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DIE KULTURWIRTSCHAFT WALDEN

in 86695 Blankenburg präsentiert seit einigen Jahren ein Kulturprogramm, das zum Allerbesten in der bayrischen Metropolregion Augsburg-München gehört. Und jetzt vom 26.-28.6. das Festival HOI, das nur noch unglaublich ist.

Im Style der Wirtschaft „genre – und generationenübergreifend“ mit „über 20 musikalischen Acts“ (präsentiert von BR-Zündfunk, Programm unten) und dafür gibt es „die Gaststube, den Biergarten mit Bühne und Tanzboden, eine Festivalwiese mit großer Bühne (samt dem dazugehörigen Wäldchen)“. „Park- und Zeltplatz sind kostenlos. Es gibt einen Shuttle Service vom Bahnhof Nordendorf. Fußweg vom Bahnhof 20-30 Minuten.“

Dabei sind u.a. die Krautrocklegende (der seit Faust konstant großartig unverwüstliche) Hans-Joachim Irmler, Stefanie Schrank, vom Trikont-Label Maxi Pongratz und Su Yono, der Frauenchor Witches of Westend, Joasihno, Angela Aux, G.Rag Y Los Hermanos Patchekos, Rabenbad, Rosa Anschütz&Kevin Kuhn (Die Nerven), Dr. Drexler Project.

Tickets und mehr Info: https://waldenkulturwirtschaft.de/hoi/

Freitag

Samstagneu

Sonntagneu 2



AN ALLEM SCHULD SIND DIE

Sozialdemokraten! Das glaube ich langsam wirklich. Jetzt wieder ein krasses Beispiel. Und dann platzen sie wieder vor Wut, wenn sie den alten Spruch „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ zu hören bekommen, und behaupten, es wäre ein Nazispruch, obwohl sie wissen, dass das nicht stimmt, sondern dass der Spruch 1919 von links kam und erst später von Nazis benutzt wurde. Und wen verraten sie – (ach ja, es gibt Ausnahmen, man muss es natürlich erwähnen, sonst käme niemand auf die Idee, dass es Ausnahmen gibt) – jetzt wieder? Alle, die gegen Antisemitismus antreten.

„Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetović, hat“ am 2.6. „ein neues Video und einen begleitenden Text zur Lage im Nahen Osten veröffentlicht. Darin macht er keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen der Region erklärt: den jüdischen Staat. Hamas? Keine Erwähnung. Hisbollah? Keine Erwähnung. Iran? Keine Erwähnung.“

Der ganze Kommentar mit Belegen: 

https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/an-allem-sind-oder-herr-ahmetovic/



DEUTSCHLAND WURDE VERNICHTET

was anscheinend noch nicht alle mitbekommen haben, wahrscheinlich wegen Tikstock und so, und deshalb habe ich in einem Artikel fürs neue deutschland (12.5.) mal bisschen drüber nachgedacht:

IRGENDWAS MIT SPRACHE

Wer sich entschlossen hat, in der Irgendwas-mit-Sprache-Branche irgendwas zu machen, interessiert sich in der Regel, so´n bisschen wenigstens, für die Frage, welches ist das richtige Wort?

Wenn sich jemand einen Dr.-Titel erarbeitet hat und sogar in Geschichtswissenschaft und sogar Gymnasiallehrer ist und nur deshalb zur Zeit davon freigestellt, weil er sogar im Brandenburger Landtag sitzt, habe ich sofort vollstes Vertrauen, dass er so gut wie garantiert immer das richtige Wort benutzt. Von gewissen Grauzonen, in denen manche Wörter dummerweise hängen und alle vor das Problem stellen, wo man sie einsetzen soll, mal abgesehn, das ist klar.

Ein gewisser Dr. Dominik Kaufner hat alle genannten Lebensleistungen erreicht und, soweit bekannt, sogar legal. Zu diesem auch in Deutschland nicht ganz unbekannten Jahrestag hat er vor wenigen Tagen dann dies veröffentlicht, Plakatstyle, große Buchstaben auf einem Foto (Flüchtlingstreck, Frauen und Kinder):

„KEIN TAG ZUM FEIERN 8. MAI 1945 TAG DER VERNICHTUNG“ und dazu sein Name mit AfD-Logo und Brandenburg-Adler.

