Produktion

DEUTSCHLAND WURDE VERNICHTET

was anscheinend noch nicht alle mitbekommen haben, wahrscheinlich wegen Tikstock und so, und deshalb habe ich in einem Artikel fürs neue deutschland (12.5.) mal bisschen drüber nachgedacht:

IRGENDWAS MIT SPRACHE

Wer sich entschlossen hat, in der Irgendwas-mit-Sprache-Branche irgendwas zu machen, interessiert sich in der Regel, so´n bisschen wenigstens, für die Frage, welches ist das richtige Wort?

Wenn sich jemand einen Dr.-Titel erarbeitet hat und sogar in Geschichtswissenschaft und sogar Gymnasiallehrer ist und nur deshalb zur Zeit davon freigestellt, weil er sogar im Brandenburger Landtag sitzt, habe ich sofort vollstes Vertrauen, dass er so gut wie garantiert immer das richtige Wort benutzt. Von gewissen Grauzonen, in denen manche Wörter dummerweise hängen und alle vor das Problem stellen, wo man sie einsetzen soll, mal abgesehn, das ist klar.

Ein gewisser Dr. Dominik Kaufner hat alle genannten Lebensleistungen erreicht und, soweit bekannt, sogar legal. Zu diesem auch in Deutschland nicht ganz unbekannten Jahrestag hat er vor wenigen Tagen dann dies veröffentlicht, Plakatstyle, große Buchstaben auf einem Foto (Flüchtlingstreck, Frauen und Kinder):

„KEIN TAG ZUM FEIERN 8. MAI 1945 TAG DER VERNICHTUNG“ und dazu sein Name mit AfD-Logo und Brandenburg-Adler.

Vernichtung also. Aber wer oder was wurde vernichtet? Die Nazis, das gilt als gesichert, nichtmal unmittelbar danach. Deutschland? Ebenfalls und offensichtlich bis heute nicht, bzw. um es ganz präzise zu formulieren: noch nicht. Oder ist es eine rein persönliche Aussage von Historiker Dr. Kaufner? Wurde seine Familie vernichtet, bevor er 1983 geboren wurde?

Findet man was dazu in seiner Dr.-Arbeit? Erschienen 2019 bei C.H.Beck und immer noch lieferbar: „Kloster, Stadt und Umland – Wirtschaftliche, memoriale und personelle Verflechtungen der Benediktinerabtei St. Emmeram in Regensburg“.

Und weiter geht die Suche nach dem richtigen Wort: Von der CSU kommend wurde Dr. Kaufner nach eigenen Angaben 2013 AfD-Mitglied und 2018 stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes der AfD Havelland. Daher die Frage, hat man ihn beim renommierten Verlag C.H.Beck aufgenommen, obwohl oder weil er ein AfD-Politiker ist? Keine Ahnung, Spekulation!

Aber auch ein weder-noch ist natürlich nicht ausgeschlossen. Weil der Dr. Kaufner einfach eine sensationell bahnbrechende Historikerdoktorarbeit abgeliefert haben könnte, deren Nichtveröffentlichung geradezu ein Verbrechen gewesen wäre: das zur Vernichtung von Regensburg geführt hätte.



AUF DEM DOROTHEENFRIEDHOF

in Berlin wurde am 8. Mai mein Freund, der Schriftsteller Ludwig Lugmeier bestattet. Meine Rede zum Abschied wurde von unserer Freundin und langjährigen Redakteurin Conny Lösch vorgetragen (und eine etwas versachlichte Version erscheint in der Sommer-Ausgabe des bayerischen Magazins MUH):

Liebe Trauergemeinde, sicher bin ich jetzt nicht allein hier mit dem Geständnis, dass ich einige der Dinger, die Ludwig gedreht hat, auch gerne gedreht hätte – und mit Dinger meine ich nicht nur seine Bücher.

Wir haben oft über Sprache diskutiert: Was ist das richtige Wort und gibt’s vielleicht ein besseres? In sowas konnte sich Ludwig verbeißen, und wenn ich schon zufrieden war, ließ er noch lange nicht los.

In diesem Moment würde uns also die Frage interessieren, ob ein Roman auch ein Ding sein kann, das man dreht: nicht wie einen Film, sondern wie einen Überfall. Ein Buch als Überfall zu betrachten, hätte uns gefallen – und das ist mehr als romantisches Wunschdenken: denn es gab einige Bücher mit einer derartigen Wirkung: schon als Jugendlicher war Ludwig von den Geschichten des Abenteurers Jack Bilbo dermaßen überfallen und gefesselt worden, dass er ein Mitglied der Mafia werden wollte, und Jahrzehnte später war er immer noch so gefesselt davon, dass er eine Biografie über diesen Jack Bilbo schrieb.

Ganz falsch!, würde Ludwig jetzt sagen, es hat mich doch nicht GEFESSELT, sondern im Gegenteil hat´s mich ENTFESSELT!

