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RY COODER (2)

Die angeblich ruhige Zeit kurz hinterm Baum ist wie immer eine gute, um an die zu denken, die oft weniger beachtet werden. Nein, diesmal ist von Schlagzeugern die Rede. Über die vielen verwirrenden Informationen, denen sie ausgesetzt sind – nichtmal für blonde Präsidentenchicks (um die es so gefährlich ruhig ist, als würde da ´ne Zündschnur schon brennen) restlos packbar, würde ich mal behaupten -, steht schon in Ry Cooders Erzählung ‚Bitte, töten Sie mich‘ geschrieben:

<Außerdem hatte ich Musikunterricht bei einem alkoholsüchtigen Zwerg namens Ray Diker. Das war zu der Zeit, als Gene Krupa der Held war, alle Schlagzeuger in der Stadt waren verrückt nach ihm. Ray aber sagte mir Folgendes: „Vergiss Krupa. Er spielt mit den Händen oben am Gesicht, als würde er Chop Suey essen. Wenn du isst, dann iss. Aber wenn du Schlagzeug spielst, lass deine Hände unten.“> (Das ganze und alle Abenteuer im März bei Edition Tiamat).

Wobei man nicht vergessen sollte, dass Topper Headon 1986 auf seinem Solo-Album Waking Up ‚Drummin´ Man‘ interpretierte.

Um unseren Freund Andreas Neumeister pi mal Daumen zu zitieren: Was macht eigentlich Headon heute? – Wenn er nicht Bob Geldofs Tochter Schlagzeugunterricht erteilen oder sonst einen Drecksjob in irgendeinem Hannover machen muss, wären wir schon mal etwas beruhigt.

 



EIN KLEINES GESCHENK

für unsere Abonnenten zum Weihnachtsfest und diesem angemessen, jedoch unterhaltsam wahrscheinlich für die meisten,  für einige womöglich nicht neu, eine Folge der zur Zeit besten deutschen „Fännsähn“(Fanny Müller)-Serie, die verständlicherweise live im schwarzen Loch nach Mitternacht angesiedelt ist:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-verpasst/#/beitrag/video/1474514/Tichy:-„Der-futurologische-Kongress-„



WER KENNT CREWS? (Pt. 2)

Hier der Deutschlandfunkbeitrag zu „Scarlover“, inzwischen der dritte Crews-Roman auf deutsch, weshalb das Christkind nun doch den Verlag Mox & Maritz gesegnet hat.  Während es einen Song von Kris Kristofferson im Ohr hatte: „If you don´t like Hank Williams, Baby, you can kiss my ass.“

TÄTOWIERUNG UND ANDERE VERLETZUNGEN

Verletzungen, Wunden, Narben, Tätowierungen, Operationen, Unfälle, Verheiltes und verheilte Verwundungen, die wieder aufbrechen, sei es an Körper oder Seele, darum geht es in Harry Crews‘ Roman „Scarlover“, der auch in der deutschen Ausgabe „Scarlover“ heißt . Weil‘s natürlich besser klingt als „Narbenliebhaber“.

Der Amerikaner Harry Crews, 75, Autor von zwei Dutzend Romanen und einigen anderen Werken, hat als ehemaliger Boxer, Marinesoldat und Dozent für kreatives Schreiben sicher einige Erfahrungen mit Wunden und Narben gemacht. Seine Sicht ist abgeklärt: „Alle Narben strahlen so eine gewisse Schönheit aus“, sagte er einmal, „denn eine Narbe bedeutet, dass der Schmerz vorbei ist, die Wunde ist geschlossen und verheilt.“

Die Verletzungen, die das Leben seiner Hauptfigur Pete Butcher zugefügt hat, sind jedoch nur scheinbar verheilt. Als Jugendlicher hat er bei der Arbeit mit einem Spitzhammer unabsichtlich seinen Bruder so schwer verletzt, dass er für immer debil wurde. Und seine Eltern kamen bei einer Autofahrt, die sie nur aufgrund dieses debilen Bruders unternahmen, ums Leben. Mit diesen Lasten hat Pete Butcher sich in eine Kleinstadt in den Sümpfen Floridas zurückgezogen, nachdem er sich nach seiner Zeit als Marinesoldat erfolglos an einem Studium versucht hatte. Ein Gestrandeter, ein Typ mit einem Zimmer in einer Pension. Der in einer Papierfabrik am Bahnhof mit dem Rasta George schuftet, den alle den „versengten Nigger“ nennen, weil sein Rücken von Brandnarben gezeichnet ist.

