTE HAUT

ist der Titel des neuen Kriminalromans von Robert Brack, ein Jazzroman, inspiriert vom echten Leben der Pianistin Jutta Hipp. Während Brack, damals mein Verlagskollege bei Edition Nautilus, mich beim Schreiben von Kriminalromanen beeinflusste. Seit 1988 hat er einen Stapel großartiger Bücher veröffentlicht, auch „Die nackte Haut“ ist wieder große Kunst.

Mein Artikel dazu im Neuen Deutschland geht so los: „Warum kann man sich schon lange Rechtsrock anhören, aber Rechtsjazz gibt’s immer noch nicht? Weil Jazz trotz eines Comebacks, das seit einigen Jahren, auch jenseits von Hochkultur, stattfindet, nicht populär genug ist? Oder weil AfD- und ähnliche Volkskörper sich auch musikalisch an traditionelle Vorgaben halten?“

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1198560.die-nackte-haut-die-geister-und-der-jazz-damals-in-st-pauli.html?sstr=robert|brack



DIE WELT IN SCHACH HALTEN MIT DEM GEIST VON WIGLAF DROSTE

10.4.2026 20h Kulturwirtschaft Walden, 86695 Nordendorf

11.4.2026 20h Optimal Plattenladen, München, Kolosseumstr. 6

EIN ABEND IN MEMORIAM WIGLAF DROSTE

mit Christof Meueler

und seiner Droste-Biografie „Die Welt in Schach halten“ (Edition Tiamat)

Als Gast Franz Dobler: liest Texte und Gedichte

Mit Unterhaltungsmusik von Singer-Songwriter Droste

mit Bela B, Danny Dziuk, Spardosen Terzett

WIGLAF DROSTE

(verstorben am 15. Mai 2019 mit 57) war Autor, Sänger, Vorleser und einer der bekanntesten und schärfsten deutschen Satiriker. Gefürchtet und gefeiert als „der Kurt Tucholsky unserer Tage“ (schrieb Willi Winkler in der SZ). Seine 40 Bücher und 20 Tonträger sind auch Dokumente eines wilden Lebens, das Biograf Christof Meueler mit Berichten von Weggefährten wie Vincent Klink, Bela B, Danny Dziuk, Max Goldt, Friedrich Küppersbusch oder seinem langjährigen Verleger Klaus Bittermann so detailliert wie spannend dargestellt hat.

ZUM BUCH die taz: »Minutiös zeichnet Meueler nach, aus welcher Zeit Droste kommt und vor welchem Erfahrungshorizont er spricht. Immer wieder lässt der Biograf Weggefährt*innen zu Wort kommen. Durch diese Technik der Montage entsteht ein Bild des Satirikers, das wohl nicht vollständiger und trotz Meuelers sympathisierenden Zugangs nicht differenzierter sein könnte.«

CHRISTOF MEUELER lebt in Berlin und war 21 Jahre Wiglaf Drostes Redakteur. Seit 2019 leitet er das Feuilleton von neues deutschland. Er veröffentlichte u.a. die Biografie über den legendären Hamburger Musikverleger Alfred Hilsberg „Das Zick-Zack-Prinzip“, „Die Trikont Story“ (mit Franz Dobler) und „Rausch und Terror“ (mit Bommi Baumann).

FRANZ DOBLER Autor von Romanen, Gedichtbänden etc., war ein langjähriger Freund und Verlagskollege von Wiglaf Droste, der eine Johnny-Cash-Biografie von ihm forderte und ihm dafür eine Hauptrolle in seiner Roman-Revue „Schalldämpfer“ gab. Zuletzt erschien „Ein Sohn von zwei Müttern“.

DROSTEBÜCHER zB https://edition-tiamat.de/unsere-autoren/droste-wiglaf



JAN KUHLBRODT ERHÄLT

den Klopstock-Preis für neue Literatur, „der Leipziger Autor erhält die wichtigste Literatur-Auszeichnung des Landes Sachsen-Anhalt für sein literarisches Gesamtwerk.“ Die Jury hat bestens entschieden; kann ich sagen, nachdem ich einige Kuhlbrodt-Werke gelesen habe.

https://www.tagesschau.de/inland/regional/sachsenanhalt/mdr-jan-kuhlbrodt-erhaelt-klopstock-preis-2026-100.html?