Und recht hätte er – tatsächlich hatte er als Teenager mit diesen Pulp Fiction-Büchern einen Weg raus aus der Dorfwelt von Kochel am See entdeckt. Die Atmosphäre dort hat er später so beschrieben: „Auschwitz hat nicht mehr geraucht, aber der Qualm hing noch über allem und vermischte sich mit dem bayrischen Katholizismus.“

In seinen beiden Romanen hat er mit schmerzhafter Präzision davon erzählt. Obwohl ich zehn Jahre später und fünfzig Kilometer weiter weg hineingeriet, war ich ebenfalls mit diesen Giftwolken, die Bayern verpesten, aufgewachsen, und das hat uns stark verbunden. Wie auch der nicht so häufige Fall, dass wir als Nichtstudierte Schriftsteller wurden.

Zu dem Mut und der totalen Konsequenz, mit der Ludwig ausbrach, war ich allerdings nie fähig. Sein Bild vom Gangster war ja für ihn nicht nur Protest gegen diese Verhältnisse, sondern außerdem die Voraussetzung, um eines Tages ein guter Schriftsteller zu werden. Echt irre jugendliche Hirngespinste, könnte man sagen, für die er dann teuer bezahlen musste – aber man könnte auch und muss sogar sagen: okay, bei ihm hat´s doch hingehauen!

Deshalb sei er sogar erleichtert gewesen, als er am Ende seiner Fluchten erstmal ausweglos und lange ins Loch einfahren musste, erzählte er, weil er dann endlich das tun konnte, was er eben schon lange tun wollte: Schreiben.

Ludwig las aus seinem ersten Roman in einem Theater in Augsburg, als wir uns 1992 kennenlernten. Meine Frau Christiane Lembert filmte diese lange Serie von Lesungen und die Interviews, die ich mit den Autor*innen führte. Es ging dabei immer nur um die Frage, warum und wie sie schrieben, und davon erzählte niemand so genau, durchdacht und druckreif wie Ludwig. Ich kannte diesen Lugmeier, denn er war ja eine Gangsterlegende, ein Held für uns Anti-Bayern-Bayern: den privat anzusprechen ich mich dann nicht getraut hätte. Aber es war mein Glückstag: denn als Ludwig meinen Namen hörte, riss er die Arme hoch und strahlte mich an. Er hatte Bücher von mir gelesen und fand sie gut, und wir tranken und palaverten einige Stunden.

Etwas, das mir später noch öfter auffallen sollte: Er hätte mit seinen Erfahrungen von Outlaw bis Knast angeben können, aber das war nicht seine Art, und andererseits tat er nicht so, als hätte er sich in einer anderen Zeit als anderer Mensch leider mal zu besonders krassen Aktionen hinreißen lassen. Er war schon auch ein bisschen stolz darauf – vor allem aber war er stolz darauf, dass er seinen gefährlichen beschwerlichen Weg zum Autor tatsächlich geschafft hatte.

Seitdem waren wir also Freunde – und Kollegen, deren Freundschaft so weit ging, dass sie sich kritisieren konnten: obwohl Kritik der Schriftstellerfreundschafts-Killer Nr.1 ist!

Ludwigs Position dabei war eher die Sprachanalyse und ich habe einige Listen mit Korrekturen von ihm – während ich eher mal die mahnende Stimme am Zeitfenster war. Als er z.B. nach intensiver Vor- und Schreibarbeit seinen „Faktenroman“ über diesen Jack Bilbo so gut wie abgeschlossen hatte und ich ihm zum großartigen Buch gratulierte, gestand er mir, er habe sich grade entschlossen, das Ding umzuschreiben, von Anfang an, weil´s nicht gut wäre, nicht gut genug – und dann redete ich eine ganze Nacht lang auf ihn ein, dass das nicht stimmte und er solle das wirklich sehr gute Ding endlich weghauen, was Neues angreifen, verdammt noch mal: ich machte mir Sorgen, dass er das Ding nicht drehen, sondern sich jetzt darin verirren würde. Natürlich kam ich nicht damit durch und natürlich verirrte er sich nicht.

Naja – ganz egoistisch hätte ich mir ein paar Bücher mehr von ihm gewünscht. Aber die Sorgfalt, Geduld und Selbstkritik, mit der Ludwig schrieb, und auch sein Mut, Schwieriges nicht zu vereinfachen oder zu beschönigen, hätte eben für drei sehr ernsthafte Schriftsteller gereicht. Und insofern ist sein großartiges Werk also doch umfangreich.

Einmal schickte er mir ein Gedicht, das ich so gut fand, dass ich ihn fragte, ob er mehr davon hätte. Eine Plastiktüte voll, sagte er, taugt aber nichts. Du lügst mich doch an, sagte ich. Aber das kann ich nicht – oder hoffentlich: noch nicht (und diese Plastiktüte taucht auf) – beweisen.

