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DEM ATLANTIKSCHWIMMER

und Maler Heinz Braun (1938-86) ist in Regensburg, noch bis Sonntag, 20.10., eine Ausstellung gewidmet. Was eine Seltenheit ist. Wie die ersten Filme von Herbert Achternbusch, in denen er als Schauspieler tätig war. Falls er nicht als Postbote tätig war. Angeblich hat er, als ihm das mit der Post zuviel wurde, angefangen, Pakete zu bemalen. Auch den Katalog von der Ausstellung im Münchner Stadtmuseum 1988 gibt es noch.

 Katalog

Auf der Seite auch ein TV-Beitrag von damals:

http://www.kunst-und-gewerbeverein.de/programm.html



WAS DENN MEIN

Lieblingslied wäre, wurde ich auf der Buchmesse gefragt, allerdings war das nicht die Frage, die mir mein alter Freund Lorenz Schröter am Mikrofon stellte, seine Fragen betrafen den Ort und die Massen und die Büchermasse, verdammt schwierige Fragen bzw. Überlegungen, und diese Antwort wäre auf jede seiner Fragen  unpassend gewesen…

What shall we do with a drunken sailor?

Ich kann nicht glauben, dass jemand etwas anderes erwartet hätte. Denn ich bin weder hier noch dort zum Spaß unterwegs. Nie gewesen. Oder jedenfalls schon lange nicht mehr. Ohne zu behaupten, es wäre wichtig. Das ist es schon lange nicht mehr. Also was das Verständnis betrifft – nicht den Song.



GRABREDE FÜR NILS KOPPRUCH (25.10.1965 – 10.10.2012)

(Anrede) – Heute ist ein trauriger Tag für uns alle – einer mehr in einer Kette von traurigen Tagen, seit unser Nils vor zwei Wochen, am 10. Oktober, so überraschend verstorben ist. Wir alle hätten lieber gestern seinen 47. Geburtstag mit ihm gefeiert. Nils war ein Mensch mit einer starken zuversichtlichen Ausstrahlung. Und deshalb möchte ich mich jetzt hier bemühen, zumindest ein wenig von seiner Haltung zu übernehmen.

Wir alle können selbst an diesem traurigen Tag nicht ganz vergessen, dass wir so viel von Nils bekommen haben, das uns inspiriert, unterhalten, zum Denken angeregt, unser Leben auf irgendeine Art immer bereichert hat. Wir schätzen uns glücklich, so viele groß- und einzigartige Bilder, Songs, Schallplatten, Konzerte von ihm bekommen zu haben. Und einige, eher wenige von uns kamen angeblich sogar in den Genuss seiner Kochkünste.

Nils Koppruch wurde 1965 in Hamburg geboren, und er war schon als Kind, wie mir seine Mutter erzählte, so eigensinnig, wie wir es uns schon immer erträumt hatten: Eine seiner Höchstleistungen in der Disziplin Eigensinn war, eines Tages in der Pijamajacke seines Vaters zum Schulausflug zu erscheinen; was den Vater allerdings nicht so sehr verärgern konnte, dass er nicht viele Jahre später zusammen mit Nils bei einigen Gelegenheiten plattdeutsche Volkslieder vorgetragen hätte. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte Nils eine dreijährige Kochlehre, ohne sich jedoch mit dem Beruf anfreunden zu können. Anschließend machte er das Abitur nach und studierte einige Semester Sport und Germanistik – ehe er herausfand, was seine Berufung war und bleiben sollte: Malerei und Musik.

Es war etwa 1990, als Nils Koppruch mit dem Alias „Sam.“ seine Bilder präsentierte; wobei es übrigens, wie mir Käthe gestern erzählte (und davon hatte ich noch nie gehört), noch eine allererste Phase zuvor gab, in der Nils Tierbilder malte und mit dem Namen „Gunnar Wiklund“ signierte. Als „Sam.“ malte er erstmal im Genre der Cheap Art. In seinem Katalog „Dilettant“ sagte er später dazu: „Natürlich wird es immer Kunst geben, die sich darüber hinwegsetzt, ihre Legitimation über hohe Preise einzufordern.“ Und beschrieb seine Position so: „Ich versuche, mich nicht zu sehr von Strömungen, Trends und vermeintlichen Erfolgsrezepten einschüchtern zu lassen. Kunst sollte selbst etwas behaupten und nicht nur auf schon bestehende Behauptungen eingehen (…) Der Anspruch, etwas wirklich ‚Neues‘ zu machen, ist, glaube ich (…) längst überholt. Also begnüge ich mich damit, etwas Eigenes zu machen.“

Ich kannte den Singer-Songwriter Nils viel besser als den Maler Sam. – aber ich kannte die Bilder, noch bevor ich Nils, nach der ersten Platte mit Fink, 1997 kennenlernte, denn zumindest bei meinen Hamburger Freunden hing ein Sam.-Bild in fast jeder Wohnung.

