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DYLAN UND DIE DÜNNE TAXIFAHRERIN

heißt ein Artikel, den ich 2011 zu Dylans 70. veröffentlichte. An seinem 85. hier zuerst eine Kurzfassung, danach der Artikel von damals:

Ein himmlisches Taxi

Bob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, dass man glaubte, nicht richtig zu sehen, und mein Freund, der Autor Friedrich Ani sagte: „Ein Wahnsinn.“

Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen draußen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgegebene Bob-Dylan-Lesebuch „How does it feel“. Ich war etwas überrascht, dass Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kannte. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben „Dylan im Werk von Ani“, hier ein Einstieg: mit „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ hat er den Song „Man In The Long Black Coat“ in den Titel genommen und auch eingebaut, und am Ende des großartigen Kriminalromans heißt es: „Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain´s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehreren Bieren durchaus ausführlich erklärte.“ Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den „DylanDays“ hergekommen (ich würde anschließend Musik auflegen). 

Die dünne Taxifahrerin war ein Wahnsinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist der echte Wahnsinn. Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mussten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir „Man In The Long Black Coat“. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war´s.

Soll ich ausmachen oder vielleicht lauter?“, sagte die dünne Taxifahrerin.

Unbedingt“, sagte Ani.

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Dylan und die dünne Taxifahrerin

Bob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, dass man glaubte, nicht richtig zu sehen, und mein Freund, der Autor Friedrich Ani sagte: „Ein Wahnsinn.“

Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen draußen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgegebene Bob-Dylan-Lesebuch „How does it feel“. Hatte ich auch grade bekommen und ebenfalls noch nicht genauer gecheckt.

Ich war etwas überrascht, dass Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kannte. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben „Dylan im Werk von Ani“, hier ein Einstieg: mit „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ hat er den Song „Man In The Long Black Coat“ in den Titel genommen und auch eingebaut, und am Ende des großartigen Kriminalromans heißt es: „Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain´s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehreren Bieren durchaus ausführlich erklärte.“

Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den „DylanDays“ hergekommen (ich würde anschließend Musik auflegen; ich spiele als Dylanfan nicht in der ersten Liga, hatte mich jedoch rechtzeitig an das schöne Heftchen von Oswald Wiener erinnert: „Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren“). Er erzählte, dass er die erste deutsche Dylan-Biografie von Anthony Scaduto 1976 gleich mehrmals verschlungen hatte. Während ich zur selben Zeit und ebenfalls sechzehn von D. noch nicht angesprochen worden war. Inzwischen hatte ich etwas aufgeholt, allein in letzter Zeit die Neuausgabe der riesigen Shelton-Biografie gelesen, außerdem Colin Irwins Buch über das Highway 61 Revisited-Album. Im Scaduto aber nur geblättert, weil sich alles nur noch zu wiederholen schien und der Reiz der ersten Nacht nicht mehr zu haben war. Mein Kanal für Dylan-Bücher ist wohl langsam voll; die Biografie von Suze Rotolo, seiner ersten großen Muse in New York, aber sei „unbedingt“ zu empfehlen und nicht nur als Dylan-Buch, meinte Ani.

Die dünne Taxifahrerin war ein Wahnsinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist der echte Wahnsinn. Allein die Neuheiten seit dem letzten Jahr sind unpackbar. Man sehe sich das mal an, ein Wahnsinnsmarkt. Fühlt sich an, als würde über jede Station, alle Gitarren und Hauskatzen, jedes Album, jeden einzelnen Text/Musik/Mensch-Aspekt ein Buch geschrieben (da war die Serie zu einzelnen Songs in dieser Zeitung leider zu kurz) und dazu Enzyklopädien und immer neue Biografien. Diese Bedeutung hat Kinky Friedman (der Ex-Countrysänger, der auch mal Gast bei Dylans Rolling Thunder Revue war) in seinen Krimis als Standard-Gag eingebaut, indem er erzählte, dass sein Freund Ratso eine zehntausend Bände umfassende Bibliothek über drei Persönlichkeiten habe: Jesus, Hitler, Dylan. Natürlich hat auch der echte Larry „Ratso“ Sloman ein Dylan-Buch geschrieben.