Der Luggi zuckte nur mit den Schultern, als ich wissen wollte, wie er es angestellt hatte, zwölf Jahre Gefängnis so gut zu überstehen. Weil er kein kaputter, zynischer oder verbitterter, sondern ein warmherziger Mensch war. Mit einem wunderbaren und auch schwarzen Humor, den er vor allem im Gedichtband „i“ (der zu schmal ist, um das Ergebnis der erwähnten Plastiktüte zu sein) und im letzten Buch mit Erzählungen sozusagen voll ausgefahren hat.

Warum er auf dem Foto, mit dem ihn meine Frau erwischt hat, dermaßen ansteckend lacht, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe ein ähnliches Foto im Kopf: Wir saßen bei uns in der Küche, und unsere kleine Tochter und eine Freundin tobten durch die Wohnung, sie hatten sich mit Mützen und Tüchern verkleidet und fuchtelten mit Holzstöcken herum. Was spielt ihr?, fragte Ludwig. Sie bauten sich vor ihm auf und brüllten: Wir sind Bankräuber! Und dann lachte sich der Ludwig kaputt.

Ich bin traurig, dass er von uns gegangen ist – und werde ihn immer vermissen – und werde mich immer glücklich schätzen, dass wir Freunde waren – und sage jetzt für mich und für uns alle: Lieber Ludwig, farewell!

*****

(Auf der Suche nach passender Musik gab ich auf gut Glück auch mal „Palermo“ ein, was ein Sehnsuchtsort von Ludwig war, und damit fand ich ein Instrumental, von dem wir uns einig waren, dass es wie die Faust aufs Auge passte: „Palermo“ von Paolo Fuschi)



DYLAN UND DIE DÜNNE TAXIFAHRERIN

heißt ein Artikel, den ich 2011 zu Dylans 70. veröffentlichte. An seinem 85. hier zuerst eine Kurzfassung, danach der Artikel von damals:

Ein himmlisches Taxi

Bob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, dass man glaubte, nicht richtig zu sehen, und mein Freund, der Autor Friedrich Ani sagte: „Ein Wahnsinn.“

Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen draußen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgegebene Bob-Dylan-Lesebuch „How does it feel“. Ich war etwas überrascht, dass Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kannte. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben „Dylan im Werk von Ani“, hier ein Einstieg: mit „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ hat er den Song „Man In The Long Black Coat“ in den Titel genommen und auch eingebaut, und am Ende des großartigen Kriminalromans heißt es: „Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain´s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehreren Bieren durchaus ausführlich erklärte.“ Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den „DylanDays“ hergekommen (ich würde anschließend Musik auflegen). 

Die dünne Taxifahrerin war ein Wahnsinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist der echte Wahnsinn. Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mussten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir „Man In The Long Black Coat“. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war´s.

Soll ich ausmachen oder vielleicht lauter?“, sagte die dünne Taxifahrerin.

Unbedingt“, sagte Ani.

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Dylan und die dünne Taxifahrerin

Bob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, dass man glaubte, nicht richtig zu sehen, und mein Freund, der Autor Friedrich Ani sagte: „Ein Wahnsinn.“

Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen draußen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgegebene Bob-Dylan-Lesebuch „How does it feel“. Hatte ich auch grade bekommen und ebenfalls noch nicht genauer gecheckt.

Ich war etwas überrascht, dass Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kannte. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben „Dylan im Werk von Ani“, hier ein Einstieg: mit „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ hat er den Song „Man In The Long Black Coat“ in den Titel genommen und auch eingebaut, und am Ende des großartigen Kriminalromans heißt es: „Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain´s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehreren Bieren durchaus ausführlich erklärte.“

Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den „DylanDays“ hergekommen (ich würde anschließend Musik auflegen; ich spiele als Dylanfan nicht in der ersten Liga, hatte mich jedoch rechtzeitig an das schöne Heftchen von Oswald Wiener erinnert: „Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren“). Er erzählte, dass er die erste deutsche Dylan-Biografie von Anthony Scaduto 1976 gleich mehrmals verschlungen hatte. Während ich zur selben Zeit und ebenfalls sechzehn von D. noch nicht angesprochen worden war. Inzwischen hatte ich etwas aufgeholt, allein in letzter Zeit die Neuausgabe der riesigen Shelton-Biografie gelesen, außerdem Colin Irwins Buch über das Highway 61 Revisited-Album. Im Scaduto aber nur geblättert, weil sich alles nur noch zu wiederholen schien und der Reiz der ersten Nacht nicht mehr zu haben war. Mein Kanal für Dylan-Bücher ist wohl langsam voll; die Biografie von Suze Rotolo, seiner ersten großen Muse in New York, aber sei „unbedingt“ zu empfehlen und nicht nur als Dylan-Buch, meinte Ani.