Ich mochte beide Männer – (und natürlich wünschte ich heute, sie wären tatsächlich zwei Menschen) –, die übrigens nicht ganz identisch waren, wie mir Nils einmal erklärte: mit Sam lebte Nils verstärkt seine fröhliche, komische, auch kindgebliebene Ader aus. Die auch beim Songschreiber vorhanden, aber doch weniger präsent war.

Als ich mich jetzt wieder einmal durch sein ganzes Werk hörte, war ich erstaunt, wie viele Songs Nils geschrieben hat, die irgendwas mit Sterben und Tod zu tun hatten. „Wir reisen hier nur durch und nehmen nichts mit… die Reise geht nur hin und nicht zurück“, heißt es in „Durchreise“, und das ist nur eins von vielen Beispielen.

Dass diese Thematik bei Nils so stark vorhanden ist, heißt jedoch nicht, dass das mit Verzweiflung oder Lebensunlust zu tun gehabt hätte, sondern mit dem Willen, Wahrhaftiges über Menschen und Leben zu erzählen, ganz im Sinn des Hank Williams-Klassikers „I´ll Never Get Out Of This World Alive“, auch wenn Tag und Stunde niemand weiß.

Neben anderen solche Songs zu schreiben und zunächst mit seiner Band Fink, dann mit Hotel Rex oder Der Wald und zuletzt mit Kid Kopphausen in dieser Art zu spielen, solche Songs in unserer Sprache so zu schreiben und so zu spielen – das hat ihm keiner vorgemacht. Das hat mich damals mit der ersten Fink-Platte buchstäblich umgehauen. Und ich schrieb damals auch dazu, es sei zugleich der Gedichtband des Jahres 1997.

Nils war – das mag zunächst wie selbstverständlich klingen – Nils war ein Mensch.

Ein Ausdruck, der im Jiddischen viel mehr als nur die Verbindung von Haut und Knochen und Gehirn bedeutet: Jeder ist menschlich, aber nicht jeder Mensch ist ein Mensch  ein  Mensch ist einer, der ein großes Herz hat. Nicht nur für seine Familie, sondern für alle sozusagen, für alles, was lebt.

Viele der vielen Einträge im Kondolenzbuch erzählen genau davon. Oder auch Tino Hanekamp in seinem bewegenden Nachruf, wenn er erzählt, wie er Nils kennenlernte: Er kam nicht in ein ausverkauftes Konzert rein, in das er unbedingt wollte, und redete mit ein paar Typen am Fenster, die er nicht kannte, und einer der Typen brachte ihm dann einen Backstagepass, und dieser Typ entpuppte sich dann als der Sänger der ihm unbekannten Vorband – das war Nils. Ein Mensch eben.

Und einer mit viel Humor. Tatsächlich kann ich mich nicht erinnern, dass er bei einer unserer nicht wenigen Begegnungen jemals miese Laune verbreitet hätte. Was ja nicht heißt, dass wir immer mit guter Laune herumgelaufen wären.

Wir stehen an diesem traurigen Tag, jetzt, in diesen Minuten, an einer besonderen Stelle und befinden uns an einem besonderen Schnittpunkt: In unserer Kultur gibt es vielleicht doch zu wenig Hilfe für uns, wenn wir einen unserer Nächsten zu betrauern und zu beerdigen haben. Speziell in der afroamerikanischen Beerdigungskultur und speziell in der von New Orleans gibt es eine Sitte, an die zu denken uns heute vielleicht ein wenig hilft.

Was wir hinter uns haben, ist die 1st Line, den Gang zum Grab. Mit trauriger Musik. In Trauer. So stehen wir jetzt hier. Was wir nun vor uns haben, ist die 2nd Line, den zweiten Gang, den vom Grab weg. In New Orleans ist dieser ebenfalls unvermeidliche zweite Weg zunächst etwas fröhlicher, um dann immer mehr ein wenig noch fröhlicher zu werden, begleitet von einer Musik, die zunehmend funky wird.