Während die dünne Taxifahrerin inzwischen garantiert noch dünner geworden ist, kann ich nun sagen, dass das von Prof. Dr. Klaus Theweleit zusammengestellte Lesebuch in meinen eigentlich vollen Dylanbücher-Kanal gut reingekommen ist. Weil es mit seinen zwei Dutzend Beiträgen durch alles kurvt, was es so gibt, und damit maximal abwechslungsreich, also unterhaltend ist, ohne den Stoff, den Künstler, an dem sich so viele, zum Teil in Lebenswerken, abarbeiten, dadurch zu vereinfachen. Wie vom Herausgeber beabsichtigt ist das keine „Ersatzbiographie“ (und es gibt nur „eine (grobe) Chronologie“), sondern ein wildes Cruisen durch die Dylan- und die Dylanberichte-Welt. „Zwar kommt auch der Ehe- und Family-Mann vor; auch der Junge vor dem Spiegel, der das rechte Outfit prüft; aber an erster Stelle soll dies ein Buch über den Song- & Wordman Dylan sein. Für den Danceman, wie er sich auch genannt hat, waren weniger Belege zu finden.“ Womit angedeutet ist, dass Theweleit mit seiner Sammlung mal wieder – anders als einige (wenige) Texte – eine Kopf/Bauch-Balance hergestellt hat. Musikbücher, die das nicht schaffen, will man ja nicht lesen.

Das Spektrum (ohne alle zu nennen): von Suze Rotolos Erinnerungen (sie wollte nicht als Dylan-Puppe an der Seite dieses starken Typen im aufbrechenden Starrummel verdämmern) bis zur Elke Heidenreich-Episode, wie sie (bzw. ein „Ich“) endlich in einem Jugendfreund die wahre Liebe erwischt, dank eines Dylan-Tribute-Konzerts im Fernsehen („Guck Willi Nelson an, wie der sich immer treu geblieben ist…“). Erstmals übersetzt Nat Hentoffs Portrait im New Yorker 1964, 20 Seiten klassischer Journalismus, und direkt dahinter Theweleits Analyse eines Ereignisses, das Dylan bei Hentoff erzählt: wie er bei einer Preisverleihung kurz nach der Ermordung Kennedys ausgebuht wurde, weil man dachte, er würde den Attentäter Oswald verteidigen. Ein Missverständnis, das bis heute tapfer verbreitet wird bzw. Dylan habe betrunken eben wirren Scheiß von sich gegeben. Tolle Kombination im Buch. Und immer spannend, wie sich manche Texte verzahnen, manches taucht woanders und wieder anders wieder auf. Stellen aus Sam Shepards Logbuch zur Thunder Revue, dem für mich schönsten Dylanbuch, sehr freie, nicht so an D. klebende Doku-Poesie; Hunter S. Thompson (für seine Verhältnisse sehr verhalten, über D. als das Hippiesymbol vor dem Hippietotalausverkauf); Abschnitt aus einem DeLillo-Roman: sein D. nachempfundener Held lässt wie der echte junge D. einen Interviewer so komisch wie verzweifelt ins Leere laufen.

Das Literarische ergänzt von der Forschung: Wilfried Mellers über „Dylan als jüdischer Indianer und weißer Schwarzer“ (stolpert leider auch in diese Art Komik: „In seinen Songs hält Dylan die heikle Balance zwischen patriarchalischen und matriarchalischen Impulsen. Im wirklichen Leben scheint es ihm weniger geglückt zu sein, war er doch zu vielen der Frauen, die ihn liebten, äußerst grausam…“). Großartig dagegen Heinrich Deterings Artikel über die Inszenierung, die Details, die Anspielungen in der Radio-Show, die Dylan bis vor kurzem präsentierte. Ebenso Diedrich Diedrichsen (über D. als Pionier neuer Formate) oder Sean Wilentz über Aneignung, Klauen, Fortführen, Bewahren, Montieren.