Die dünne Taxifahrerin war ein Wahnsinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist der echte Wahnsinn. Allein die Neuheiten seit dem letzten Jahr sind unpackbar. Man sehe sich das mal an, ein Wahnsinnsmarkt. Fühlt sich an, als würde über jede Station, alle Gitarren und Hauskatzen, jedes Album, jeden einzelnen Text/Musik/Mensch-Aspekt ein Buch geschrieben (da war die Serie zu einzelnen Songs in dieser Zeitung leider zu kurz) und dazu Enzyklopädien und immer neue Biografien. Diese Bedeutung hat Kinky Friedman (der Ex-Countrysänger, der auch mal Gast bei Dylans Rolling Thunder Revue war) in seinen Krimis als Standard-Gag eingebaut, indem er erzählte, dass sein Freund Ratso eine zehntausend Bände umfassende Bibliothek über drei Persönlichkeiten habe: Jesus, Hitler, Dylan. Natürlich hat auch der echte Larry „Ratso“ Sloman ein Dylan-Buch geschrieben.

Während die dünne Taxifahrerin inzwischen garantiert noch dünner geworden ist, kann ich nun sagen, dass das von Prof. Dr. Klaus Theweleit zusammengestellte Lesebuch in meinen eigentlich vollen Dylanbücher-Kanal gut reingekommen ist. Weil es mit seinen zwei Dutzend Beiträgen durch alles kurvt, was es so gibt, und damit maximal abwechslungsreich, also unterhaltend ist, ohne den Stoff, den Künstler, an dem sich so viele, zum Teil in Lebenswerken, abarbeiten, dadurch zu vereinfachen. Wie vom Herausgeber beabsichtigt ist das keine „Ersatzbiographie“ (und es gibt nur „eine (grobe) Chronologie“), sondern ein wildes Cruisen durch die Dylan- und die Dylanberichte-Welt. „Zwar kommt auch der Ehe- und Family-Mann vor; auch der Junge vor dem Spiegel, der das rechte Outfit prüft; aber an erster Stelle soll dies ein Buch über den Song- & Wordman Dylan sein. Für den Danceman, wie er sich auch genannt hat, waren weniger Belege zu finden.“ Womit angedeutet ist, dass Theweleit mit seiner Sammlung mal wieder – anders als einige (wenige) Texte – eine Kopf/Bauch-Balance hergestellt hat. Musikbücher, die das nicht schaffen, will man ja nicht lesen.

Das Spektrum (ohne alle zu nennen): von Suze Rotolos Erinnerungen (sie wollte nicht als Dylan-Puppe an der Seite dieses starken Typen im aufbrechenden Starrummel verdämmern) bis zur Elke Heidenreich-Episode, wie sie (bzw. ein „Ich“) endlich in einem Jugendfreund die wahre Liebe erwischt, dank eines Dylan-Tribute-Konzerts im Fernsehen („Guck Willi Nelson an, wie der sich immer treu geblieben ist…“). Erstmals übersetzt Nat Hentoffs Portrait im New Yorker 1964, 20 Seiten klassischer Journalismus, und direkt dahinter Theweleits Analyse eines Ereignisses, das Dylan bei Hentoff erzählt: wie er bei einer Preisverleihung kurz nach der Ermordung Kennedys ausgebuht wurde, weil man dachte, er würde den Attentäter Oswald verteidigen. Ein Missverständnis, das bis heute tapfer verbreitet wird bzw. Dylan habe betrunken eben wirren Scheiß von sich gegeben. Tolle Kombination im Buch. Und immer spannend, wie sich manche Texte verzahnen, manches taucht woanders und wieder anders wieder auf. Stellen aus Sam Shepards Logbuch zur Thunder Revue, dem für mich schönsten Dylanbuch, sehr freie, nicht so an D. klebende Doku-Poesie; Hunter S. Thompson (für seine Verhältnisse sehr verhalten, über D. als das Hippiesymbol vor dem Hippietotalausverkauf); Abschnitt aus einem DeLillo-Roman: sein D. nachempfundener Held lässt wie der echte junge D. einen Interviewer so komisch wie verzweifelt ins Leere laufen.

Das Literarische ergänzt von der Forschung: Wilfried Mellers über „Dylan als jüdischer Indianer und weißer Schwarzer“ (stolpert leider auch in diese Art Komik: „In seinen Songs hält Dylan die heikle Balance zwischen patriarchalischen und matriarchalischen Impulsen. Im wirklichen Leben scheint es ihm weniger geglückt zu sein, war er doch zu vielen der Frauen, die ihn liebten, äußerst grausam…“). Großartig dagegen Heinrich Deterings Artikel über die Inszenierung, die Details, die Anspielungen in der Radio-Show, die Dylan bis vor kurzem präsentierte. Ebenso Diedrich Diedrichsen (über D. als Pionier neuer Formate) oder Sean Wilentz über Aneignung, Klauen, Fortführen, Bewahren, Montieren.

