Musik

ROCK’N’ROLL FEVER II

Text aus dem Buch, Ergänzung zur vorhergehenden Eintragung:

RICHARD BERRY (Abb. 102) Noch ein One-Hit-Wonder. Doch bei ihm steht ein großes Werk hinter einem der besten Hits, die je geschrieben wurden: „Louie, Louie“. Der 20-jährige Sänger und Komponist hatte es 1955 in der Pause zwischen zwei Auftritten geschrieben, das Potential hörte niemand. Erst 1957 veröffentlichte er sein Original mit den Pharaos, und weil er dabei war, seinen Sound zu verändern, gab er zum R´n´B eine Spur Calypso. Als mir Guido das vorspielte, kam es mir sofort wie die beste Version vor, die ich je gehört hatte.

Die Single war nur ein kleiner Erfolg in der Los Angeles-Region, und weil Richard Geld für die Heirat mit Dorothy brauchte, nahm die Tragödie ihren Lauf: für 50$ warf er alle Rechte aus dem Fenster. Der Ruf von „Louie Louie“ verbreitete sich unter den Nightclub-Bands, ehe die Beat-Version der Kingsmen 1963 dermaßen einschlug, dass sogar das FBI alarmiert wurde. Von besorgten Eltern, die ihre Teens davon gefährdet glaubten. Im Namen von „ITOM“ (Interstate Transportation of Obscene Material) wurde der Text zwei Jahre untersucht, auch bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Berry und einige Kingsmen wurden befragt. Offizielles Ergebnis: der Song sei „unverständlich bei jeder Geschwindigkeit“; man kann sich den ganzen Ordner bei Louielouie.net bestellen. Positiver Effekt: der Spezialeinsatz wurde von Radioboykotten begleitet, was Louie bekannt, berüchtigt, gefährlich machte. Aus dem Hit wurde ein Superhit, gefolgt von hunderten Covers.

Richard Berry, „one of the great underdogs in the American music story“, konnte erst am Ende seines Lebens ein wenig davon profitierten. Aus dem Berg von Einspielungen sei auf die außergewöhnliche der 39 Clocks verwiesen, die sozusagen den FBI-Einsatz in den Partyoldie wieder einbauten und, vom Ballermann der Neuen Deutschen Welle umzingelt, ein düster hämmerndes „Psychotic Louie Louie“ schufen.



EINE BOTSCHAFT AUS

der Hölle würde man das in einem romantischen Anfall nennen… Im Studio von Klaus Walter hatten wir an einem Endeseptemberabend ein paar Stunden lang eine Sendung zu „Rock’n’Roll Fever“ für Byte.fm aufgenommen. Gegen Ende unterhielten wir uns über den viel zu frühen Tod des geschätzten Kollegen Martin Büsser. Ein paar Tage vorher hatte es ihn erwischt; Klaus Walter hatte einen Nachruf für die junge Welt geschrieben.

Dann wählte ich den letzten Song aus, „Psychotic Louie Louie“ von den 39 Clocks, womit sie die einzige deutsche Band in der Sendung waren; das „Louie Louie“-Original von Richard Berry erhält als einer der größten Songs aller Zeiten im Buch etwas Raum.

Wir hatten die Sendung live aufgenommen, und als der Song beendet war, war auch die Aufnahme beendet. Klaus Walter speicherte ab, klickte dann auf seinen Posteingang und sagte eine Sekunde später: „Rüdiger Klose ist gestorben.“ Der oft für das Duo 39 Clocks Schlagzeug gespielt hatte. Auch er viel zu jung gestorben, weit vor einer Rente.

Später im Hotel, während ich im TV total ratlos beobachtete, wie gelassen sich Fatih Akin mit dieser Thea Dorn durch die Stadtlandschaft bewegte – warum macht’n der das mit?, fragte mich, und was erzählt’n die eigentlich die ganze Zeit? – hielt ich laut (obwohl ich allein war), betrunken von den Todesmeldungen – klingelt jetzt gleich das Scheißtelefon?, fragte ich mich – einen Sermon gegen die Ungerechtigkeit des Lebens.

Das Video auf Youtube.  „From Hell“ eingeben. Die beste Tonqualität hat’s natürlich nicht….



