Bildung

MUMIA ABU-JAMAL

der seit 1981 inhaftierte US-Journalist und Bürgerrechtler hat eine Grußbotschaft an die Rosa-Luxemburg-Konferenz geschickt (die in der heutigen Ausgabe der jungen Welt mit einer Beilage dokumentiert wird).

Auszug: „Arbeiter, die von denselben politischen Kräften, die sie in die Armut gestürzt haben, erwarten, dass sie ihnen Jobs geben, tappen völlig im Dunkeln. Sie hoffen auf etwas, was nie eintreten wird. Verraten von ihren ehemaligen neoliberalen Verbündeten, wenden sie sich verzweifelt an rechte Demagogen, die Arbeit, Brot und Ruhm versprechen. Man sollte meinen, dass man aus Deutschlands oder Italiens Beispiel von vor einigen Generationen gelernt habe. Hitlers faschistische Partei, die Nazis, haben Ruhm versprochen und das Land mit Schande bedeckt. Desgleichen brachte Mussolinis faschistische Partei Italien Schmach und Zerstörung. Leute wenden sich solchen Figuren zu in Zeiten ökonomischer Negativentwicklung, wenn normale Regierungen inkompetent und unfähig scheinen, es mit den Herausforderungen aufzunehmen; wenn die Lebensbedingungen sich extrem verschlechtern und wenn das Morgen statt Hoffnung Angst einflößt. Wir sehen das an den gewaltigen Bewegungen gegen die Spar- und Auszehrungspolitik wie dem kürzlichen Brexit-Votum in England.“

Hier der ganze Text: https://www.jungewelt.de/beilage/art/304092



WENN FÜR DONALD TRUMP AUFZUSPIELEN

nur ein paar lächerliche Gestalten bereit sind, ist das Thema für eine gute Radiosendung wie den Bayern2-Zündfunk natürlich eine gmahte Wiesn. Wenn dann die Moderatorin den Vorschlag macht, man könnte doch die Trapp-Familie für einen Trump-Gig anfragen, ist das jedoch nicht nur ganz witzig, sondern auch ein ziemliches Missverständnis. Denn die aus Österreich ausgewanderte, dann in den USA berühmte singende Familie – deren Slogan „The Sound of Music“ der Popinteressierte auch durch FSK kennen kann – ist nicht nur ein Symbol für die brave, christliche und funktionierende Familie (einerseits also  ein veraltetes Symbol, andererseits weiterhin verständlich bzw. vorbildlich für alle mindestens Konservative der Welt), sondern auch für Antifaschismus. Die Trapp-Gang hatte damals einen guten Grund, aus ihrem geliebten Alpenland zu flüchten.



ARMENIA

ist der neue Film von M.A. Littler und er läuft jetzt  – ja wo denn sonst? – im Münchner Werkstattkino: 8. – 11.1. um 20.30 h

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=GPyTb5h8kTE

D/F/Armenien 2016. Regie & Buch: M.A. LITTLER. Kamera: Philip Koepsell. Musik: Digger Barnes, Alain Croubalian, Friedrich Paravinci. Mit Alain Croubalian. HD Digital. 84 Minuten. Deutsche Fassung. Erstaufführung.

Armenia Als Littler vor mehr als zehn Jahren den Film THE DEAD BROTHERS drehte, lernte er den kanadisch-schweizerischen Musiker Croubalian kennen, dessen Familie aus Armenien stammt. Jetzt beschloss Littler, mit Croubalian dorthin zu fahren, in jenes ferne, für ihn wie für seinen Protagonisten gleichermaßen völlig fremde Land. Das ist es, was dieser Film erzählt.

„Darf man das sagen? Wie schön diese Aufnahmen, die am Himmel dahinjagenden Wolken, die schneebedeckten Berge und der rotleuchtende Mohn auf den Feldern sind? Welche schlicht wunderbaren Bilder also der Regisseur M.A. Littler mit seinem Kameramann Philip Koepsell am Rand des Kaukasus gefunden hat? Vielleicht muss man das sogar. Dabei ist die Geschichte, die Littlers neuer Film zu erzählen hat, bitterernst. «Gott starb, wir wurden obdachlos» heißt es einmal, und damit beginnt das ganze Drama. Von Völkermord und von Vertreibung, von Exil und Heimatlosigkeit.”  – Christoph Schütte, FAZ
„Im Grunde ist dies ein fiktionalisierter Essayfilm, der die Frage nach Authentizität und Wahrheit in sich selbst aufgreift – nicht in filmspezifisch selbstreflexiver Form, sondern als Nachdenken über die Vergangenheit, über Tatsachen, über das Erinnern, über das Träumen. Wir hören die Stimme des Protagonisten, immer wieder, es ist ein Brief an seinen Vater, der als roter Faden den Film durchzieht. Wie formt das Vergangene den gegenwärtigen Menschen und andererseits: Wie formt der Mensch in seiner Erinnerung das Vergangene? ARMENIA balanciert irgendwo über dem Abgrund des Vergessens und baut dort flüchtige Luftschlösser.”  – Harald Mühlbeyer