Unter den Respektsbezeugungen ist Theweleits eigene die stärkste: Was er an Dylans Kunst bewundert, ist dessen „umfassendere Wirklichkeit“, die „die Welten der Objekte, der Bilder, der Gefühle, der Räusche und insbesondere des Traums gleichermaßen“ einschließe, und das sei „nicht zu finden in den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie-Beamten…da ist eher kühles Valium…verabreicht Lesern, die die Power des (Sur)Realen nicht ertragen…“, das sei „Entertainment für Anspruchslose. Ich jedenfalls tausche den ganzen Suhrkamp-Laden gegen die gesammelten Columbia Records.“

Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mussten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir „Man In The Long Black Coat“. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war´s.

Soll ich ausmachen oder vielleicht lauter?“, sagte die dünne Taxifahrerin.

Unbedingt“, sagte Ani.

Klaus Theweleit: How does it feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch. Geb., 302 S., viele Fotos. Rowohlt Berlin, 2011



DER DOKTOR IST DEFEKT

heißt ein Roman von Anthony Burgess – fürs neue deutschland habe ich was über einen viel mehr defekten Dr. getextet, der was zum „8. Mai“ getextet hat, das man nicht glauben kann, aber muss:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199648.dominik-kaufner-mai-irgendwas-mit-sprache.html



AUS DEM TAGEBUCH EINES ÜBEREIFRIGEN MUSIKSTUDENTEN (29)

Manchmal muss es eine lange Wanderung sein. Abenteuer. Keine Planung. Keine leichten Wege. Wenn die Beine streiken, muss der Kopf weitergehn (bzw weiter gehn). Mit dem Anfang erkannte ich schon das Ziel, aber nicht den Weg. Wusste nur, wird lang sein. Und keinen Heli rufen, wenns hart wird. Ich startete bei

1 ISO 68: Here/There Played By – Hausmusik 2003 LP (A/B) – hatte ich am Tag der Bestattungsfeier für Nils Koppruch in Hamburg gekauft und mit Schlagzeug Florian Zimmer und Calexico als Kollaboration auf Track 1 gehts weiter zu

2 FRED IS DEAD: adhésif – Hausmusik 1998 EP (a/b) – womit ich das Ziel erkannte und mit dem ursprünglichen Schlagzeuger der Band Thomas Ganshorn (der mich bei einem gemeinsamen Auftritt in Wien mal mit einem Spontaneinstieg überraschte, weil er war ein zurückhaltender Mensch), hier jedoch am MCP 2000, gehts zu seiner einzigen Soloplatte

3 TODAY: Secrets – Hausmusik 2000 EP (one/two) – ist vielleicht erst nach seinem Suicide erschienen, ich weiß nicht mehr, und weil es eine echte (i.G. zu vielen anderen Sachen, die das nur behaupten) Fortsetzung von Krautrock ist, gehe ich weiter mit

4 TO ROCOCO ROT: s/t – Galerie Weisser Elefant 1996 LP (bag side/mouse side) – die beiden Seiten so genannt, weil auf der einen eine Tasche (mit roten Kreuz) gepictured ist und auf der anderen eine Maus, aber allein der Sound, genauer gesagt sowas wie die Grundeinstellung, trieb mich zu

5 IPPIO PAYO + GENE LABO: nobody answers questions – Geenger Rec/Echokammer 2021 EP (A/B) – Josip Pavlov mit seinem Ippio Payo Octett war mein Nr.1-Konzert letztes Jahr und den Titel von Track B2 hatte ich jetzt aufm Weg nicht aufm Schirm gehabt, „End of the road doesn´t mean end of the journey“ und so gings also fröhlich weiter würde ich als romantischer Labersack formulieren, nämlich mit dem Posaunisten Mathias Götz, der in München bei so ziemlich allen gern gefragt ist, die was aufm Kasten haben wie z.B. A Million Mercies oder Notwist, aber sein eigenes Ding ist

6 LE MILLIPEDE: Legs and Birds – Dyana Rec/Gutfeeling/Hausmusik 2022 DoLP (A) – die Seiten C/D mit Vogelstimmen, weil er auch ein versierter Hobbyornithologe ist, der mir sozusagen schon zu meinem Ziel vorausfliegt, aber ich bin noch nicht geschafft, sondern unterwegs mit

7 FARHOT: Kabul Fire Vol. 2 – Kabul Fire Rec 2020 LP (A) – war ein Tipp im Optimal Newsletter, erst danach entdeckte ich, dass er Haftbefehl u.ä. produziert hat, aber es ist sein eigener Stoff, der mich zum Fan gemacht hat, was ich schon lange bin von den 39Clocks, die nach Auflösung nen weiten Weg gingen wie etwa mit

8 THE COCOON: While the Recording Engineer Sleeps – Staubgold 2015 (Original Wilhelm Reich Schallspeicher 1989) LP (Two) – die Clocks in der Generationenverbindung mit den Jazzern Gunter Hampel und Thomas Keyserling, weniger eine neue Definition von Jazzrock als GarageJazz oder wie auch immer und in der Ignorierung von Regeln passend und nicht zufällig aufm selben Label