Dieses Ritual dient keineswegs dazu, um möglichst schnell wieder zum normalen Leben oder sogar Partyleben übergehen zu können, sondern hat einen, wie ich finde, über alle geografischen oder religiösen Grenzen hinweg verständlichen, einfachen Grund: Die Hinterbliebenen möchten mit dieser Fröhlichkeit nach der Bestattung dem Verstorbenen den Weg in die andere Welt erleichtern, ja, sie fühlen sich sogar verpflichtet dazu. Und daran wollen wir zumindest ein wenig denken, jetzt, an diesem traurigen Tag.

Lieber Nils: Wir alle sagen: Danke für Alles! Und um es zum Abschied mit deinen eigenen Worten zu sagen: Na dann, guten Flug!

Hamburg, 26.10.2012



DIE AKTION / FINALE NR. 220

Die Ordnung des Profanen

hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks / Zum Gedenken an Lutz Schulenburg

Die Aktion Nr. 220 - Die Ordnung des ProfanenEdition Nautilus, 128 S., 10.- Hrsg. von Hanna Mittelstädt

Nach dem gänzlich unerwarteten Tod des Herausgebers dieser Zeitschrift, die seit 1981 erschienen ist, veröffentlichen wir zum Gedenken an Lutz Schulenburg eine letzte Ausgabe mit Nachrufen und Würdigungen dieses unbeugsamen Verlegers und Freundes.

Mit Beiträgen von: Manfred Ach, Ingvar Ambjørnsen, Uli Becker, Wolfgang Bortlik, Robert Brack, Uta Brandes und Michael Erlhoff, Manfred Chobot, Martin Dieckmann, Franz Dobler, KP Flügel, Pierre Gallissaires, Tobias Gohlis, Annett Gröschner, Gerald Grüneklee, Egon Günther, Frank Horstmann, Peter Laudenbach, Andreas Löhrer, Sieglinde und Fritz Mierau, Hanna Mittelstädt, Rainer Nitsche, Karen Nölle, Roberto Orth, Jürgen Otte, Sabine Peters, Katharina Picandet, Thorwald Proll, Jorinde Reznikoff, Horst Rosenberger, Karl Heinz Roth, Jochen Schimmang, Jürgen Schneider, Hans Schulz, Corinna T. Sievers, Konrad Singer, Hajo Steinert, Ulf Tralau, Christoph Twickel, Matthias Wittekindt, Herbert Woyke



WAS DANN KOMMT

 VÖ: 3.10.2013 Edition Tiamat

THE BOY NAMED SUE – AUS DEN MEMOIREN EINES ZERSTREUTEN MUSIKLIEBHABERS

192 S., 14.- (Hier noch der alte Titel, mit „A“ statt „THE“)

Details dazu demnächst hier…



ICH DACHTE JETZT DIE TAGE

also bei den Nachrufen auf den bedeutenden Mann fehlen ja schon immer ein paar Details, gerade dort, wo in Sachen Kritik nur die üblichen Klischees verbraten wurden. An ein sehr gutes Detail konnte ich mich erinnern und habe es gefunden, in einem Buch des großartigen Gerhard Henschel: Beim Zwiebeln des Häuters / Glossen und Verrisse 1992-2012 (Edition Tiamat). Am Ende eines kurzen Beitrags für Titanic mit dem Titel „Reich-Ranicki und Kraus revisited“ bringt Henschel ein Reich-Ranicki-Zitat, mit dem eine echte Kritik, die von Ignoranz und Unkenntnis handeln würde, schon perfekt skizziert ist:

„Das viertletzte Wort hat Marcel Reich-Ranicki: <Der letzte große humoristische Roman in deutscher Sprache war, wenn ich mich nicht irre, Der Erwählte von Thomas Mann.> Irrtum. Setzen. Sechs.“

Henschels gesammelte Kritiken: von kurz und heftig bis ausführlich und geradezu hypergenau. Seine bevorzugte Methode ist die beste: zitieren und Zitate unter die Lupe nehmen, bis der Quatsch runtertrieft. Seine „Opfer“ sind nicht nur leichte Beute (Grass, Käßmann), sondern auch Champions: allein schon seine Parodie auf Brechts Keuner-Geschichten kann mit den größten humoristischen Romanen seit Thomas Mann mithalten. Auch ein Zeitspiegel: Vom brüllend komischen „Telefonat“ mit dem 100-jährigen Ernst Jünger bis zum neusten Kracht.

Wer sich am Wahltag ins Bett legt und nichts anderes tut als diese 240 Seiten zu lesen, wird den Tag nicht sinnvoller verbracht haben können.