Unter den Respektsbezeugungen ist Theweleits eigene die stärkste: Was er an Dylans Kunst bewundert, ist dessen „umfassendere Wirklichkeit“, die „die Welten der Objekte, der Bilder, der Gefühle, der Räusche und insbesondere des Traums gleichermaßen“ einschließe, und das sei „nicht zu finden in den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie-Beamten…da ist eher kühles Valium…verabreicht Lesern, die die Power des (Sur)Realen nicht ertragen…“, das sei „Entertainment für Anspruchslose. Ich jedenfalls tausche den ganzen Suhrkamp-Laden gegen die gesammelten Columbia Records.“

Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mussten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir „Man In The Long Black Coat“. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war´s.

Soll ich ausmachen oder vielleicht lauter?“, sagte die dünne Taxifahrerin.

Unbedingt“, sagte Ani.

Klaus Theweleit: How does it feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch. Geb., 302 S., viele Fotos. Rowohlt Berlin, 2011



SPITZENSATZ (110)

Ich jedenfalls tausche den ganzen Suhrkamp-Laden gegen

die gesammelten Columbia Records.

Klaus Theweleit, 2011



IMMERGUT

ist das Kulturmagazin KAPUT, hier ein ausführlicher Artikel (mit Schwerpunkt Musikbusiness) über die beliebte antisemitische Boykott-Organisation BDS:

Ein Lied soll keine Brücke sein – Über Kulturboykotte und die BDS-Kampagne



ETWAS ÜBER FREUND HEIN

dieses sehr alte Symbol für den Sensenmann, scheint mir am Todestag von Freund Wiglaf Droste (+2019) angebracht zu sein. „Freund Hein, umarme mich!“ titelte er im Februar 1991 seinen weniger bekannten Begleittext zur Anthologie Top of the Flops der Band Family*5 um Ex-Fehlfarben Sänger-Texter Hein.

Nach einem Seitenhieb gegen „lahmarschige, gestusverliebte Linke“, die bei 68 und Ton Steine Scherben stehngeblieben sind, gehts so weiter: „Auch der willige Altachtundsiebziger-Fan, der nicht ungern noch ein paar Jahre Kernsätze aus der guten alten Fehlfarben-Zeit – Es geht voran und dergleichen – nachgebrüllt hätte, sieht sich von Peter Heins Texten düpiert: Der Sänger der Tanzkampfkapelle Family*5 versieht seine Schlachtrufe mit genau dem lästigen Beigeschmack von Unglauben und Defätismus, der die Klientel nicht bauchpinselt (…) Peter Heins Weigerung sich die Welt schön zu labern, weil es trotz großmäuliger Ankündigung nun doch nicht geklappt hat mit der Rebellion und man aus der Nummer ja nun irgendwie und möglichst ungeschoren wieder raus muß, sind nicht der Stoff, aus dem junge Opportunisten sich ein prima Schöner-Wohnen-Leben designen können…“

Das ist auch eine interessante, weil so unsentimentale, Fußnote übrigens zu den beiden gewichtigen 50-Jahre-Punk-Büchern ausm Ventil Verlag (über die der Musikredaktor unseres Blocks als Beteiligter noch was schreiben wird): So gibt es im Band „Angriff aufs Schlaraffenland – Ein Deutschpunk-Mixtape“ einige Beiträge über Fehlfarben und einen über Family*5, allerdings vom großartigen Kolja Podkowik (dessen Antilopen Gang ebenfalls beschrieben ist).