Vernichtung also. Aber wer oder was wurde vernichtet? Die Nazis, das gilt als gesichert, nichtmal unmittelbar danach. Deutschland? Ebenfalls und offensichtlich bis heute nicht, bzw. um es ganz präzise zu formulieren: noch nicht. Oder ist es eine rein persönliche Aussage von Historiker Dr. Kaufner? Wurde seine Familie vernichtet, bevor er 1983 geboren wurde?

Findet man was dazu in seiner Dr.-Arbeit? Erschienen 2019 bei C.H.Beck und immer noch lieferbar: „Kloster, Stadt und Umland – Wirtschaftliche, memoriale und personelle Verflechtungen der Benediktinerabtei St. Emmeram in Regensburg“.

Und weiter geht die Suche nach dem richtigen Wort: Von der CSU kommend wurde Dr. Kaufner nach eigenen Angaben 2013 AfD-Mitglied und 2018 stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes der AfD Havelland. Daher die Frage, hat man ihn beim renommierten Verlag C.H.Beck aufgenommen, obwohl oder weil er ein AfD-Politiker ist? Keine Ahnung, Spekulation!

Aber auch ein weder-noch ist natürlich nicht ausgeschlossen. Weil der Dr. Kaufner einfach eine sensationell bahnbrechende Historikerdoktorarbeit abgeliefert haben könnte, deren Nichtveröffentlichung geradezu ein Verbrechen gewesen wäre: das zur Vernichtung von Regensburg geführt hätte.



AUF DEM DOROTHEENFRIEDHOF

in Berlin wurde am 8. Mai mein Freund, der Schriftsteller Ludwig Lugmeier bestattet. Meine Rede zum Abschied wurde von unserer Freundin und langjährigen Redakteurin Conny Lösch vorgetragen (und eine etwas versachlichte Version erscheint in der Sommer-Ausgabe des bayerischen Magazins MUH):

Liebe Trauergemeinde, sicher bin ich jetzt nicht allein hier mit dem Geständnis, dass ich einige der Dinger, die Ludwig gedreht hat, auch gerne gedreht hätte – und mit Dinger meine ich nicht nur seine Bücher.

Wir haben oft über Sprache diskutiert: Was ist das richtige Wort und gibt’s vielleicht ein besseres? In sowas konnte sich Ludwig verbeißen, und wenn ich schon zufrieden war, ließ er noch lange nicht los.

In diesem Moment würde uns also die Frage interessieren, ob ein Roman auch ein Ding sein kann, das man dreht: nicht wie einen Film, sondern wie einen Überfall. Ein Buch als Überfall zu betrachten, hätte uns gefallen – und das ist mehr als romantisches Wunschdenken: denn es gab einige Bücher mit einer derartigen Wirkung: schon als Jugendlicher war Ludwig von den Geschichten des Abenteurers Jack Bilbo dermaßen überfallen und gefesselt worden, dass er ein Mitglied der Mafia werden wollte, und Jahrzehnte später war er immer noch so gefesselt davon, dass er eine Biografie über diesen Jack Bilbo schrieb.

Ganz falsch!, würde Ludwig jetzt sagen, es hat mich doch nicht GEFESSELT, sondern im Gegenteil hat´s mich ENTFESSELT!

Und recht hätte er – tatsächlich hatte er als Teenager mit diesen Pulp Fiction-Büchern einen Weg raus aus der Dorfwelt von Kochel am See entdeckt. Die Atmosphäre dort hat er später so beschrieben: „Auschwitz hat nicht mehr geraucht, aber der Qualm hing noch über allem und vermischte sich mit dem bayrischen Katholizismus.“

In seinen beiden Romanen hat er mit schmerzhafter Präzision davon erzählt. Obwohl ich zehn Jahre später und fünfzig Kilometer weiter weg hineingeriet, war ich ebenfalls mit diesen Giftwolken, die Bayern verpesten, aufgewachsen, und das hat uns stark verbunden. Wie auch der nicht so häufige Fall, dass wir als Nichtstudierte Schriftsteller wurden.