U.a.: https://www.gansverlag.de/produkt/kuhlbrodt-chemnitzer-trilogie/

„Jan Kuhlbrodts Werke seien von einer einer tiefgehenden Erinnerungsarbeit, insbesondere zu den Erfahrungen in der DDR, geprägt, heißt es in der Begründung der Jury. Er setze sich als Lyriker und Prosaautor mit ostdeutschem Hintergrund seit Jahrzehnten intensiv mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Sein politisches Engagement zeige sich sowohl in der Auseinandersetzung mit der Geschichte als auch im Einsatz für Inklusion und Teilhabe. Es gelinge dem Autor, existenzielle und gesellschaftliche Fragen literarisch zu reflektieren und neue Perspektiven zu eröffnen.“



DAS BAJSZEL

ist eine Wirtschaft in Berlin, die von Antisemiten, die keine sein wollen, häufig bedroht und nicht nur mit Worten angegriffen wird. Wie auch von solchen, die das sehr wohl sein wollen. Weil dort Veranstaltungen wie diese Buchpräsentation am 26.3. um 19h30 stattfinden:

„Vom Antisemitismus, der keiner sein will“, von und mit Richard Schuberth. Erschienen im Verlag, der von Antisemiten, die keine sein wollen, besonders gehasst wird: Edition Tiamat.

„Ebenso polemisch wie analytisch ergründet Richard Schuberth die Metamorphosen des neuen Antisemitismus – als einen weiteren, zeitgeistig adaptierten Versuch, individuelle Realitätsverluste und gesellschaftliche Widersprüche zu einer wahnhaften Meta-Erzählung zu harmonisieren.“

zB S.34: »Und doch sieht es so aus, als hätte der Antisemitismus – learning by doing – seine Gestalt gewechselt und wäre von den Rechten zu den Gerechten übergelaufen, wo er, ständig das Lachen über den gelungenen Coup unterdrückend, die Palästinaflagge schwenkt.« 

https://edition-tiamat.de/books/vom-antisemitismus-der-keiner-sein-will

Vorarbeiten von Richard Schuberth zu seinem großartigen Buch bei jungleworld, zB:

https://jungle.world/artikel/2025/43/wahn-wirklichkeit-vom-antisemitismus-der-keiner-sein-will

»Richard Schuberth, der sachkundig und sprachmächtig wie kaum ein anderer seit Jahren über Israel und Palästina schreibt und gegen Falschmeldungen aller politischen Bastionen anschreibt …« (Karl-Markus Gauß)

Außerdem der soeben ausgezeichnete Verleger Klaus Bittermann: »(…) der Empfänger des Hauptpreises der Kurt-Wolff-Stiftung (…), den Mara Delius zuvor für den über Jahrzehnte gehaltenen Kurs seiner Edition Tiamat gegen den Mainstream und den vorherrschenden Literaturgeschmack gewürdigt hatte, gab seiner Rede dann allerdings noch einen anderen Dreh, indem er dafür plädierte, Weimer doch seinem Schicksal zu überlassen und sich übergeordneten Themen zuzuwenden (…)

https://www.youtube.com/watch?v=KypJ4GyAM9M



LUDWIG LUGMEIER REST IN PEACE

Mein Freund, der Schriftsteller Ludwig Lugmeier ist letzten Montag, am 9.3. im Alter von 76 Jahren in Berlin verstorben. Mir fehlen fast alle Worte, sie stehen in seinen Büchern Wo der Hund begraben ist / Der Mann der aus dem Fenster sprang / Das Leben des Käpt´n Bilbo / So der Herr mit Zylinder, und in den kleinen Gedichtbänden Flickstellen und i (bayrisch für Ich). Seine literarische Laufbahn war unvermeidlich an seine kriminelle gekettet, er nahm´s gelassen, hat nie damit angegeben. Er war froh, als er 77 in den Bau musste, denn damit habe er endlich in Ruhe schreiben können, wie er es schon als Jugendlicher vorgehabt hätte. In Bayern wollte er dann nie wieder begraben sein. Eines nachts kletterten wir über die Mauer in einen Friedhof, um ein Grab aufzusuchen, und dann konnten wir nicht glauben, dass wir es zum Teufel nicht schafften, vor Tagesanbruch wieder rauszukommen.

