KNASTLESEN (5)

Schon zum zweiten Mal las ich den Eingeknasteten in der Jugendarrestanstalt aus dem Roman Eine Tonne für Frau Scholz von Sarah Schmidt vor. Kam wieder gut an; Thema Berlin kommt an, auch die offensive (dabei nicht-jugendliche) Haltung zu Drogen, die etwas biestige Art der Ich-Erzählerin und der subtile Humor der Autorin. Ich bin ja immer wieder überrascht, was bei den 16-21jährigen (von denen nicht viele einen Hauptschulabschluss haben, fast nie sitzen Gymnasiasten, Abiturienten, Studenten ein) ankommt, z.B. hätte ich gewettet, dass Wolfgang Herrndorfs Tschick irgendwie interessiert, aber nichts da, warum, wurde mir nicht klar.

Neun Jungs und ein Mädchen waren dabei. Angenehme Stimmung. Der Junge neben mir war ein äußerst netter und freundlicher Typ; hatte auf dem rechten Arm fett ACAB tätowiert (All Cops Are Bastards). Ich wusste nicht, warum er sich einen Arrest eingehandelt hatte; ich frage nie jemanden und erfahre es nur, wenn sie selber drauf zu sprechen kommen. Nach einer Stelle im Buch sagte er, ohne im geringsten aggressiv zu werden, diese Ausländer seien ja wirklich überall und die gingen ihm total auf die Nerven.

Ich sagte nichts dazu und wollte mal sehen. Sofort bekam er von allen Seiten was zu hören, was er andernfalls so ähnlich auch von mir bekommen hätte. Ich erwartete, er würde ordentlich einsteigen und gegen sie anreden, aber er blieb freundlich und friedlich. Das Mädchen erzählte, sie sei drei Jahre mit so einem rechten Typen zusammen gewesen und diese Haltung sei grauenhaft. Ich traute mich leider nicht sie zu fragen, wie sich das genauer abgespielt und warum sie es dann doch so lange mit ihm ausgehalten habe.

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