Zu dem Mut und der totalen Konsequenz, mit der Ludwig ausbrach, war ich allerdings nie fähig. Sein Bild vom Gangster war ja für ihn nicht nur Protest gegen diese Verhältnisse, sondern außerdem die Voraussetzung, um eines Tages ein guter Schriftsteller zu werden. Echt irre jugendliche Hirngespinste, könnte man sagen, für die er dann teuer bezahlen musste – aber man könnte auch und muss sogar sagen: okay, bei ihm hat´s doch hingehauen!

Deshalb sei er sogar erleichtert gewesen, als er am Ende seiner Fluchten erstmal ausweglos und lange ins Loch einfahren musste, erzählte er, weil er dann endlich das tun konnte, was er eben schon lange tun wollte: Schreiben.

Ludwig las aus seinem ersten Roman in einem Theater in Augsburg, als wir uns 1992 kennenlernten. Meine Frau Christiane Lembert filmte diese lange Serie von Lesungen und die Interviews, die ich mit den Autor*innen führte. Es ging dabei immer nur um die Frage, warum und wie sie schrieben, und davon erzählte niemand so genau, durchdacht und druckreif wie Ludwig. Ich kannte diesen Lugmeier, denn er war ja eine Gangsterlegende, ein Held für uns Anti-Bayern-Bayern: den privat anzusprechen ich mich dann nicht getraut hätte. Aber es war mein Glückstag: denn als Ludwig meinen Namen hörte, riss er die Arme hoch und strahlte mich an. Er hatte Bücher von mir gelesen und fand sie gut, und wir tranken und palaverten einige Stunden.

Etwas, das mir später noch öfter auffallen sollte: Er hätte mit seinen Erfahrungen von Outlaw bis Knast angeben können, aber das war nicht seine Art, und andererseits tat er nicht so, als hätte er sich in einer anderen Zeit als anderer Mensch leider mal zu besonders krassen Aktionen hinreißen lassen. Er war schon auch ein bisschen stolz darauf – vor allem aber war er stolz darauf, dass er seinen gefährlichen beschwerlichen Weg zum Autor tatsächlich geschafft hatte.

Seitdem waren wir also Freunde – und Kollegen, deren Freundschaft so weit ging, dass sie sich kritisieren konnten: obwohl Kritik der Schriftstellerfreundschafts-Killer Nr.1 ist!

Ludwigs Position dabei war eher die Sprachanalyse und ich habe einige Listen mit Korrekturen von ihm – während ich eher mal die mahnende Stimme am Zeitfenster war. Als er z.B. nach intensiver Vor- und Schreibarbeit seinen „Faktenroman“ über diesen Jack Bilbo so gut wie abgeschlossen hatte und ich ihm zum großartigen Buch gratulierte, gestand er mir, er habe sich grade entschlossen, das Ding umzuschreiben, von Anfang an, weil´s nicht gut wäre, nicht gut genug – und dann redete ich eine ganze Nacht lang auf ihn ein, dass das nicht stimmte und er solle das wirklich sehr gute Ding endlich weghauen, was Neues angreifen, verdammt noch mal: ich machte mir Sorgen, dass er das Ding nicht drehen, sondern sich jetzt darin verirren würde. Natürlich kam ich nicht damit durch und natürlich verirrte er sich nicht.

Naja – ganz egoistisch hätte ich mir ein paar Bücher mehr von ihm gewünscht. Aber die Sorgfalt, Geduld und Selbstkritik, mit der Ludwig schrieb, und auch sein Mut, Schwieriges nicht zu vereinfachen oder zu beschönigen, hätte eben für drei sehr ernsthafte Schriftsteller gereicht. Und insofern ist sein großartiges Werk also doch umfangreich.

Einmal schickte er mir ein Gedicht, das ich so gut fand, dass ich ihn fragte, ob er mehr davon hätte. Eine Plastiktüte voll, sagte er, taugt aber nichts. Du lügst mich doch an, sagte ich. Aber das kann ich nicht – oder hoffentlich: noch nicht (und diese Plastiktüte taucht auf) – beweisen.