9 KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF: Désarroi – Staubgold 2015 LP (A/B) – ihre ersten Werke erschienen Ende 90er bei Payola im Hausmusik-Netzwerk, aber es hat ewig gedauert bis ich Gitarrist/Produzent Thomas Weber endlich mal kennenlernte über unseren Verleger Manfred Rothenberger von Starfruit Pbulications, mit dem Thomas das Buch „Nico“ hrsg. hat, aber dann hatten wir gleich auch Pläne, die noch nicht etc. und dann sah ich das Ziel mit

10 LE MILLIPEDE: Radical Hope – Radical Hope Rec 2026 LP (1-8) – Mathias Götz, siehe Punkte 5 und 6, jetzt auf seinem eigenen Label und (damit springe ich vom Vinylweg runter und lande wie vermutet im Ziel) als Gast bei

11 A MILLION MERCIES: Positive Vibes – Hausmusik 2026 Videotrack/Youtube oder Bandcamp – neu und lang von Wolfgang Petters, Mastermind von Hausmusik-Label und Hauptsänger/Gitarrist der zentralen Band, die nach einigen Jahren Pause wieder einzelne Tracks veröffentlicht hat und damit sehe ich im Rückspiegel einen sogar 30 Jahre langen Weg mit

12 FRED IS DEAD: Thief – Hausmusik 2026 Videotrack/Youtube – performed by Katja Raine: music/lyrics, Baritone Guitar, Vocals + Marion Epp: Bass, Omnichord, (aka Jimmy Draht/video) + Flow Zimmer: Drums, Philicorda + Wolfgang Petters: Guitars + Paul Niehaus: Pedal Steel Guitar. Und damit bin ich mehr munter als strapaziert und not dead und weiterhin wie ihre erste LP 93 hieß (Fred is dead) „…or just in preparation“ mit dem guten Rat „don´t take your guns in town“ in Landsberg gesungen von (siehe 2/3) Thomas Ganshorn.

(Mit der Notiz am Tag danach: alles besser ausführen… handschriftlich hinzugefügt jetzt: faule Sau!)



WAS GIBT’S DA NOCH ZU LACHEN?

ist das Thema des Feuilletons der Silvester-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Chefredakteurin Julia Encke hat einen Haufen Texte dafür eingesammelt – mein Beitrag heißt „Boykott des Boykotts“.

Am Anfang gestehe ich, dass ich schon zu lange für die Textabteilung Paranoia&Pessimismus arbeite, um jetzt für die Gute-Laune-Abteilung tolle Stücke liefern zu können – aber natürlich habe ich mich angestrengt und echt was zum Totlachen geschrieben. Freut mich auch sehr, dass das neben dem Text der geschätzten Lea Streisand steht (die z.B. die Anthologie „Sind Antisemitisten anwesend?“ mit herausgegeben hat, wo ich auch was zum Totlachen beigetragen habe; wahrscheinlich war in meinen Buchstabensuppen noch nie mehr drin, aber so what).

Ab heute im Handel. Ab morgen auch auf faz.net

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/worueber-kuenstler-in-krisen-und-kriegen-noch-lachen-accg-200382554.html



THE CREEPING CANDIES

Zum 40-jährigen Bestehen das neue Album der Creeping Candies mit dem nicht ganz unberechtigten Titel INVINCIBLE (Bezugspunkte unten) – ein langer Weg, seit ihr Debut damals auf dem Hilsberg-Label What´s So Funny About erschienen war (siehe auch den Beitrag davor). Als Beilage zur Vinyl-Ausgabe schrieb ich für sie diesen Text (in dem ich das unschlagbare Zitat von Nikki Sudden dummerweise nicht einbaute, weil ich es schon mal wo eingebaut habe: „Apart from Can they’re my favorite German band ever.“):

PURE FREUDE (ALLEIN IST NIE GENUG)

The Creeping Candies feiern mit Invincible kein Comeback, sondern einfach nur ihr 40jähriges Bestehen. Wobei mir unvermeidlich sofort auffällt, dass aus der Independent-Klasse von 85 nur wenige Bands durchgehalten haben. Durchhalten klingt ekelhaft wie Einzelhaft und hat auch mit Qualität nichts zu tun – während die 40 Jahre der Creeping Candies mit einer so guten wie abenteuerlichen Geschichte verbunden sind, in deren Mittelpunkt bis heute die pure Freude am Musikmachen steht: Die ist offensichtlich unbesiegbar und Invincible ist für mich mal wieder ihr bestes Album. Das frisch wie ein vielversprechendes Debut klingt. Dabei ohne Wir-sind-jung-geblieben-Getue, sondern charmant souverän, mit melancholischen Momenten. In Text und Tracks frei von abgestumpfter Nostalgie oder Wir-haben-schon-alles-mitgemacht-ihr-Pisser-Attitüde.