Und übrigens hätte Wiglaf Droste postum, wie schon zu Lebzeiten absolut zurecht mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet werden können, wo ihn doch sogar Helmut Kohl mal bekommen hat.



ZUM FEIERNTAG

habe ich mir einmal dieses Gedicht ausgedacht, das dann in meine Bücher Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg T-Shirt (Songdog 2009) und Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will reingekommen ist (Starfruit Publications 2020) und es kann sein, dass ich es schon hier im Blockhaus gebracht habe, weil mir zu diesem Feierntag halt nichts anderes mehr einfällt:

*** VATERTAG IM SPORTHEIM ***

Es war nichts los

an diesem Sonntagnachmittag im Sportheim

die Mannschaft kämpfte auswärts

um den Aufstieg in die B-Klasse.

Nur zwei Männer an einem Tisch

in einer müden Stimmung

und nur weil einer sagte

dass früher mehr los war am Vatertag

bekam ich mit, es war Vatertag

und war genauso betroffen.

Ich weiß auch nicht, sagte der Ältere

soll ich dieses blöde Haus renovieren

oder soll ich´s abreißen?

Ich kann mich einfach nicht entscheiden

so geht das seit vier Wochen

es ist zum Wahnsinnigwerden

aber mit dem Alter wirst du immer schwuler

da kannst du nichts machen.

Die junge Bedienung ging durch den Raum

in einem engen Oberteil mit Tigermuster

auf dem geschrieben stand: Miss Wet T-Shirt!

Das sah glaubwürdig aus und

alle Augen stimmten für sie.

Was meinst du denn damit?

fragte der Jüngere und lachte unsicher

soll ich vielleicht immer schwuler werden!?

Sollen nicht, aber sehen

wirst du es schon noch, sagte der Ältere

ich lasse mir immer mehr sagen

der sagt was und der sagt was, der eine sagt

das Haus renovieren!, der andere sagt abreißen!

als ich so alt war wie du mit 25

habe ich mir doch von keinem was sagen lassen.

Ich zahlte und ging und war traurig gestimmt

weil es früher am Vatertag besser war

als alle schnell so besoffen waren

dass keiner mehr wusste

wo ist hinten, was ist vorn.

Reiß dein scheiß Haus ab

sagte ich im Rausgehen zu ihm

aber mach´s mit einer Ladung Dynamit!

so heißt es noch

du bist schwul.



DER DOKTOR IST DEFEKT

heißt ein Roman von Anthony Burgess – fürs neue deutschland habe ich was über einen viel mehr defekten Dr. getextet, der was zum „8. Mai“ getextet hat, das man nicht glauben kann, aber muss:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199648.dominik-kaufner-mai-irgendwas-mit-sprache.html



AUS DEM TAGEBUCH EINES ÜBEREIFRIGEN MUSIKSTUDENTEN (29)

Manchmal muss es eine lange Wanderung sein. Abenteuer. Keine Planung. Keine leichten Wege. Wenn die Beine streiken, muss der Kopf weitergehn (bzw weiter gehn). Mit dem Anfang erkannte ich schon das Ziel, aber nicht den Weg. Wusste nur, wird lang sein. Und keinen Heli rufen, wenns hart wird. Ich startete bei

1 ISO 68: Here/There Played By – Hausmusik 2003 LP (A/B) – hatte ich am Tag der Bestattungsfeier für Nils Koppruch in Hamburg gekauft und mit Schlagzeug Florian Zimmer und Calexico als Kollaboration auf Track 1 gehts weiter zu

2 FRED IS DEAD: adhésif – Hausmusik 1998 EP (a/b) – womit ich das Ziel erkannte und mit dem ursprünglichen Schlagzeuger der Band Thomas Ganshorn (der mich bei einem gemeinsamen Auftritt in Wien mal mit einem Spontaneinstieg überraschte, weil er war ein zurückhaltender Mensch), hier jedoch am MCP 2000, gehts zu seiner einzigen Soloplatte