(Einblendung Steve Earle/Delta Momma Blues, New West Rec. NW6165)

Typisch für den Autor Harry Crews: er beschreibt Arbeit und Arbeiter sehr genau. Und ebenso typisch, dass er dem Leser die Hintergründe von diesem Pete Butcher nicht einfach so mitteilt. Es vergehen ein paar Dutzend Seiten, in denen man seine Verletzungen und sein enormes Gewaltpotential erstmal nur unterschwellig wahrnimmt, ehe man die Hintergründe geliefert bekommt. Das ist Crews‘ Kunst: dieses Gemälde aus harter Arbeit mit einem einsamen Mann wird nur langsam aufgeschlitzt. Sehr filmisch, ohne große Erklärungen. Nach der klassischen Regel: action is character.

Irgendwie hat sich also dieser Pete Butcher an seinem Fluchtpunkt eingerichtet, als er sich in die Tochter der Nachbarn verliebt. Womit die Einsamkeit, die in Ordnung war, ins Chaos überführt wird. Überall platzen Verwundungen auf: die Mutter kommt nach einer Brustkrebsoperation nach Hause und bedient sich als altmodisch-gute Christin plötzlich einer schmutzigen Sprache, die alle schockiert (fuck you und scheiß drauf und verdammt nochmal). Ihre Tochter projiziert nun in einer panischen Reaktion darauf den Brustkrebs der Mutter auf sich selbst. Und der Vater: er stirbt an einem Herzinfarkt, während er mit Pete einen Baumstamm durchsägt. Pete Butcher, auf der Flucht vor seinen eigenen Todesgeschichten, ist wieder von Verletzung und Tod umgeben.

Typisch Harry Crews: aus diesem Tod des Vaters entwickelt sich eine über 100 Seiten lange Slapstick-Nummer als Kernstück einer Tragikomödie, inklusive des Gags, dass die schon ins Beerdigungsinstitut eingelieferte Leiche unter nicht einfachen Umständen illegal wieder nach Hause zurückgeholt wird. Denn die nach der Brustkrebsoperation etwas übergeschnappte Mutter ist in den Bann der Rasta-Religion geraten, wie Pete Butcher verblüfft feststellen muss – sein Kumpel, der „versengte Nigger“ George und seine Frau Linga leiten das Ritual: der Tote wird in den Sümpfen verbrannt. Und die durcheinander geratne Witwe fühlt sich nicht schlecht:

(Einblendung Dub Specialist/Kampala, Soul Jazz Rec. SJRCD103)

„Auf Beinen, die vom langen Sitzen etwas wacklig waren, ging sie auf den runden Fleck zu, an dem das Feuer gewesen war, und griff den Schädel ihres Ehemanns wie eine Bowlingkugel. Sie krümmte die beiden mittleren Finger ihrer rechten Hand in die Augenhöhlen und ihren Daumen in das, was einmal die Nase gewesen war. In klassischer Bowlermanier hob sie seinen Schädel bis in Schulterhöhe und Pete wurde von dem Gedanken durchzuckt, dass es genau das war, was sie vorhatte: ihn zu bowlen. Aber das tat sie nicht. Sie sah sich um, sah sie alle an, und sagte, <ich glaube, der Job ist getan>. Sie nickte dem Schädel zu. <Ich nehme nur das. Den Rest können die Tiere von George haben. Ich denke mal, an den Knochen lässt sich trefflich kauen. Letztlich haben sie so auch noch Sinn: er kann mit ihnen ja nichts mehr anfangen>.“