* * * * *

16.3. Der Nachruf vom Verbrecher Verlag, in dem Ludwig Lugmeier 2017 den Faktenroman „Die Leben des Käpt’n Bilbo“ veröffentlichte:

„Leider müssen wir mitteilen, dass der große Schriftsteller Ludwig Lugmeier in der vergangenen Woche gestorben ist.

Ludwig Lugmeier, geboren 1949 in Kochel am See, lebte in Berlin als freier Autor. Schon als Junge war er, unter anderem angeregt durch die Abenteuergeschichten von Jack Bilbo, an Außenseitern und an der Revolte interessiert und schlug sich mit Gelegenheitsjobs etwa als Maurer, Schiffer oder Bärendompteur im Zirkus durch.

Fasziniert vom Leben abseits üblicher Normen wurde er kriminell und erstmals im Alter von siebzehn Jahren in Jugendhaft genommen. Nach der Entlassung versuchte er die Welt zu bereisen, kam aber immer wieder nach Deutschland zurück, wo er schließlich Geldtransporter überfiel. 1974 wurde er in Mexiko verhaftet, nach Deutschland ausgeliefert – und weltberühmt. Im Februar 1976 gelang es ihm während seiner Gerichtsverhandlung durch ein offenes Fenster des Gerichts zu springen und zu fliehen. Er wurde erst Monate später in Reykjavík verhaftet.
In seiner Haftzeit von 1977 bis 1989 begann er ernsthaft zu schreiben, der Erzählband „Schattenränder“ erschien 1987, der Gedichtband „Flickstellen“ 1988 und der vielgelobte Roman „Wo der Hund begraben ist“ 1993. 1998 folgt mit „i“ ein weiterer Gedichtband, 2005 der autobiografische Roman „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“, 2017 der Faktenroman „Die Leben des Käpt’n Bilbo“, für den er viele Jahre recherchierte, 2022 schließlich der Erzählungsband „So der Herr mit Zylinder“. Daneben publizierte er unzählige weitere Gedichte und Erzählungen in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften, außerdem veröffentlichte er zahlreiche Rundfunk-Features, Reportagen und Essays.
Lugmeier war dank seiner wunderbar tiefen Stimme auch als Märchenerzähler tätig, seine Liebe zu Stummfilmen trieb ihn dazu, regelmäßig Stummfilmabende zu veranstalten, bei denen er äußert kenntnisreich in die Filmgeschichte einführte.
Seine Kunst inspirierte viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, so war etwa das Hauptwerk Christian Geisslers, „kamallatta“, nach einem Gedicht Lugmeiers benannt.
Ludwig Lugmeier war ein ungewöhnlich herzlicher Mensch, es war eine Freude mit ihm zu arbeiten. Er starb am 9. März in Berlin.
Wir wünschen seinen Angehörigen viel Kraft!“


DAS KOMMT ALSO RAUS

wenn sich dieser Kulturstaatsminister vornimmt, auch mal etwas mehr zu arbeiten, warum kümmert er sich denn nicht um den Tegernsee, wo er herkommt – und denkt mal etwas über das Statement der Kurt Wolff Stiftung nach, wenn´s ihn nicht überfordert:

„Der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung ist höchst irritiert und beunruhigt über die Revidierung der Jury-Entscheidung zum diesjährigen Buchhandlungspreis.

Dass der Kulturstaatsminister sich in drei Fällen über die Entscheidung der von seiner Behörde eingesetzten Jury aus erwiesenen Branchenkennern hinwegsetzt, ist eine Einflussnahme, die Grundprinzipien des Preises konterkariert. Es könnte sogar als politische Einflussnahme wahrgenommen werden.