3 TODAY: Secrets – Hausmusik 2000 EP (one/two) – ist vielleicht erst nach seinem Suicide erschienen, ich weiß nicht mehr, und weil es eine echte (i.G. zu vielen anderen Sachen, die das nur behaupten) Fortsetzung von Krautrock ist, gehe ich weiter mit

4 TO ROCOCO ROT: s/t – Galerie Weisser Elefant 1996 LP (bag side/mouse side) – die beiden Seiten so genannt, weil auf der einen eine Tasche (mit roten Kreuz) gepictured ist und auf der anderen eine Maus, aber allein der Sound, genauer gesagt sowas wie die Grundeinstellung, trieb mich zu

5 IPPIO PAYO + GENE LABO: nobody answers questions – Geenger Rec/Echokammer 2021 EP (A/B) – Josip Pavlov mit seinem Ippio Payo Octett war mein Nr.1-Konzert letztes Jahr und den Titel von Track B2 hatte ich jetzt aufm Weg nicht aufm Schirm gehabt, „End of the road doesn´t mean end of the journey“ und so gings also fröhlich weiter würde ich als romantischer Labersack formulieren, nämlich mit dem Posaunisten Mathias Götz, der in München bei so ziemlich allen gern gefragt ist, die was aufm Kasten haben wie z.B. A Million Mercies oder Notwist, aber sein eigenes Ding ist

6 LE MILLIPEDE: Legs and Birds – Dyana Rec/Gutfeeling/Hausmusik 2022 DoLP (A) – die Seiten C/D mit Vogelstimmen, weil er auch ein versierter Hobbyornithologe ist, der mir sozusagen schon zu meinem Ziel vorausfliegt, aber ich bin noch nicht geschafft, sondern unterwegs mit

7 FARHOT: Kabul Fire Vol. 2 – Kabul Fire Rec 2020 LP (A) – war ein Tipp im Optimal Newsletter, erst danach entdeckte ich, dass er Haftbefehl u.ä. produziert hat, aber es ist sein eigener Stoff, der mich zum Fan gemacht hat, was ich schon lange bin von den 39Clocks, die nach Auflösung nen weiten Weg gingen wie etwa mit

8 THE COCOON: While the Recording Engineer Sleeps – Staubgold 2015 (Original Wilhelm Reich Schallspeicher 1989) LP (Two) – die Clocks in der Generationenverbindung mit den Jazzern Gunter Hampel und Thomas Keyserling, weniger eine neue Definition von Jazzrock als GarageJazz oder wie auch immer und in der Ignorierung von Regeln passend und nicht zufällig aufm selben Label

9 KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF: Désarroi – Staubgold 2015 LP (A/B) – ihre ersten Werke erschienen Ende 90er bei Payola im Hausmusik-Netzwerk, aber es hat ewig gedauert bis ich Gitarrist/Produzent Thomas Weber endlich mal kennenlernte über unseren Verleger Manfred Rothenberger von Starfruit Pbulications, mit dem Thomas das Buch „Nico“ hrsg. hat, aber dann hatten wir gleich auch Pläne, die noch nicht etc. und dann sah ich das Ziel mit

10 LE MILLIPEDE: Radical Hope – Radical Hope Rec 2026 LP (1-8) – Mathias Götz, siehe Punkte 5 und 6, jetzt auf seinem eigenen Label und (damit springe ich vom Vinylweg runter und lande wie vermutet im Ziel) als Gast bei

11 A MILLION MERCIES: Positive Vibes – Hausmusik 2026 Videotrack/Youtube oder Bandcamp – neu und lang von Wolfgang Petters, Mastermind von Hausmusik-Label und Hauptsänger/Gitarrist der zentralen Band, die nach einigen Jahren Pause wieder einzelne Tracks veröffentlicht hat und damit sehe ich im Rückspiegel einen sogar 30 Jahre langen Weg mit