Als „Southern Gothic“ werden Harry Crews‘ Romane in den USA oft bezeichnet, als Südstaaten-Literatur mit einer speziell unheimlichen, morbiden Färbung. Das passt zu seinem 1993 veröffentlichten Roman „Scarlover“ sehr gut: präzise Alltagsschilderungen des Hillbilly-Milieus, das sich in den verdrehten und verletzten Seelen der Protagonisten verzerrt; das explosive Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne: in diesem Fall biedere Unterschicht gegen magisch-bizarre Rasta-Religion. Abgelegene Orte, die nach alten Zeiten riechen, ein schwermütiger Klang und grotesk-bodenständiger Humor – das könnte das Motto des Romans sein, wenn die Rasta-Frau Linga Pete Butcher erklärt: „Ohne Gott kann man leben. Der, ohne den es nicht geht, das ist der Teufel.“ Der Harry Crews ein fieses Happyend diktiert hat.

Kein Wunder also, dass Nick Cave diesen Crews schon sehr genau gelesen hat. Der den „Scarlover“ seinem Freund Sean Penn gewidmet hat. Genug des Namedroppings von Crews verehrenden Großkünstlern – wer denn noch, Johnny Depp, Sonic Youth, Lydia Lunch! Dass Harry Crews hierzulande kaum bekannt ist, sollte sich mit der dritten deutschen Ausgabe endlich ändern.

Harry Crews: Scarlover. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stefan Ehlert. Geb., 360 S., € 17,80. Verlag Mox&Maritz, Bremen 2011

 

 

 



WER KENNT CREWS? (Pt 1)

Heute nachmittag im Deutschlandradio/Büchermarkt mein Beitrag über „Scarlover“ von Harry Crews. Zunächst hier im Block mein ebenfalls dort vor einem Jahr gesendeter Beitrag über Crews´ Roman „Nackig in Garden Hills“:

STRIPTEASE DER VERLIERER

Als 2006 Harry Crews´ 23. Buch erschien, wurde in der New York Times mit hochgezogenen Brauen darauf hingewiesen, dass der 71-jährige sich „mit seiner fortlaufenden Saga aus dem harten Süden“ zwar nicht den „ganz großen Ruhm“ erschrieben hat, aber den Status Kultautor. Mal sehen, was der Kult hergibt. Verdächtig genug, dass der Verlag den „Kultautor“ nicht aufs Buch druckt. Tun die doch immer. Und was bei Crews kommt, würde für zehn normale Kultautoren reichen.

Der großartige Sean Penn bekam das Geld für die Verfilmung des Romans „The Knockout Artist“ nicht zusammen, und auch ein anderer Plan, für den er Crews als Drehbuchautor anheuerte, hatte kein Glück; Crews spielte eine kleine Rolle in Penns Regie-Debut „Indian Runner“ und widmete seinem Freund den Roman „Scar Lover“.

Die Verfilmung von „The Hawk is dying“ lief 2006 in Cannes. „The Gypsy´s Curse“ (mit dem Titel „Der Fluch“ ebenfalls im mox & maritz Verlag erschienen) wurde mit Harvey Keitel, Johnny Depp und Vanessa Paradis besetzt. Die Schauspieler konnten sich  mit mehreren Dokumentarfilmen über Crews und seinen Stoff informieren: „The Rough South of Harry Crews“, „Survival is Triumph enough“, oder, 1978 von Georg Stefan Troller gedreht, „Der Süden bleibt unverweht“.

In Andrew Douglas´ berühmter Road-Doku „Searching for the wrong-eyed Jesus“, die den untoten musikalisch-religiösen Wurzeln des White Trash-Südens auf der Spur ist, erzählt Crews Geschichten und bringt die Essenz mit einem Goethe-Zitat: „Es gibt kein  Verbrechen, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dessen schuldig zu sein“. Ein zerfurchtes Gesicht, dem man´s glaubt. Gut möglich, dass der englische Filmer auf ihn aufmerksam wurde, weil  Nick Cave, Henry Rollins und Lydia Lunch seit Jahren kräftig für Crews getrommelt hatten (der also neben den Rollins/Lunch-Büchern in diesem Verlag, der sich nicht mehr MirandA nennen darf, bestens platziert ist).