BOWIE ON BYTE

WAS IST MUSIK / von und mit Klaus Walter, auf Byte.fm : Sonntag, 8.1., 19 Uhr, Wiederholung Mittwoch, 11.1., 8 Uhr
70-1+40 = Bowie : Am 8.Januar 2017 wäre David Bowie 70 geworden. Wäre er nicht am 10. Januar 2016 gestorben. Am 14.Januar 1977 erschien Bowies Album „Low“. Drei Jahrestage. (Subscribe: wasistmusik@byte.fm)
„Ganz anders Low: Von einer glamourösen Sublimierung des Wahns kann hier nicht mehr die Rede sein. Stattdessen geht es um die Geisteskrankheit als nüchterne Realität – um die Empfindung eigener Empfindungslosigkeit –, ganz im Sinn einer Aussage Bowies aus dem Jahr 1993, die ernstzunehmen sich lohnt: »Insanity was a real possibility in my life.«* Iggy Pop, der sich 1975 in eine Nervenheilanstalt einweisen ließ, meinte später, vielleicht habe Bowie nur aus diesem Grund mit ihm zusammenarbeiten wollen (und Bowie sei im Übrigen der Einzige gewesen, der ihn dort regelmäßig besucht habe). Für beide barg die Insellage Westberlins ein Versprechen auf Genesung und Vitalisierung zugleich. Es war möglich, dort relativ anonym zu leben und trotzdem an kreativen Szenen teilzuhaben. Für Bowie war Berlin auch eine Stadt, durch die er unerkannt mit dem Fahrrad fahren konnte, unter freiem Himmel ohne Zuschauer, von einer echten Welt aus Straßen, Häusern und Geschäften umgeben.

Der Kontrast zu den hysterischen Rückkopplungsschleifen des Londoner Glam Rock und des kalifornischen Medienzirkus hätte kaum größer sein können. Nicht zufällig bildete das Wort »brain« eine Zentralvokabel in den Texten der Ziggy Stardust-Ära (»put a peephole in my brain«, »your laughter is sucked in their brains«, »my brain hurt like a warehouse«, »my brain hurts a lot«, »I’m busting up my brains for the words«, »all the knives seem to lacerate your brain« usw.). Immer wieder ging es dabei um die Projektion einer imaginären Welt aus dem eigenen Kopf hinaus oder in diesen hinein. Dagegen handeln fast alle Songs auf der ersten Seite von Low, jedenfalls die mit Gesangstexten, von tatsächlichen Innenräumen mit vier Wänden, einem Boden und einer Decke: »I’ve been / Breaking glass in your room again«, »Don’t look at the carpet / I drew something awful on it« (»Breaking Glass«), »Deep in your room, you never leave your room« (»What in the World«), »Blue blue electric blue / That’s the colour of my room / Where I will live« (»Sound and Vision«). Auf Iggy Pops zeitgleich erschienenem Stück »Dum Dum Boys« heißt es: »The walls close in and I need some noise« (The Idiot). Und 1980 beginnt Bowies Song »Scary Monsters (and Super Creeps)« mit der Zeile: »She had a horror of rooms.«
Einschluss und Leerlauf sind zentrale Motive der ersten Seite von Low, mit ihren fragmentarischen Songs, die wie aus dem Nichts eingeblendet werden, um dann ohne erkennbares Ziel wieder zu verschwinden. Tiefe Apathie – »love won’t Make you cry« (»What in the World«), »I never touch you« (»Breaking Glass«) – kommt in polternden, grell abgemischten Rhythmen daher, deren Hektik nirgendwohin zu führen scheint. »Always Crashing in the Same Car«, das noch am meisten an klassische Songstrukturen erinnernde Stück, zeichnet das Bild eines sich planlos um sich selbst drehenden Autos: »I was going round and round the hotel garage.« Eigentlich ist das Auto ja ein Rock’n’Roll-Gefährt – der vielleicht erste Rock’n’Roll-Song überhaupt, Jackie Brenstons »Rocket 88« (1951), handelte vom Autofahren, und eines von Bowies Lieblingsbüchern als Teenager war Jack Kerouacs On the Road –, aber auf Low entpuppt sich sogar Geschwindigkeit als Betäubungsmittel. Wohl deshalb auch überlagern sich planlos vorbrechende Drums mit lethargischen Soundeffekten, als ob das eine gleichbedeutend mit dem anderen wäre.“ Aus: Frank Kelleter: „David Bowie. 100 Seiten“ (erscheint dieser Tage bei Reclam) http://byte.us10.list-manage.com/track/click?u=5855ec7f923be81b1783ecc5c&id=a73f9a900d&e=5bbbf9966e