Der Luggi zuckte nur mit den Schultern, als ich wissen wollte, wie er es angestellt hatte, zwölf Jahre Gefängnis so gut zu überstehen. Weil er kein kaputter, zynischer oder verbitterter, sondern ein warmherziger Mensch war. Mit einem wunderbaren und auch schwarzen Humor, den er vor allem im Gedichtband „i“ (der zu schmal ist, um das Ergebnis der erwähnten Plastiktüte zu sein) und im letzten Buch mit Erzählungen sozusagen voll ausgefahren hat.

Warum er auf dem Foto, mit dem ihn meine Frau erwischt hat, dermaßen ansteckend lacht, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe ein ähnliches Foto im Kopf: Wir saßen bei uns in der Küche, und unsere kleine Tochter und eine Freundin tobten durch die Wohnung, sie hatten sich mit Mützen und Tüchern verkleidet und fuchtelten mit Holzstöcken herum. Was spielt ihr?, fragte Ludwig. Sie bauten sich vor ihm auf und brüllten: Wir sind Bankräuber! Und dann lachte sich der Ludwig kaputt.

Ich bin traurig, dass er von uns gegangen ist – und werde ihn immer vermissen – und werde mich immer glücklich schätzen, dass wir Freunde waren – und sage jetzt für mich und für uns alle: Lieber Ludwig, farewell!

*****

(Auf der Suche nach passender Musik gab ich auf gut Glück auch mal „Palermo“ ein, was ein Sehnsuchtsort von Ludwig war, und damit fand ich ein Instrumental, von dem wir uns einig waren, dass es wie die Faust aufs Auge passte: „Palermo“ von Paolo Fuschi)



DYLAN UND DIE DÜNNE TAXIFAHRERIN

heißt ein Artikel, den ich 2011 zu Dylans 70. veröffentlichte. An seinem 85. hier zuerst eine Kurzfassung, danach der Artikel von damals:

Ein himmlisches Taxi

Bob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, dass man glaubte, nicht richtig zu sehen, und mein Freund, der Autor Friedrich Ani sagte: „Ein Wahnsinn.“

Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen draußen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgegebene Bob-Dylan-Lesebuch „How does it feel“. Ich war etwas überrascht, dass Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kannte. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben „Dylan im Werk von Ani“, hier ein Einstieg: mit „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ hat er den Song „Man In The Long Black Coat“ in den Titel genommen und auch eingebaut, und am Ende des großartigen Kriminalromans heißt es: „Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain´s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehreren Bieren durchaus ausführlich erklärte.“ Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den „DylanDays“ hergekommen (ich würde anschließend Musik auflegen). 

Die dünne Taxifahrerin war ein Wahnsinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist der echte Wahnsinn. Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mussten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir „Man In The Long Black Coat“. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war´s.

Soll ich ausmachen oder vielleicht lauter?“, sagte die dünne Taxifahrerin.

Unbedingt“, sagte Ani.

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Dylan und die dünne Taxifahrerin

Bob Dylan ist ein sehr dünner Mann, aber diese Taxifahrerin vor unseren Nasen war so dünn, dass man glaubte, nicht richtig zu sehen, und mein Freund, der Autor Friedrich Ani sagte: „Ein Wahnsinn.“

Vor ihm auf dem Tisch – wir saßen draußen vor der Augsburger Bahnhofskneipe – lag das von Klaus Theweleit herausgegebene Bob-Dylan-Lesebuch „How does it feel“. Hatte ich auch grade bekommen und ebenfalls noch nicht genauer gecheckt.

Ich war etwas überrascht, dass Ani sich ein Dylan-Buch kaufte, weil er als Oberfan sicher schon eine Tonne zum Thema kannte. Irgendwann wird jemand eine Arbeit schreiben „Dylan im Werk von Ani“, hier ein Einstieg: mit „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ hat er den Song „Man In The Long Black Coat“ in den Titel genommen und auch eingebaut, und am Ende des großartigen Kriminalromans heißt es: „Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, summte er A Hard Rain´s A-Gonna Fall in der Version der Rolling Thunder Revue von 1975, wie er mir anschließend nach mehreren Bieren durchaus ausführlich erklärte.“