Um das unvollständig zu beenden, was man nicht aufzählen müsste, wenn sich da irgendwelche Leute an Crews gehängt hätten wie Ben „Kultpunk“ Becker an die Bibel: Mit Sonic Youth-Bassistin Kim Gordon hatte Lunch die Band „Harry Crews“; während der Tournee warb sie für einen Autor, „der ungefähr zehn meiner Lieblingsbücher geschrieben hat“, und ihr einziges Album nannten sie „Naked in Garden Hills“.

Mit seinem zweiten Roman hatte sich Harry Crews 1969 als Autor etabliert. 1935 geboren, war er in ärmsten und brutalen Hillbilly-Verhältnissen aufgewachsen und mit 17 zu den Marines ausgebrochen. In der Army hatte er erfolgreich geboxt und zu lesen angefangen, „alles von Mickey Spillane und Graham Greene“, von dem er „mehr als von jedem anderen Schreiber gelernt“ hat. Er war dann 30 Jahre lang Professor für Kreatives Schreiben an der Universität von Florida (so ernsthaft wie beliebt, heißt es), ohne seine Rough-South-Umgebung je zu verlassen; beide Seiten auf dem Oberarm sichtbar: unter einem Totenkopf das Cummings-Zitat „How do you like your blue-eyed boy, Mr. Death?“ Durch seine Bücher geistern Freaks, Kampfsportler, Hoffnungslose, religiöse und Maniacs jeder Sorte. Genre „Southern Gothic“: das mystische Geheul weitererzählter Geschichten, verzerrter Realismus, rauher Humor. Sein Ruf als harter Hund wurde auch von Drogen, Alkoholismus, persönlichen Tragödien gefestigt und Reportagen in Magazinen wie Esquire oder Playboy und –girl. Ein Fan hat Crews eine tonnenschwere, großartige Homepage gebaut, aus der man einen Truck voll klauen könnte, wenn man nach dem Lesen der beiden deutschen Bücher in dieses abenteuerliche Crewsland reingezogen wurde.

 

„Nackig in Garden Hills“ ist die Geschichte eines Südstaaten-Kaffs, dessen Bewohner nach Schließung einer Phosphat-Mine aufgerieben und dann von modernen Strukturen verdreht werden: die Arbeit geht, der Tourismus kommt. Und erledigt den Rest. Und bietet Chancen: Teenager Wydalia freut sich, sie wird in der zum Go-Go-Club umfunktionierten Werkshalle tanzen. Auch ihr Vater profitiert von der neuen Entwicklung: „Er arbeitete in seinem alten Loch mit dem Bohrgestänge, das Bohrgestänge freischaufeln, außer dass jetzt kein Bohrgestänge mehr drin war, aber da machte er sich nichts daraus“, denn er wird bezahlt für die sinnlose Arbeit und „es war Anlaß für Glückwünsche. Es war Hoffnung“.

Und seine Tochter erklärt ihm dann auch den Sinn: „Du bist im Showgeschäft, Pa! Du bist in dem Loch, damit die Touristen was zum Gucken haben“.

Das ist zum Davonlaufen aktuell, und aus der Komödie, die in der Bewegung vom ausgebeuteten, abgewrackten zum aufblühenden Landstrich steckt, zerrt Crews die bitterste Verliererkomik. Der amerikanische Traum eine Fata Morgana, seine Gespenster versammelt. Der 600 Pfund schwere, fresssüchtige Fat Man beherrscht das Dorf gutmütig, hält die wenigen zurückgebliebenen Bewohner mit falschen Hoffnungen bei der Stange. Hier „war er ein Held, außerhalb von Garden Hills war er ein Freak“, das Ergebnis monströs religiöser Eltern, manischer Sammler von Büchern, die er nicht liest.