RADIO M94,5

„Wir Bitten um den Erhalt des Ausbildungsradios m94.5 als UKW / Wir unterstützen die hervorragende Arbeit von @m945. Qualitätsjournalismus von morgen braucht heute engagierten Nachwuchs! #saveM945 – deshalb setzen wir uns mit dieser Petition entschlossen für den Erhalt des Senders ein … “ Unterschreiben Sie hier:

https://www.openpetition.de/petition/online/wir-bitten-um-den-erhalt-des-ausbildungsradios-m94-5-als-ukw

Wir Bitten um den Erhalt des Ausbildungsradios m94.5 als UKW



ZEHN SEITEN

Schwerpunkt: So zerstören die Neuen Rechten die offene Gesellschaft“ im neuen Freitag. Mit einem Essay von Katja Kullmann über Taktik, Hintergründe und Sprache der Rechtsfront: „Furcht vor klugen Köpfen“.

In diesem Zusammenhang auch eine Hommage an den großen „Krimikatholik“ James Lee Burke zu seinem Achtzigsten: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/den-blues-in-den-fingern

Burke über Trump: „Es ist, als würde man einen Betrunkenen mit einer Kettensäge zum Geburtstag der eigenen Tochter einladen.“ Das Interview im Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/kultur/warum-trump-die-wahlen-gewann-im-casino-gewinnt-der-kunde-nie/14859232.html



THE REVOLUTION WILL NOT BE TELEVISED

lautet das berühmte Songstatement von Gil Scott-Heron, und der Hintergrund hat nichts von seiner Aktualität verloren. Zum 50. Jahrestag der Gründung der Black Panther Party hat Jürgen Heiser einen großen Artikel in junge Welt über Assata Shakur veröffentlicht, die nur überleben konnte, weil sie von Castro Cuba als politischer Flüchtling anerkannt wurde. Die härtesten deutschen Gangsterrapper wissen natürlich, dass sie nicht nur Tante, sondern auch politische Orientierung für Tupac Shakur war und zb mit Asian Dub Foundation Aufnahmen gemacht hat. Damit kam sie zurecht auch an die Spitze der deutschen Charts, äh Quatsch, das habe ich jetzt verwechselt.

https://www.jungewelt.de/2016/10-15/071.php?sstr=assata

Black & Proud Vol. I – The Soul Of the Black Panther Era Black & Proud Vol. II – The Soul of the Black Panther Era

cdlp trikont.de compiled by Jonathan Fischer



SPITZENSATZ (26)

„Sensation in Stockholm: US-Singer und Songwriter Bob Dylan (75) bekommt den Literaturnobelpreis!“ (bild.de)



BALKANBALKON (20)

Jetzt online meine Balkannotizen für den Freitag: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-drive-des-diamanten

Als Ergänzung in der neusten Ausgabe: eine Besprechung der erstmals auf deutsch erschienenen Tito-Biografie von Joze Pirjevec („Studieren ließen sich die Regeln Machiavellis im Moskauer Hotel Lux, wo Stalin im Zweiten Weltkrieg die emigrierten Führer des kommunistischen Europas, unter ihnen Tito, wie in einem Versuchslavor beobachtete und gegeneinander aufhetzte.“) – Außerdem in Nr.35 eine auch morgen noch nicht ganz veraltete Reportage von Sebastian Puschner aus Mecklenburg-Vorpommern mit dieser bitteren Anekdote: „… fragt eine Touristin die Kellnerin: ‚Wann ist denn hier Wahl?‘ – ‚Keine Ahnung‘, antwortet die Kellnerin, ‚die machen doch eh alle, was sie wollen.'“



SPITZENSATZ (24)

„Es gibt sie noch, diese schwarzen Rillen in gepresstem Vinyl.“ (Annette Meinke-Carstanjen, dpa)

vinylizm:
“ Beach time!
”vinylizm:
“ Beach time!
”

Vielseitig verwendbar: Polyvinylchlorid. Als LP in Deutschland seit 65 Jahren. Falls es es noch gibt.