Ani war als Teilnehmer einer Talkrunde bei den „DylanDays“ hergekommen (ich würde anschließend Musik auflegen; ich spiele als Dylanfan nicht in der ersten Liga, hatte mich jedoch rechtzeitig an das schöne Heftchen von Oswald Wiener erinnert: „Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren“). Er erzählte, dass er die erste deutsche Dylan-Biografie von Anthony Scaduto 1976 gleich mehrmals verschlungen hatte. Während ich zur selben Zeit und ebenfalls sechzehn von D. noch nicht angesprochen worden war. Inzwischen hatte ich etwas aufgeholt, allein in letzter Zeit die Neuausgabe der riesigen Shelton-Biografie gelesen, außerdem Colin Irwins Buch über das Highway 61 Revisited-Album. Im Scaduto aber nur geblättert, weil sich alles nur noch zu wiederholen schien und der Reiz der ersten Nacht nicht mehr zu haben war. Mein Kanal für Dylan-Bücher ist wohl langsam voll; die Biografie von Suze Rotolo, seiner ersten großen Muse in New York, aber sei „unbedingt“ zu empfehlen und nicht nur als Dylan-Buch, meinte Ani.

Die dünne Taxifahrerin war ein Wahnsinn, aber die Masse an Dylan-Literatur ist der echte Wahnsinn. Allein die Neuheiten seit dem letzten Jahr sind unpackbar. Man sehe sich das mal an, ein Wahnsinnsmarkt. Fühlt sich an, als würde über jede Station, alle Gitarren und Hauskatzen, jedes Album, jeden einzelnen Text/Musik/Mensch-Aspekt ein Buch geschrieben (da war die Serie zu einzelnen Songs in dieser Zeitung leider zu kurz) und dazu Enzyklopädien und immer neue Biografien. Diese Bedeutung hat Kinky Friedman (der Ex-Countrysänger, der auch mal Gast bei Dylans Rolling Thunder Revue war) in seinen Krimis als Standard-Gag eingebaut, indem er erzählte, dass sein Freund Ratso eine zehntausend Bände umfassende Bibliothek über drei Persönlichkeiten habe: Jesus, Hitler, Dylan. Natürlich hat auch der echte Larry „Ratso“ Sloman ein Dylan-Buch geschrieben.

Während die dünne Taxifahrerin inzwischen garantiert noch dünner geworden ist, kann ich nun sagen, dass das von Prof. Dr. Klaus Theweleit zusammengestellte Lesebuch in meinen eigentlich vollen Dylanbücher-Kanal gut reingekommen ist. Weil es mit seinen zwei Dutzend Beiträgen durch alles kurvt, was es so gibt, und damit maximal abwechslungsreich, also unterhaltend ist, ohne den Stoff, den Künstler, an dem sich so viele, zum Teil in Lebenswerken, abarbeiten, dadurch zu vereinfachen. Wie vom Herausgeber beabsichtigt ist das keine „Ersatzbiographie“ (und es gibt nur „eine (grobe) Chronologie“), sondern ein wildes Cruisen durch die Dylan- und die Dylanberichte-Welt. „Zwar kommt auch der Ehe- und Family-Mann vor; auch der Junge vor dem Spiegel, der das rechte Outfit prüft; aber an erster Stelle soll dies ein Buch über den Song- & Wordman Dylan sein. Für den Danceman, wie er sich auch genannt hat, waren weniger Belege zu finden.“ Womit angedeutet ist, dass Theweleit mit seiner Sammlung mal wieder – anders als einige (wenige) Texte – eine Kopf/Bauch-Balance hergestellt hat. Musikbücher, die das nicht schaffen, will man ja nicht lesen.