Sein Allround-Assistent ist der Jockey Jester, den manche natürlich Zwerg nennen; er war in seinem ersten Rennen für immer gescheitert, bekam sich nie wieder „in den Griff, konnte sich selbst nur mit Bezug auf Pferd ermessen“ und war eine Jahrmarktsattraktion, als er auf einem Schaukelpferd saß und ins Wasser fiel, wenn ein Baseball die Scheibe traf. Sein Gebrüll zu den Pferderennen im Fernsehen erschüttert den Ort. Seine Geliebte Lucy hat er vom Zirkus mitgebracht, „sie tanzte auf einer Tretmühle, die in einen transportablen Steg eingebaut war, der in das braune Zelt der Slideshow führte“, in der sie, „abhängig davon wie tolerant die örtliche Polizei war, mit der Vagina eine Zigarette rauchte oder sich auf einer Matte niederlegte, wo dann ein imaginärer Liebhaber von ihr Besitz ergriff“.

In der Tretmühle stecken alle, die Freaks und die Normalen, deshalb weiß man nicht, wer nun wer sein sollte. Crews beschreibt sie als Einheit am letzten Außenposten. Die Deformationen von Freaks, sagt Crews, dessen Werk aufgrund persönlicher Erfahrungen voller Freaks ist, sind eben äußerlich sichtbar, was ihr Leben so stark prägt. Dann packt das Normale Garden Hills: die Verbindung mit Außenwelt und moderner Zeit, hergestellt von der ehemaligen „Phosphatkönigin“ Dolly.  Sie hatte nie eine andere Chance, als mit ihrem Körper Geld zu machen, und aus New York bringt sie rettende Ideen mit: Tourismus, Sex, Organisation. Sie entmachtet den unbeweglichen Fat Man, der sich in einem bizarren, mit seltener Intensität beschriebenen Finale ergibt, um zu überleben. Das Dorf ist ein Zoo, als Zentrum ein Club, in dem die Stripperinnen in von der Decke hängenden Käfigen tanzen. Und „jeder einzelne von ihnen hatte die erste Lektion in Sachen Organisiertheit bereits gelernt: Gehorsam. Und sie waren entschlossen ihr zu gehorchen, denn sie hatte versprochen, ihr zerstörtes Land wieder erblühen zu lassen“.

Crews schreibt diese Geschichte eines Orts und seiner Bewohner nicht mit den klaren Stücken des sozialkritischen Romans, sondern mit den sich nur langsam verdichtenden und nie vorhersehbaren Splittern des Thrillers. Vergangenheiten, aus denen immer wieder immer mehr auftaucht, eine Gegenwart, die nach jeder Hoffnung dunkler wird. Geschrieben mit einem unheimlichen Unterton. Vergiss es, wenn du glaubst, du hast es im Griff, und wenn du glaubst, es wird besser. Könnte das heißen. In einer melancholischen Stimmung versinkt das Buch dabei nicht. Es ist etwa so, wie es der körperlich angeschlagene Crews dem New Yorker Reporter 2006 erklärte: „Es ist Zeit zu sterben, aber ich fühle mich nicht wie ein Sterbender. Ich fühle mich die ganze Zeit gut. Außer wenn nicht“.

Nach zwei Büchern bin ich mir sicher, dass Harry Crews zu den Besten der amerikanischen Literatur gehört. Und wenn Verleger Stefan Ehlert im Moment nicht mehr Bücher von Crews´ versprechen will, aber… dann ist das doch mal eine gute Nachricht. In diesen Zeiten. In denen sie ihr verdammtes Geld besser in so einen Verlag werfen sollten.

Harry Crews: Nackig in Garden Hills. Aus dem Amerikanischen von Stefan Ehlert, mit Illustrationen von Tobias Bornweilder. 224 S., mox & maritz, 2009

 

 



DREH MAL DAS COVER

´ne Falle ist alles, was die Welt ist.

(Aus (Teil X der beliebten Historische-Begegnungen-nachempfunden-Serie) „Wittgen- besucht Frankenstein“).



BAD LUCK MAN

heißt das neue Album von unserem neuseeländischen Freund Delaney Davidson auf Voodoo Rhythm Records. Aber es klingt nach dem Glück, mit vier Trucks voll Talent gesegnet zu sein zum rockin soulfull Folkblues, sagt der Blockmusikredakteur. Ob der Ex-Dead Brothers besser denn je ist? Bis auf weiteres mal wieder ganz sicher. Ein Haushalt, der glaubt, das nicht zu brauchen, sollte sich nicht zu sicher fühlen.