Große Worte. Die ich mir erlaube, weil ich seit fast 40 Jahren Fan bin. In München interessierte man sich 86 für keine Band aus Augsburg, aber brennend für alles, was der zurecht Independent-Papst genannte Alfred Hilsberg auf seinem What´s So Funny About-Label rausbrachte. Ihr Debut-Album Flesh stand plötzlich neben The Gun Club oder Nikki Sudden. Und war sogar von Sudden gepusht und, wie zwei weitere Platten, produziert worden. Und die Band wurde im Musikmagazin Spex, das wir studierten wie andere die Bibel, „die Speerspitze der süddeutschen Independentszene“ gepriesen. Allein schon das waren Erfolge, für die damals alle Musiker:innen, die sich nicht mit der NDW infiziert hatten, die überlebenden Sex Pistols erschossen hätten… Um die lange Geschichte abzukürzen: Die Band wurde dann doch nicht von großen Hoffnungen oder freundlichen Männern der Musikindustrie erledigt.

Danach Ups & Downs (naturgemäß für Underground-Rock´n´Roll), Pausen (auch mal länger), Umbesetzungen (bei denen der Candies-Charakter mit Sänger/Gitarrist Christian „Hölle“ Höllriegel als Herz der Band erhalten blieb). Aber ich habe sie nie vergessen und bekam alle Tonträger und live so ziemlich jede Candies-Variante mit. Und ging auf jedes Konzert schon auch mit der vagen Befürchtung, die mich bei allen geschätzten langjährigen Bands befällt, verdammt, bleib lieber weg, es könnte peinlich werden! Ist jedoch nie passiert! Ich war und bin glücklich damit.

Voller Energie sind The Creeping Candies immer noch so lässig wie großartig und inspiriert von 60ies-Garage-Rock, den sie inzwischen etwas countryfiziert haben (und der weiterhin als Anti gegen Rock-Musik bestens funktioniert). Und das hat nicht nur mit purer Freude zu tun, sondern mit Haltung. Anders geht’s nicht, wenn es um gute Musik geht. Und so kam´s also, dass sie mit Invincible besser denn je sind.

 * * *

Infos & Shopping: https://creeping-candies.de/

Teil 1 ihrer sehr interessanten Video-History (der finale Teil 4 kommt in den nächsten Tagen):



EIN HOCH AUF DIE ZOMBIE-MUSIK

und die Pianistin Mary Lou Williams habe ich für neues deutschland geschrieben. Mit einem Geständnis am Anfang: „Schon etwas deprimierend, wenn man wieder mal draufkommt, dass man von einer Sache viel weniger Ahnung hat, als man denkt.“

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1191869.jazz-und-emanzipation-ein-hoch-auf-die-zombie-musik.html



ARTISTS AGAINST ANTISEMITISM

Artists Against Antisemitism/Augsburg: in der Dießener Buchhandlung CoLibri am Freitag, 21.3.2025 um 19h

„Einen Abend mit Kunst und Gesprächen gegen Antisemitismus präsentiert die Buchhandlung CoLibri in Dießen (Bahnhofstraße 14) am Fr 21.3.2025 um 19:00 Uhr. Mitglieder der bundesweiten Kampagne „Artists Against Antisemitism“ aus Augsburg nähern sich dem Thema mit Songs, Talk-Formaten und literarischen Texten, u.a. aus der aktuellen Anthologie „Sind Antisemitisten anwesend? Satiren, Geschichten und Cartoons gegen Judenhass“.

Mit dabei sind die Lyriker:innen Carmen Achter und Gerald Fiebig, die Kulturwissenschaftlerin Christiane Lembert, der Musiker Sebastian Kochs, der Autor Franz Dobler und als Gast Daniel Gitbud vom Münchner Projekt „Coffee with a Jew“. Eingeleitet wird der Abend vom Journalisten Thies Marsen, von dem die Idee zur Veranstaltung stammt.

Artists Against Antisemitism“ (artistsagainstantisemitism.org) ist eine bundesweite Kampagne. Sie wurde 2021 von Musiker:innen aus dem Punk-Bereich gestartet, u.a. um der in der Musik- und Kunstszene sehr verbreiteten Unterstützung der antisemitischen Israel-Boykott-Kampagne BDS entgegenzutreten.

Unter dem Eindruck der massiven Welle antisemitischer Aggression nach dem genozidalen Massaker der faschistischen Hamas am 7. Oktober 2023 gründete sich in Augsburg eine Ortsgruppe von „Artists Against Antisemitism“, die von einzelnen Künstler:innen, aber auch Institutionen wie dem Staatstheater Augsburg und dem Jungen Theater Augsburg getragen wird.“



AUS DEM TAGEBUCH EINES ÜBEREIFRIGEN MUSIKSTUDENTEN (28)

Träume mit Musik sind selten, heute Nacht dann aber gleich heftig (wien Texas Tornado sotospeak), als sollte ich ermahnt werden, mehr Musik zu träumen.