Das Spektrum (ohne alle zu nennen): von Suze Rotolos Erinnerungen (sie wollte nicht als Dylan-Puppe an der Seite dieses starken Typen im aufbrechenden Starrummel verdämmern) bis zur Elke Heidenreich-Episode, wie sie (bzw. ein „Ich“) endlich in einem Jugendfreund die wahre Liebe erwischt, dank eines Dylan-Tribute-Konzerts im Fernsehen („Guck Willi Nelson an, wie der sich immer treu geblieben ist…“). Erstmals übersetzt Nat Hentoffs Portrait im New Yorker 1964, 20 Seiten klassischer Journalismus, und direkt dahinter Theweleits Analyse eines Ereignisses, das Dylan bei Hentoff erzählt: wie er bei einer Preisverleihung kurz nach der Ermordung Kennedys ausgebuht wurde, weil man dachte, er würde den Attentäter Oswald verteidigen. Ein Missverständnis, das bis heute tapfer verbreitet wird bzw. Dylan habe betrunken eben wirren Scheiß von sich gegeben. Tolle Kombination im Buch. Und immer spannend, wie sich manche Texte verzahnen, manches taucht woanders und wieder anders wieder auf. Stellen aus Sam Shepards Logbuch zur Thunder Revue, dem für mich schönsten Dylanbuch, sehr freie, nicht so an D. klebende Doku-Poesie; Hunter S. Thompson (für seine Verhältnisse sehr verhalten, über D. als das Hippiesymbol vor dem Hippietotalausverkauf); Abschnitt aus einem DeLillo-Roman: sein D. nachempfundener Held lässt wie der echte junge D. einen Interviewer so komisch wie verzweifelt ins Leere laufen.

Das Literarische ergänzt von der Forschung: Wilfried Mellers über „Dylan als jüdischer Indianer und weißer Schwarzer“ (stolpert leider auch in diese Art Komik: „In seinen Songs hält Dylan die heikle Balance zwischen patriarchalischen und matriarchalischen Impulsen. Im wirklichen Leben scheint es ihm weniger geglückt zu sein, war er doch zu vielen der Frauen, die ihn liebten, äußerst grausam…“). Großartig dagegen Heinrich Deterings Artikel über die Inszenierung, die Details, die Anspielungen in der Radio-Show, die Dylan bis vor kurzem präsentierte. Ebenso Diedrich Diedrichsen (über D. als Pionier neuer Formate) oder Sean Wilentz über Aneignung, Klauen, Fortführen, Bewahren, Montieren.

Unter den Respektsbezeugungen ist Theweleits eigene die stärkste: Was er an Dylans Kunst bewundert, ist dessen „umfassendere Wirklichkeit“, die „die Welten der Objekte, der Bilder, der Gefühle, der Räusche und insbesondere des Traums gleichermaßen“ einschließe, und das sei „nicht zu finden in den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie-Beamten…da ist eher kühles Valium…verabreicht Lesern, die die Power des (Sur)Realen nicht ertragen…“, das sei „Entertainment für Anspruchslose. Ich jedenfalls tausche den ganzen Suhrkamp-Laden gegen die gesammelten Columbia Records.“

Wie auch immer, Friedrich Ani und ich mussten dann also los, und ehe uns jemand zuvorkommen konnte, nahmen wir das Taxi der dünnen Taxifahrerin. Wir stiegen ein und sie stellte das Taxifunkgequäke aus. Wir fuhren los und sie drückte auf die Play-Taste. Und dann hörten wir „Man In The Long Black Coat“. Und wir schauten kurz auf zum Himmel, ob da ein Zeichen zu entdecken war, ich glaube, so war´s.

Soll ich ausmachen oder vielleicht lauter?“, sagte die dünne Taxifahrerin.

Unbedingt“, sagte Ani.

Klaus Theweleit: How does it feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch. Geb., 302 S., viele Fotos. Rowohlt Berlin, 2011



SPITZENSATZ (110)

Ich jedenfalls tausche den ganzen Suhrkamp-Laden gegen

die gesammelten Columbia Records.

Klaus Theweleit, 2011



IMMERGUT

ist das Kulturmagazin KAPUT, hier ein ausführlicher Artikel (mit Schwerpunkt Musikbusiness) über die beliebte antisemitische Boykott-Organisation BDS:

Ein Lied soll keine Brücke sein – Über Kulturboykotte und die BDS-Kampagne



ETWAS ÜBER FREUND HEIN

dieses sehr alte Symbol für den Sensenmann, scheint mir am Todestag von Freund Wiglaf Droste (+2019) angebracht zu sein. „Freund Hein, umarme mich!“ titelte er im Februar 1991 seinen weniger bekannten Begleittext zur Anthologie Top of the Flops der Band Family*5 um Ex-Fehlfarben Sänger-Texter Hein.