Der Ansatz, das umstrittene Haber-Verfahren zur Überprüfung der Preisträger anzuwenden, kommt einem Generalverdacht gegen alle Akteure der deutschen Buchbranche gleich und ist vollkommen unangemessen.

Der seit 2015 jährlich vergebene Buchhandlungspreis wurde maßgeblich von der Kurt Wolff Stiftung initiiert, die auch als dessen Partner auftritt. Mit dem Buchhandlungspreis soll ein besonderes buchhändlerisches Engagement für eine vielfältige Buch- und Literaturlandschaft in Deutschland gewürdigt werden.

Die drei betroffenen Buchhandlungen Golden Shop (Bremen), Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin), sind seit vielen Jahrzehnten mit ihrem Engagement und ihrem Sortiment ein fester Bestandteil des deutschen Buchhandels und jeweils bedeutende Ankerpunkte der lokalen Kulturvermittlung.

Gerade diese Buchhandlungen sorgen mit ihrem Angebot abseits des Mainstreams exemplarisch für die Sichtbarkeit von Vielfalt. Sie setzen sich mit ihrer Arbeit für die in einer Demokratie grundlegenden Prinzipien Meinungsfreiheit, Freiheit von Kunst und Literatur und für die Möglichkeit der Meinungsbildung ein und haben die Auszeichnung daher mehr als verdient.

Sie ihnen aufgrund von Bedenken, die nicht einmal mitgeteilt werden, vorzuenthalten, ist mehr als bedenklich – auch in Hinblick auf kommende Kulturpreisverleihungen.

Leipzig, 04.03.2026″



AUSGEZEICHNET GANZ AUSGEZEICHNET

Zwei großartige Auszeichnungen für zwei großartige Verleger, denen ich so extrem verbunden bin, dass ich mich selber ganz ausgezeichnet fühle – es ist mehr als nur echte Arbeit, die uns verbindet … bei Klaus Bittermanns Edition Tiamat waren es u.a. meine Bücher Sterne und Straßen und The Boy Named Sue, bei Manfred Rothenbergers Starfruit Publikations meine gesammelten Gedichte Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will – Hallelujah und hoch die Tassen!:

„Der Vorstand der in Leipzig ansässigen Kurt Wolff Stiftung freut sich, bekanntgeben zu dürfen: Die Edition Tiamat, Berlin erhält den Kurt-Wolff-Preis 2026, der Verlag Starfruit Publications wird mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis 2026 ausgezeichnet. Den Verlegern Klaus Bittermann und Manfred Rothenberger gratulieren wir herzlich! Die Preise werden am 20. März 2026 im Rahmen der Leipziger Buchmesse vergeben.“

„Den Kurt-Wolff-Preis 2026 erhält die Edition Tiamat aus Berlin. Deren Verleger Klaus Bittermann bereichert seit mehr als 45 Jahren die publizistische Landschaft mit politischen Essays und Büchern zu Geschichte und Zeitgeschehen, mit einem Schwerpunkt auf den Holocaust, Antisemitismus und Nationalismus. Belletristik, in Übersetzungen vor allem aus dem Englischen und Französischen, satirische Texte und Reportagen runden das Programm. Dank Klaus Bittermanns Engagement ergänzen seine Publikationen wichtige Stimmen im Meinungsstreit mit Unbequemem, Gesellschaftskritischem, historisch wie aktuell Relevantem, Humorvollem sowie linke Diskurse Erweiterndem. Der Kurt-Wolff-Preis ist mit 35.000 Euro dotiert.

Der Kurt-Wolff-Förderpreis 2026 wird dem Verlag Starfruit Publications aus Fürth verliehen. Seit 2009 publiziert der Verleger Manfred Rothenberger ein Programm, das spartenübergreifende Kollaborationen fördert, Lyrik wie Sachbücher, Biografien und Kunstbücher zeigt, das immer wieder überrascht, vermeintlich Abseitiges ins Licht hebt und dem es gelingt, literarisch interessante sowie politisch relevante Bücher in herausragender Gestaltung zu veröffentlichen. Der Förderpreis ist mit 15.000 Euro dotiert.“