12 FRED IS DEAD: Thief – Hausmusik 2026 Videotrack/Youtube – performed by Katja Raine: music/lyrics, Baritone Guitar, Vocals + Marion Epp: Bass, Omnichord, (aka Jimmy Draht/video) + Flow Zimmer: Drums, Philicorda + Wolfgang Petters: Guitars + Paul Niehaus: Pedal Steel Guitar. Und damit bin ich mehr munter als strapaziert und not dead und weiterhin wie ihre erste LP 93 hieß (Fred is dead) „…or just in preparation“ mit dem guten Rat „don´t take your guns in town“ in Landsberg gesungen von (siehe 2/3) Thomas Ganshorn.

(Mit der Notiz am Tag danach: alles besser ausführen… handschriftlich hinzugefügt jetzt: faule Sau!)



DIE STADT DER ARISIERTEN KAFFEEHÄUSER

bezeichnet und beschreibt Richard Schuberth die Stadt anlässlich des Megamusikevents, inklusive der damit verbundenen Bedingungen, Äußerungen und diversen Feinheiten und nicht so bekannten bzw. nicht so leicht-flott berichtbaren Details:

(Auszüge) Der Musikwettbewerb wird von einigen Ländern boykottiert, „Aserbaidschan indes ist wieder mit dabei. Jenes Land, dessen Armee im September 2023 etwa 100.000 Armenier aus Bergkarabach, die gesamte seit Jahrtausenden dort ansässige armenische Bevölkerung, vertrieben hat. Wer die einmütige Ökumene der Israel-Boykottierer auf ihre völlige Gleichgültigkeit gegenüber dieser ethnischen Säuberung hinweist, für den hat sie einen griffigen Begriff im Ärmel: Whataboutism (…)“.

Traditionell sensationell gastfreundlich „offerieren Wiener Cafés allen Teilnehmerländern Hauptquartiere (Eurofan Café). Bloß einem Staat wollte niemand Obdach geben, als sei er schon from the river to the sea im Mittelmeer verschwunden. Einzig der beherzten Initiative von Lisa Wegenstein von Artists Against Antisemitism verdankt sich, dass sich israelische Fans im Restaurant Kantine im Museumsquartier für zwei Wochen willkommen fühlen können. Jedenfalls hat sie die Stadt der arisierten Kaffeehäuser vor einer nationalen Schande bewahrt.“

https://www.derstandard.at/story/3000000319869/anti-israel-proteste-beim-song-contest-es-ist-das-alte-haessliche-lied?

Der Artikel ist eine Ergänzung zum neuen Buch von Richard Schuberth: 

https://edition-tiamat.de/books/vom-antisemitismus-der-keiner-sein-will



DER DRECKSACK BIN ICH

heißt der Dokfilm von Marcel Schreiter und M.Kruppe über den (Ost-)Berliner Dichter, Fotograf und Herausgeber der Literaturzeitung DreckSack: Premiere am Dienstag, den 5. Mai 2026 von 19 bis 22 Uhr im Kino am Markt (Markt 5, 07743 Jena) ein. Ich sage da auch paar Worte im Film, an die ich mich nicht erinnern kann, aber sie sind garantiert ziemlich viel Beifall klatschend.

Für die literaturinteressierten Leser*innen in diesem Block, die nicht immer nur Denis Scheck kucken: Die Produzenten dieser No-Budget-Produktion könnten noch etwas Förderung gebrauchen: Link zum Crowdfunding unten.

Mehr Information: „„Der DreckSack bin ich“ ist ein Film mit und über den Fotografen, Dichter und Herausgeber des „DreckSack – Lesbare Zeitschrift für Literatur“, mit Beiträgen der Autoren Franz Dobler, Johannes Jansen, Jan Off, Bert Papenfuß, Gerd Schönfeld, dem Journalisten und Fauser-Biograf Matthias Penzel, des Fotografen und Oscar-Preisträgers Michael Dressel u.v.a.m.