                      

http://www.myspace.com/delaneyfdavidson

 



ANTIFASCHISMUS

ist bekanntlich das Lieblingshobby der Deutschen. Nicht von allen, naturgemäß, und nicht schon immer; wie man sich von Dr. Goppel und auch anderen Doktoren bestätigen lassen kann. Wie auch immer, Outdoor-Sportarten sind eben in, und es gibt wahrlich Sinnloseres, seine Freizeit totzuschlagen.

Gelegentlich kommt es zu überraschenden Beispielen. Eines davon entdecken wir im wie immer wärmstens ans Herz gelegten neuen Heft von Konkret. Herausgeber Gremliza schreibt: „Der für die ehemaligen Städte der Bewegung und der Reichsparteitage zuständige Ministerpräsident Seehofer beim Bewältigen seiner heimatlichen Vergangenheit:“ <Die Juden Bayerns sind unser fünfter Stamm> (äußerte also Seehofer; weiter Gremliza:) „Der erste Stamm sind Bayerns Bayern, der zweite Bayerns Franken, der dritte Bayerns Schwaben, der vierte Bayerns Nazis, pardon: Bayerns Sudetendeutsche. Da wird ihn sein fünfter Platz mächtig stolz machen, den Juden.“

Andere Menschen verbringen ihre Freizeit jedoch weniger gesund. Auch ohne darüber urteilen zu wollen, kann man´s nicht gutheißen. Ein Beispiel dazu aus Ry Cooders „Los Angeles Stories“, die ich zur Zeit versuche in anständiges Deutsch zu übertragen, natürlich selbst an Stellen, die gutzuheißen ich mich nicht verpflichtet fühle:

„Weiter oben in der Straße hörte ich ein Tenorsaxophon, auf dem jemand ein Riff mit nur einem Ton spielte, sowas wie ba-ba-bada, wieder und wieder. Ich ging dorthin, wo der Sound herkam – ein Pachuco in einem lila Zoot-Suit marschierte im Gleichschritt zum Rhythmus, den er trötete, gefolgt von zwei betrunkenen Matrosen, die eine Zwergen-Hure in die Mitte genommen hatten, einem Filipino mit einer zu großen Krempe am Hut und zuviel Luft in den Schuhen, und im Gefolge der Party torkelte auch noch ein Weinpenner aus der Fünften Straße im Regenmantel. Dann bog der Saxophonist in eine Bar mit dem Namen Club Rendezvous ein, und die Party folgte ihm.

Nur einen Moment später kam der Penner wieder rausgestolpert und fiel in den Rinnstein. Ich reichte ihm die Hand und half ihm auf, er bedankte sich höflich bei mir und ging seiner Wege. Ich ging rein.“

Zeit der Handlung: 1952. Die Staaten sind natürlich auch nicht mehr das, was wir mal gewollt hätten. Aber wer war das schon?



MOTHERFUCKER

ist, womit wir hier mal an einem Thema festhalten, der Titel von Jim Dawsons Untersuchung über „Die Geschichte der Mutter aller schmutzigen Wörter“. Erschienen in einem der wenigen Verlage, dem dieser Block vertraut, Edition Tiamat, auf 272 Seiten. Fuckin lustig, aber auch sozusagen verfickt ernsthaft (im Edition Belleville´schen Sinne könnte man sagen).

Mal in die Seite 22 reingeschneit: „Motherfucker kann auch eine Naturgewalt bezeichnen („That Chicago wind is a motherfucker“), etwas Verächtliches („Now ain´t that a motherfucker!“), ein Beispiel für Qualität („He plays the guitar like a motherfucker!“)…“ etc, was also, wie befürchtet, heißt: „heutzutage kann Motherfucker gleichzeitig überhaupt nichts und alles bedeuten.“

Wobei mir einer der wenigen Sätze bzw. Dialoge einfällt, auf die ich dann doch etwas stolz bin. Ich glaube aus „Little Italy Hemd“ (Nachmittag eines Reporters, Edition Belleville, 1998), was in diesen fortgeschrittenen Nächten wirklich nicht genau recherchiert werden muss –  geht ungefähr so:

„Geh heim und fick deine Mutter.“

„Ich würd´s tun, wenn sie so aussehn würde wie du.“



RY COODER

übersetzen ist meine zweite Übersetzungsarbeit – (die erste, Hans Söllners´ „bloß a gschicht“ ins Hochdeutsche, ist natürlich im Härtegrad nicht zu schlagen) -. „Los Angeles Stories“ wird nächstes Jahr im März bei Edition Tiamat erscheinen (als „In den Straßen von Los Angeles“), später als Taschenbuch bei Heyne Hardcore.

Ich hab das Ding selber angeschoben, ich dachte, das muss sein. Ehe das aufm großen Schrottplatz von Familien- und Vampir- und Literaturhaus-Literatur-Romanen untergeht. Vollkommen richtige Entscheidung, hat sich inzwischen bestätigt. (Hat man ja, wenn der Deal auf die Bahn geht, nicht bis ins letzte Detail gelesen und bedacht).

Ich bin natürlich großer Fan von Ry Cooder seinen Werken als Musiker/Songwriter und Soundtracker – (würde man Walter Hill-Filme ohne seinen Sound mögen? Ja. Aber nicht so) – und Produzent seit tausend Jahren. Die Sammlung von Erzählungen ist allerdings nicht seine persönliche Musikgeschichte, sondern erzählt, wie schon auf seinen letzten Alben mehr oder weniger ausführlich thematisiert, vom Los Angeles der 40er und 50er Jahre (z.B. „Chavez Ravine“). Mit starkem Touch zur mexikanischen Szene. Musik und Musiker sind immer mindestens in der wichtigen Nebenrolle. Aber ich bin sicher, man kann´s auch einfach als gute Erzählungen lesen, ohne die (musikalischen) Hintergründe kennen zu müssen.

Das Buch passt vollkommen in die großartige Amerikanische Serie bei Edition Tiamat. Und selbst wenn die Erzählungen dereinst nur mein Patenkind und meine Oma und Wim Wenders und ich gelesen haben: die Arbeit ist´s so wert wie das Erscheinen von Jack Johnson. Auch wenn einige meiner Nervenstränge

manchmal doch strapaziert werden. Ein Beispiel, ein Schneider erzählt (und wie bei allen Stories handelt es sich um eine Kriminalgeschichte): „„Ray Montalvo, der Maßschneider für Hipsterkleider! Denn ist es hip, ist es der Hit!“ Der Spruch war Slim Gaillards Idee. Dem gefällt alles, wenn´s nur´n hipster-tauglich heißes rootie-und-reetie-pootie-Ding ist. “

Den ganzen unmöglich auch nur halbwegs eins-zu-halbeins übersetzbaren Quasselwahnsinn kann man nicht nur beim originalen Cooder, sondern tatsächlich genauer unter Slim Gaillard nachschlagen. Aber naja, das war nur ein Angeberbeispiel ganz unter uns. Ich glaube, ich saß eine Stunde da, um auf die hip/hit-Kombination zu kommen.

Gott schütze Euch mal wieder! (Und unsern Block auch, wenn er Zeit hat).



WIR SIND ELEKTRISCH

heißt das neue Album von Wolfgang Petters Projekt A Million Mercies. Wird am 22.10. in München im Hausmunik, Pariserstr. 22, vorgestellt. Live mit Petters & Freunden und mit mir als Stütze-DJ, gefangen im Motto „Ein Mann mit genug 45ern hat keine Probleme, glaubte Mickey Spillane“. Außerdem hatte ich Ehre & Vergnügen, die Liner Notes zum Album zu schreiben, und das geht so:

AUF DAS, WAS UNS NOCH PASSIERT

Manchmal kommt unerwartet ein spezielles Angebot geflogen und hat die Wirkung eines Sonnenstrahls, der sich an einem Regentag durch den dunklen Himmel schneidet. Das neue A Million Mercies-Album mit einigen Worten zu begleiten, das ist sowas Besonderes, das mich besonders freut.