Nach einem Seitenhieb gegen „lahmarschige, gestusverliebte Linke“, die bei 68 und Ton Steine Scherben stehngeblieben sind, gehts so weiter: „Auch der willige Altachtundsiebziger-Fan, der nicht ungern noch ein paar Jahre Kernsätze aus der guten alten Fehlfarben-Zeit – Es geht voran und dergleichen – nachgebrüllt hätte, sieht sich von Peter Heins Texten düpiert: Der Sänger der Tanzkampfkapelle Family*5 versieht seine Schlachtrufe mit genau dem lästigen Beigeschmack von Unglauben und Defätismus, der die Klientel nicht bauchpinselt (…) Peter Heins Weigerung sich die Welt schön zu labern, weil es trotz großmäuliger Ankündigung nun doch nicht geklappt hat mit der Rebellion und man aus der Nummer ja nun irgendwie und möglichst ungeschoren wieder raus muß, sind nicht der Stoff, aus dem junge Opportunisten sich ein prima Schöner-Wohnen-Leben designen können…“

Das ist auch eine interessante, weil so unsentimentale, Fußnote übrigens zu den beiden gewichtigen 50-Jahre-Punk-Büchern ausm Ventil Verlag (über die der Musikredaktor unseres Blocks als Beteiligter noch was schreiben wird): So gibt es im Band „Angriff aufs Schlaraffenland – Ein Deutschpunk-Mixtape“ einige Beiträge über Fehlfarben und einen über Family*5, allerdings vom großartigen Kolja Podkowik (dessen Antilopen Gang ebenfalls beschrieben ist).

Und übrigens hätte Wiglaf Droste postum, wie schon zu Lebzeiten absolut zurecht mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet werden können, wo ihn doch sogar Helmut Kohl mal bekommen hat.



ZUM FEIERNTAG

habe ich mir einmal dieses Gedicht ausgedacht, das dann in meine Bücher Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg T-Shirt (Songdog 2009) und Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will reingekommen ist (Starfruit Publications 2020) und es kann sein, dass ich es schon hier im Blockhaus gebracht habe, weil mir zu diesem Feierntag halt nichts anderes mehr einfällt:

*** VATERTAG IM SPORTHEIM ***

Es war nichts los

an diesem Sonntagnachmittag im Sportheim

die Mannschaft kämpfte auswärts

um den Aufstieg in die B-Klasse.

Nur zwei Männer an einem Tisch

in einer müden Stimmung

und nur weil einer sagte

dass früher mehr los war am Vatertag

bekam ich mit, es war Vatertag

und war genauso betroffen.

Ich weiß auch nicht, sagte der Ältere

soll ich dieses blöde Haus renovieren

oder soll ich´s abreißen?

Ich kann mich einfach nicht entscheiden

so geht das seit vier Wochen

es ist zum Wahnsinnigwerden

aber mit dem Alter wirst du immer schwuler

da kannst du nichts machen.

Die junge Bedienung ging durch den Raum

in einem engen Oberteil mit Tigermuster

auf dem geschrieben stand: Miss Wet T-Shirt!

Das sah glaubwürdig aus und

alle Augen stimmten für sie.

Was meinst du denn damit?

fragte der Jüngere und lachte unsicher

soll ich vielleicht immer schwuler werden!?

Sollen nicht, aber sehen

wirst du es schon noch, sagte der Ältere

ich lasse mir immer mehr sagen

der sagt was und der sagt was, der eine sagt

das Haus renovieren!, der andere sagt abreißen!

als ich so alt war wie du mit 25

habe ich mir doch von keinem was sagen lassen.

Ich zahlte und ging und war traurig gestimmt

weil es früher am Vatertag besser war

als alle schnell so besoffen waren

dass keiner mehr wusste

wo ist hinten, was ist vorn.

Reiß dein scheiß Haus ab

sagte ich im Rausgehen zu ihm

aber mach´s mit einer Ladung Dynamit!

so heißt es noch

du bist schwul.



DER DOKTOR IST DEFEKT

heißt ein Roman von Anthony Burgess – fürs neue deutschland habe ich was über einen viel mehr defekten Dr. getextet, der was zum „8. Mai“ getextet hat, das man nicht glauben kann, aber muss:

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199648.dominik-kaufner-mai-irgendwas-mit-sprache.html