Ich befand mich in einem Hotel und bekam völlig unerwartet den Auftrag von einer Zeitung, über ein Konzert von Bruce Springsteen zu schreiben. War von den Socken, weil ich mit dem noch nie was am Hut gehabt hatte. Der interessante Punkt an dem Auftrag war jedoch, dass man mir mitteilte, der Tex-Mex-Akkordeonist Flaco Jimenez wäre beim Konzert als Gast dabei. Das fand ich sensationell und ging aufgeregt im Zimmer hin und her. Schrieb im Kopf schon am Artikel: „Diese Rocker-Millionäre gehn mir auf den Wecker, die sich jemanden holen, um sich bodenständig darzustellen und irgendwas mit autäääntisch rumzumachen! Sie fragen sich, was das mit dem Konzert zu tun hat? Das werde ich Ihnen jetzt erklären.“ (Ich quatschte im Traum im Kopf-Artikel tatsächlich die Leserleute an!) Seltsam jedoch, dass ich das Konzert jetzt gleich im Radio anhören sollte – und dass mich im nächsten Moment aber eine Hotelangestellte (eine alte Freundin, zu der ich schon lange keinen Kontakt mehr habe!) zur Eile antrieb, weil sie mich zum Konzert fahren sollte. Ich machte mich also bereit (Schuhe, Jacke, Stift, Block) und war mir dabei bewusst, dass ich mir zuviel Zeit ließ, vertrödelte, und als ich dann vor dem Hotel stand, war da kein Auto und keine Fahrerin und jemand sagte, sie habe keine Zeit mehr gehabt. Dann ging ich auf der Straße durch eine öde Landschaft, keine Häuser, keine Bäume. Wartete auf ein Auto, das ich anhalten wollte, aber kein Auto. Dann begegnete ich einem Mann, der sagte, er halte ebenfalls Ausschau nach einem Auto. Er ging in die andere Richtung.

Als ich erwachte, surfte ich sofort durch die realen Hintergründe. Ich hatte in meinem Leben eine Menge Texmex-Music gehört, wusste jetzt aber nichtmal, ob Flaco Jimenez (85) noch lebte.

<<< tejanonation.net am 12.1.25: “Flaco is currently in the hospital facing a medical hurdle—in good spirits but trying to get better. Rest assured, he’s in good hands and on the road to recovery.“

<<< Ebenfalls alive sein Bruder, Akkordeonist Santiago Jimenez Jr. (80), von dem ich ca. Ende der 90er ein umwerfendes Konzert im Münchner Substanz erlebt habe.

<<< Hat der Traum was mit dem Tod von David Lynch zu tun oder mit der Frage, ob die Heimat der Jimenez-Brüder, San Antonio, Texas, demnächst verödet, weil alle „illegalen“ Mexicanos abgeschoben werden?

<<< Über Ry Cooders Band war das große Rockbusiness auf Flaco Jimenez aufmerksam geworden und er hatte auch mal bei Dylan und den Rolling Stones gespielt, aber einen Hinweis zu irgendwas mit Springsteen finde ich nicht.

<<< Stimmt es, dass die Ticketpreise beim großen Arbeiterfreund Bruce Sp. für Arbeiterinnen etwas teuer sind? Braunschweiger Zeitung am 7.10.24: „in der Veltins-Arena Gelsenkirchen müssen die Fans zwischen 129,35 und 199,24 (Stehplatz) und 94,85 bis 196,10 (Sitzplatz) ausgeben…“

<<< Ein neues Album aus dem Texmex/Jimenez-Universum hatte ich zuletzt von Bear Family Rec. 2023 bekommen, die großartige (und in keinem Stream erhältliche) Compilation „High Texas Rider – Augie Meyers and The Texas Re-Cord Co.“. Augie Meyers (alive mit 84) war der langjährige Piano-Partner von Doug Sahm seit dem Sir Douglas Quintet (Original-„Mendocino“ zB), und als sie Anfang der 90er eine neue Band bauten, holte Augie Flaco Jimenez rein und Doug den Freddy Fender: „The Texas Tornados were one of the few supergroups worthy of that description. They performed  together regularly, though apparently Augie had increasingly to be the peacemaker between the egos of Doug and Freddy and between Freddy´s no-alcohol pledge and Doug´s drink and dope groove. Nevertheless, they made half a dozen acclaimed albums between 1990 and 1999“ (als Doug Sahm died am 18. Nov of a heart attack in Taos, New Mexico). Die Compilation versammelt 26 Songs von Meyers eigenem Label The Texas Re-Cord Co. 1976-79 und sie alle sind da irgendwo dabei plus Joe King Carrasco, „Wild Man“ Ray Liberto ua, und die ausführlichen Liner Notes von Martin Hawkins und die (meisten der) sensationellen Fotos wirste sonstwo genausowenig finden wie das Hotel, in dem ich einen Springsteen-Artikel ausgeträumt habe. (dazu Track 17 Augie Meyers and the Western Head Band: You Win Again)