BEI BILLER IN BERLIN

Den Kollegen Maxim Biller habe ich übrigens schon vor seinem ersten Buch sehr geschätzt und daran hat sich nichts geändert. Seinen neusten Kolumnentext – ein Blick in die Verwaltungsmaschine der deutschen Literatur – stehle ich nicht von der Zeit, sondern zitiere aus seinem persönlichen f-book vom 26.4.:

„UND DIE JUDEN? Was für ein freundlicher Mann! Und so bescheiden. Und so unprofessoral mit seinen Turnschuhen, der einfachen Jeans und der Salz-und-Pfeffer-Strickjacke, die genauso von Sage de Cret wie von Primark sein könnte. Wird so einer, wenn er bei einer Vorlesung über Hölderlin vorne am Katheder steht, von den Studenten überhaupt ernst genommen? Das waren meine ersten, unverschämten Gedanken, als Professor Steffen Martus im Einstein vor mir stand, Einstein Unter den Linden natürlich, bestes und einziges Kaffeehaus der vernarbten Stadt Berlin. Ich hatte ihn schon von Weitem kommen gesehen. Ich winkte, er winkte, und er lächelte mir so fröhlich zu, als hätten wir uns hier nicht verabredet, um eine schicksalhafte Meinungsverschiedenheit auszuräumen. Oder zu vertiefen.
„Avocadobrot – wirklich?“, sagte ich, nachdem er bestellt hatte. Und wieder dieses freundliche, fast beschämte Lächeln. „Das Gulasch“, sagte ich mit betont bärbeißiger, männlicher Stimme zum Kellner, „und bitte das Fleisch und die Knödel auf zwei verschiedenen Tellern!“ Der Professor lächelte immer noch, jetzt mechanisch. „Alle Juden bestellen wie ich“, sagte ich. „Mit unseren tausend Spezialwünschen gestalten wir jedes Gericht neu. Dasselbe machen wir seit Abraham und Moses mit unserem ganzen Leben, 24/7.“
Womit wir beim Thema waren. Als ich gehört hatte, dass es mal wieder eine neue Geschichte der deutschen Literatur gab – der zeitgenössischen Literatur, der Literatur, die ich liebte, hasste, bereicherte, der Literatur meiner Jugend und inzwischen viel zu erwachsenen Gegenwart –, bat ich den Verlag um ein kostenloses Rezensionsexemplar. Achtunddreißig Euro fand ich zu viel, bloß um im Register meinen Namen zu suchen und dann enttäuscht zu sein, wie selten ich vorkam, im Gegensatz zu meinen eingeborenen Widersachern. Das passierte mir bei dieser Sorte Standardwerk nämlich immer.
„Wieso kommen in Ihrem Buch, Ihrem Lexikon, Ihrer deutschen Literaturgeschichte praktisch keine Juden vor?“, sagte ich. „Kein Robert Schindel, dessen genialer Roman ‚Gebürtig’ so eine Art ‚Jahrestage’ auf jüdisch ist, keine Barbara Honigmann, kein Rafael Seligmann. Die Menasses kriegen jeder nur eine Zeile, und ich selbst bin nur der Nörgler ohne Werk, nerviger Stichwortgeber großer Debatten. Kein Wort über unsere Romane, unsere Prosa! Würden Sie fünfhundert Seiten über die Literatur der Weimarer Zeit und des Kaiserreichs schreiben, ohne den „Rabbi von Bachrach“ oder „Das Schloss“ zu erwähnen, würde schon der Verlagspförtner das Manuskript ablehnen.“
„Das ist keine Geschichte der Literatur“, sagte er verzagt. „Das ist eine Geschichte des neuen Deutschlands im Spiegel der Literatur. Ein politisches Buch.“ „Dann finde ich es noch absurder, dass darin keine Juden vorkommen!“ „Wieso?“ „Keine Juden in der Politik, heißt: keine Juden in der Literatur und am besten keine in Deutschland, oder?“ „Aber nein.“ „Doch! Warum verschweigen Sie Rachel Salamanders historische Rede zum Heine-Preis, in der sie ihre Enttäuschung über das Scheitern der deutsch-jüdischen cohabitation mit der rhetorischen Wucht eines Karl Kraus seziert? Bei Ihnen ist alles immer nur Pop, Pop, Pop, und sehr viel Strauß-Vater, Strauß-Sohn, Kracht. Haben Sie jemals von Benjamin Korns ‚Zeit’-Essays gehört, in denen er gleich nach 1989 als Deutscher und Jude das nationaltrunkene Deutschland vom Kopf auf die Füße gestellt hat?“ „Nein.“ „Sehen Sie.“
Als ich von der Toilette zurückkam, saß der Professor genau so da wie davor. Die Schultern nach innen gedreht, mit den lustigen Augen die fremde Umgebung nach Gefahr absuchend. „Sie können es mir ruhig verraten“, sagte ich, „warum keine Juden?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte er traurig, „aber ich werde darüber nachdenken.“ Und dann völlig überraschend, widersprüchlich, was auch immer: „Ich liebe Ihre Romane! Und wenn ein Schriftsteller groß ist, größer als ich selbst, traue ich mich gar nicht erst an ihn heran.“ Wie gebückt kann man durch seine eigene Literaturgeschichte gehen?, dachte ich und bestellte gönnerhaft die Rechnung. „Erst wenn Leute wie Sie, die die kollektive Erinnerung der Deutschen definieren“, zischte ich ihn gleichzeitig an, „erst wenn unsere Germanisten und Feuilletonisten begreifen, dass jüdisches Schreiben und Denken, dass jüdische historische Erfahrungen nicht im Getto stattfinden, sondern Teil des deutschen Hier-und-Jetzt sind, Teil der Deutschen-DNA, werde ich mich mit eurer Literatur versöhnen! Und erst dann wird sie vielleicht endlich auch eine neue Blüte erleben.“ „H-hm …“ „Mal was anderes: Wie sind Sie eigentlich Germanist geworden? Haben Sie als Kind viel gelesen?“ „Ich weiß es nicht“, sagte er – schon wieder. „Wirklich nicht?“ „Ich bin reingerutscht. Kennen Sie das nicht?“ „Nein“, sagte ich, „ich weiß genau, wer und was ich ohne das Schreiben wäre.“ „Meine Mutter war Friseurin“, sagte der stille Professor, „mein Vater ist gescheitert.“ „Ich verstehe“, sagte ich, obwohl ich überhaupt nichts mehr kapierte.
Auf unserem gemeinsamen Weg zur Friedrichstraße rauchte er noch schnell eine Kettenraucher-Zigarette. Er hatte es eilig. „Ich muss! Vortrag einer japanischen Germanistin über Franz Fühmann und seine ‚Traum-Erzählungen’“, sagte er beim Abschied. „Ich kenne von Fühmann nur das ‚Judenauto’, sagte ich, „bestes, ehrlichstes Stück deutscher Literatur über die bösen Nazideutschen. Sollten Sie unbedingt lesen.“
(DIE ZEIT, 23.4.26)
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