Anschließend wird diskutiert: Sowohl Florian Günther, als auch die beiden Produzenten des Films, Marcel Schreiter und M.Kruppe werden vor Ort sein und Rede und Antwort zu allen relevanten Fragen stehen. Wie kam es zu dem Film? Warum gerade Florian Günther und der DreckSack? etc.“

Trailer auf youtube: https://youtu.be/70Zop4IBPEk

Zum Crowdfunding: https://www.startnext.com/der-drecksack-bin-ich

Zum DreckSack:
www.edition-luekk-noesens.de/drecksack
www.facebook.com/drecksackberlin



BEI BILLER IN BERLIN

Den Kollegen Maxim Biller habe ich übrigens schon vor seinem ersten Buch sehr geschätzt und daran hat sich nichts geändert. Seinen neusten Kolumnentext – ein Blick in die Verwaltungsmaschine der deutschen Literatur – stehle ich nicht von der Zeit, sondern zitiere aus seinem persönlichen f-book vom 26.4.:

„UND DIE JUDEN? Was für ein freundlicher Mann! Und so bescheiden. Und so unprofessoral mit seinen Turnschuhen, der einfachen Jeans und der Salz-und-Pfeffer-Strickjacke, die genauso von Sage de Cret wie von Primark sein könnte. Wird so einer, wenn er bei einer Vorlesung über Hölderlin vorne am Katheder steht, von den Studenten überhaupt ernst genommen? Das waren meine ersten, unverschämten Gedanken, als Professor Steffen Martus im Einstein vor mir stand, Einstein Unter den Linden natürlich, bestes und einziges Kaffeehaus der vernarbten Stadt Berlin. Ich hatte ihn schon von Weitem kommen gesehen. Ich winkte, er winkte, und er lächelte mir so fröhlich zu, als hätten wir uns hier nicht verabredet, um eine schicksalhafte Meinungsverschiedenheit auszuräumen. Oder zu vertiefen.
„Avocadobrot – wirklich?“, sagte ich, nachdem er bestellt hatte. Und wieder dieses freundliche, fast beschämte Lächeln. „Das Gulasch“, sagte ich mit betont bärbeißiger, männlicher Stimme zum Kellner, „und bitte das Fleisch und die Knödel auf zwei verschiedenen Tellern!“ Der Professor lächelte immer noch, jetzt mechanisch. „Alle Juden bestellen wie ich“, sagte ich. „Mit unseren tausend Spezialwünschen gestalten wir jedes Gericht neu. Dasselbe machen wir seit Abraham und Moses mit unserem ganzen Leben, 24/7.“
Womit wir beim Thema waren. Als ich gehört hatte, dass es mal wieder eine neue Geschichte der deutschen Literatur gab – der zeitgenössischen Literatur, der Literatur, die ich liebte, hasste, bereicherte, der Literatur meiner Jugend und inzwischen viel zu erwachsenen Gegenwart –, bat ich den Verlag um ein kostenloses Rezensionsexemplar. Achtunddreißig Euro fand ich zu viel, bloß um im Register meinen Namen zu suchen und dann enttäuscht zu sein, wie selten ich vorkam, im Gegensatz zu meinen eingeborenen Widersachern. Das passierte mir bei dieser Sorte Standardwerk nämlich immer.
„Wieso kommen in Ihrem Buch, Ihrem Lexikon, Ihrer deutschen Literaturgeschichte praktisch keine Juden vor?“, sagte ich. „Kein Robert Schindel, dessen genialer Roman ‚Gebürtig’ so eine Art ‚Jahrestage’ auf jüdisch ist, keine Barbara Honigmann, kein Rafael Seligmann. Die Menasses kriegen jeder nur eine Zeile, und ich selbst bin nur der Nörgler ohne Werk, nerviger Stichwortgeber großer Debatten. Kein Wort über unsere Romane, unsere Prosa! Würden Sie fünfhundert Seiten über die Literatur der Weimarer Zeit und des Kaiserreichs schreiben, ohne den „Rabbi von Bachrach“ oder „Das Schloss“ zu erwähnen, würde schon der Verlagspförtner das Manuskript ablehnen.“