Nachtrag1: Wer sich jetzt an die Arbeit macht, diesen Essay – wie sollte man es sonst nennen? – zu schreiben, bekommt von mir noch diese Unterstützung: „Ich ging langsam nach hinten. Als ich nahe genug ran war, konnte ich sehen, was er las. Thomas Mann. Der Zauberberg. – <Der hier hat ein Problem>, sagte er und hielt das Buch hoch. <Und zwar?> – <Er hält Langeweile für Kunst.>“ War Bukowskis Kommentar zum letzten Pulp-Roman in deutscher Sprache (Ausgeträumt, S.14).

Nachtrag2: Marcel Reich-Ranicki über Jörg Fauser, Klagenfurt 1984: http://www.youtube.com/watch?v=Dov06nMeiCU



SERVUS, BAYERN

Quelle: Gute-Nacht-Baiern.de



RY COODERS LOS ANGELES

Jetzt meine Übersetzung in der preislich dünneren Version bei Heyne Hardcore:

  352 S., 8.99€, ebook 7,99€

Siehe auch Video auf der Startseite



SPITZENSATZ (12)

Bedenkt man das ewige Gemetzel im Oevre von Zeitgenossen wie Nick Cave, mutet es seltsam an, dass dieses der einzige Pulp-Song über eine Frau ist, die ermordet wird.

Owen Heatherly, These Glory Days. Ein Essay über Pulp und Jarvis Cocker. Edition Tiamat, Berlin 2012



R.I.P. GUIDO HUONDER

Der große Schweizer Regisseur starb am 6. August im Alter von 71 Jahren. Er war seit Jahren an einem unheilbaren Krebs erkrankt. Im Dezember hatten wir uns zuletzt in einem Wiener Café getroffen. Ich war mir nicht sicher, ob er genau wusste, mit wem er sich traf. Aber was weiß man denn schon genau. In jedem Fall haben wir uns gut unterhalten.

Wir hatten uns bei einem Theatertreffen kennengelernt, und dann näher, als ich 1989 eine Hospitanz am Schauspielhaus Dortmund machte. Huonder inszenierte George Taboris Montage-Stück ‘Masada’. Das Stück greift die historische Situation auf: die jüdischen Widerstandskämpfer in der Festung Masada werden von römischen Truppen belagert, und haben keine Chance. Die Frage ist nun, soll man sich ergeben oder kollektiv Selbstmord begehen?

Zu der Zeit ging etwas mit einem RAF-Hungerstreik durch die Medien, und Huonder brachte dieses Thema mit hinein. Obwohl er mit kaum einem Satz einen deutlichen Bezug herstellen konnte – mit den Bildern war er deutlich genug. Die Inszenierung war nicht nur anstrengend, sondern auch wie ein Faustschlag ins Hirn, und, einmal mehr, umstritten sowieso. Bei Probenbeginn wurde erstmal Aktuelles diskutiert. Sollte keiner auf Idee kommen, er würde vielleicht in einem Historienspiel locker herumflanieren.

In der Kantine setzte er sich oft an den Tisch der Bühnenarbeiter. Nicht, weil man das als Direktor-Regisseur ja auch mal machen muss, sondern weil er Schauspieler nicht immer ertragen konnte. Er konnte mit jedem reden und redete mit jedem so, wie er eben redete. Er konnte sogar zuhören, jedem; selten, bei Männern in so einer Position. In Sachen Smalltalk war er allerdings ganz schlecht ausgebildet. Aber ein Meister in den Fächern Komik und Gscheit-auf-die-Schippe-nehmen. Dass er mal Lehrer in einem Schweizer Kuhdorf gewesen war, wollte ich ihm nie glauben.

Parallel dazu inszenierte Huonder, der damals das Dortmunder Haus leitete, auch Taboris Stück “Mein Kampf”, das vom jungen Adolf Hitler in Wien erzählt. Neben ‘Warten auf Godot’ ist es für mich das beste Theaterstück seit ca. 1789. Ich habe inzwischen mehrere Inszenierungen gesehen – die von Huonder scheint nicht erreicht werden zu können.

Die Arbeit mit Guido Huonder und die Beschäftigung mit dem Werk von George Tabori waren mit die wichtigsten Lektionen, die ich je bekommen habe. Bis heute kann ich sie immer wieder gebrauchen, habe Situationen, Szenen, Gespräche im Kopf. Guido hatte die Art Soul, die nicht mit Seele zu übersetzen ist.

Hier ein lesenswerter Artikel/Nachruf über seine Zeit als Intendant in Potsdam:

http://www.pnn.de/potsdam/776586/