Wolfgang Petters ist zurück mit seinem Projekt A Million Mercies, und hinter „Wir sind elektrisch“ ist ein langer Weg zu erkennen, der sich oft mit meinem Weg gekreuzt hat; wir waren Teile einer Veranstaltung oder ich war Konzertbesucher. Seit Wolfgang und einige Freunde 1991 in Landsberg das Label Hausmusik gründeten, waren es eine Menge Konzerte und Platten, die mein Leben besser machten. Hausmusik – und die Art, Musikproduktion als Gesamtkunstwerk zu behandeln, über das die Künstler allein bestimmten – war eine wichtige Orientierung.

Dass „Wir sind elektrisch“ erst das zweite Mercies-Album ist, ergibt sich aus dieser Geschichte – das erste, „Elektrizität – (hält dich in Bewegung)“, erschien 1996; mit einigen Singles und Compilation-Beiträgen (darunter das mit Calexico entstandene  „Freunde“, die wiederum den schon älteren Mercies-Song „Fear“ coverten, der hier erstmals von Wolfgang selbst veröffentlicht wird) könnte man noch ein Album machen – denn beim Hausmusik-Clan ging es eigentlich um permanente Kollaboration, und die meiste Musikenergie des Elektromeisters Petters, der auch zum Mastermind des Labels wurde, floss in die Bands Village Of Savoonga und mehr noch Fred Is Dead. Das alles ergibt dann doch einen schönen Stapel Vinyl, für den er eine Menge Musik und Texte geschrieben hat. File under history, spannend bis heute.

Das kleinere Projekt A Million Mercies stand für mich musikalisch schon immer zwischen diesen Bands (die hier sozusagen zwischen den Rillen des neuen Albums durchscheinen) und entwickelte an dem Punkt seinen speziellen Charme, nicht so experimentell-krachend wie Village Of Savoonga, rauer und freier, skizzenhafter als Fred Is Dead. Folk und Streicher und Elektronik, Song und schräg verlegter Tanzboden – Verbindungen, die sich über die Jahre bis zum zweiten Album gehalten haben. Viele Verbindungen, die leicht viel zu weit (bis dorthin, wo´s nicht mehr geht), hätten führen können, auch wenn sie durch zwei Plattenseiten Struktur bekommen. Und ich bin wieder verblüfft und begeistert, dass das bei A Million Mercies eben geht. Dass eins zum andern kommt und alles zusammenpasst und sehr gut geht.

„Wir sind elektrisch“ ist ein autobiografisches Album. Und bezeichnenderweise für so eine gewisse Stimmung, war es der Selbstmord eines alten Freundes von Wolfgang, der ihn an die Arbeit jagte (der Song „Man Behind The Drumkit“ erzählt vom langjährigen Fred Is Dead-Schlagzeuger Thomas Ganshorn). Unfall, Krankheit, Angst, Verlust, Verschwinden – der „Devil On Your Neck“ ist hier gut beschäftigt. Wahrscheinlich ist es die alte Geschichte: man muss mit ihm reden (hier auf deutsch, italienisch, englisch), um ihn packen zu können. Um dann singen zu können: „Wir tranken auf die, die wir einst verloren, und auf den Tag, an dem unsere Kinder geboren. Und auch auf das, was uns alles noch passiert.“

Die Platte entstand, nachdem Wolfgang Petters das Ende seines Labels, Ladens und Vertriebs Hausmusik, was ja mehr als nur Job und Arbeit und Spaß war, hatte hinnehmen müssen. Auch darüber kann man hier einiges raushören. Unüberhörbar jedoch, dass aus einer traurigen Geschichte was Gutes rauskam. Das es ohne diesen Verlauf wahrscheinlich jetzt noch nicht geben würde. Es trägt die Hausmusik-Nr. 77.

Endlich wieder ein ganzes Album von A Million Mercies zu bekommen, macht den Blick auf den Weg hinter uns erheblich angenehmer. Und die neue Musik wie die vorhergehende zu lieben, macht mich glücklich. Und ich hoffe, dass Sie mir folgen können.