„Das ist keine Geschichte der Literatur“, sagte er verzagt. „Das ist eine Geschichte des neuen Deutschlands im Spiegel der Literatur. Ein politisches Buch.“ „Dann finde ich es noch absurder, dass darin keine Juden vorkommen!“ „Wieso?“ „Keine Juden in der Politik, heißt: keine Juden in der Literatur und am besten keine in Deutschland, oder?“ „Aber nein.“ „Doch! Warum verschweigen Sie Rachel Salamanders historische Rede zum Heine-Preis, in der sie ihre Enttäuschung über das Scheitern der deutsch-jüdischen cohabitation mit der rhetorischen Wucht eines Karl Kraus seziert? Bei Ihnen ist alles immer nur Pop, Pop, Pop, und sehr viel Strauß-Vater, Strauß-Sohn, Kracht. Haben Sie jemals von Benjamin Korns ‚Zeit’-Essays gehört, in denen er gleich nach 1989 als Deutscher und Jude das nationaltrunkene Deutschland vom Kopf auf die Füße gestellt hat?“ „Nein.“ „Sehen Sie.“
Als ich von der Toilette zurückkam, saß der Professor genau so da wie davor. Die Schultern nach innen gedreht, mit den lustigen Augen die fremde Umgebung nach Gefahr absuchend. „Sie können es mir ruhig verraten“, sagte ich, „warum keine Juden?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte er traurig, „aber ich werde darüber nachdenken.“ Und dann völlig überraschend, widersprüchlich, was auch immer: „Ich liebe Ihre Romane! Und wenn ein Schriftsteller groß ist, größer als ich selbst, traue ich mich gar nicht erst an ihn heran.“ Wie gebückt kann man durch seine eigene Literaturgeschichte gehen?, dachte ich und bestellte gönnerhaft die Rechnung. „Erst wenn Leute wie Sie, die die kollektive Erinnerung der Deutschen definieren“, zischte ich ihn gleichzeitig an, „erst wenn unsere Germanisten und Feuilletonisten begreifen, dass jüdisches Schreiben und Denken, dass jüdische historische Erfahrungen nicht im Getto stattfinden, sondern Teil des deutschen Hier-und-Jetzt sind, Teil der Deutschen-DNA, werde ich mich mit eurer Literatur versöhnen! Und erst dann wird sie vielleicht endlich auch eine neue Blüte erleben.“ „H-hm …“ „Mal was anderes: Wie sind Sie eigentlich Germanist geworden? Haben Sie als Kind viel gelesen?“ „Ich weiß es nicht“, sagte er – schon wieder. „Wirklich nicht?“ „Ich bin reingerutscht. Kennen Sie das nicht?“ „Nein“, sagte ich, „ich weiß genau, wer und was ich ohne das Schreiben wäre.“ „Meine Mutter war Friseurin“, sagte der stille Professor, „mein Vater ist gescheitert.“ „Ich verstehe“, sagte ich, obwohl ich überhaupt nichts mehr kapierte.
Auf unserem gemeinsamen Weg zur Friedrichstraße rauchte er noch schnell eine Kettenraucher-Zigarette. Er hatte es eilig. „Ich muss! Vortrag einer japanischen Germanistin über Franz Fühmann und seine ‚Traum-Erzählungen’“, sagte er beim Abschied. „Ich kenne von Fühmann nur das ‚Judenauto’, sagte ich, „bestes, ehrlichstes Stück deutscher Literatur über die bösen Nazideutschen. Sollten Sie unbedingt lesen.“
(DIE ZEIT, 23.4.26)