ROCK’N’ROLL FEVER

Der Band „Rock’n’Roll Fever“ mit Gemälden und Zeichnungen von Guido Sieber und Texten von mir ist ab jetzt im Handel. Edel Verlag, Caricatura Museum Edition. 240 Seiten, 348 Abbildungen, 39.90

Die Ausstellung bis Ende Januar 2011 im Caricatura Museum Frankfurt, danach in Kassel. Mehr dazu bei caricatura-museum.de und atelier-sieber.de

Erste Pressestimmen: „Kein Rocklexikon, sondern ein Buch voller Geschichten… das geht wunderbar zusammen“ (Klaus Walter). „Drastisch, fiebrig, übergenau“ (Ambros Waibel/taz).  „Zwar hat jeder schon einmal  vom großen Rock’n’Roll-Schwindel gehört, selten aber ist er von Gospel bis Prince so plakativ in Szene gesetzt worden“ (FAZ). „…enzyklopädisches Text-Bild-Kompendium aus radikal subjektiver Sicht“ (Welt).  „… mehr als eine ziemlich komische Seite“ (Frankfurter Rundschau). „****“ (von 5, Musikexpress). „Tolles Buch“ (Christos Davidopoulos/Optimal Records München).

Und nach 25 Jahren im Buchstabensteinbruch bin ich endlich erstmals hier: „Schrecklich böse, entlarvend…“ (Bild).

Als Nachtrag zu den John Lennon-Feiern dieser Textauszug: „YOKO ONO (Abb. 253) Viele werfen ihr vor, die Beatles getrennt zu haben – warum wirft niemand diversen Stones-Frauen vor, dass sie nicht die Eier hatten, die Stones zu trennen?“



„AFGHANISTAN“

ist ein neuer Song von unseren rockenden Freunden Smokestack Lightnin´. Sie haben Country Joes Anti-Vietnamkriegssong „Fixin To Die Rag“ restauriert, zu hören auf ihrer MySpace-Seite. Da sagt der tapfere Countryfan, dass er sowas ja nicht, sondern nur Lieder über Saufen und Heulen oder diese anderen Dinger da hören will. Manchmal fragen wir uns, gibt es ihn denn eigentlich noch? Um sofort sicher zu sein, ja, und wahrscheinlich wird er uns alle und auch die Enkel unserer Enkel überleben und auf ihrem Grab lachend in den Ring of Fire pissen.



ZU DJANGO REINHARDT

seinem 100. Geburtstag ein Fundstück aus der Biographie „Chanson für Edith – Das Leben des Norbert Glanzberg“ von Astrid Freyeisen (List Verlag, 2003). Glanzberg war ein jüdischer Pianist und (Film-)Komponist, der 1933 vor den Nazis fliehen musste.

Ort: Paris, 1936 oder -37: „Der Gitarrist des kleinen Orchesters war ein Zigeuner, ein schwarzhaariger Mann mit tiefen Falten im Gesicht und einem dünnen schwarzen Menjou-Bärtchen. Er hieß Django Reinhardt. Im Vergleich zu den anderen Musikern und vor allem zu Glanzberg, dem jungen Flüchtling, war Django Reinhardt ein klingender Name in der Szene (…) Reinhardt war ein begnadeter Musiker, dessen Unzuverlässigkeit sprichwörtlich war. Verspürte er den Drang, einen schönen dicken Fisch zu angeln, machte er sich zu den Ufern der Marne auf, ließ sich dort irgendwo mit seinen Angelutensilien nieder und vergaß die Welt um sich herum. Auch die Uhrzeit. Auch die Auftritte am Abend. Die Mitglieder seines Orchesters lernten es, die Gewohnheiten des Meisters mit der Zeit zu erahnen und liefen, wenn er wieder einmal nirgends zu finden war, fluchend den weiten Weg bis zum Fluss, um Reinhardt hoffentlich noch rechtzeitig aufzustöbern.“

Dann der Abend, an dem Glanzberg Edith Piaf kennenlernt: „Glanzberg wandte sich gelangweilt ab. Doch dieses Wesen rief ihm plötzlich ein paar Brocken in einem Französisch zu, das er so gut wie gar nicht verstand. Offenbar handelte es sich um Anweisungen. Fragend sah er zu Django Reinhardt hinüber. Anstatt zu helfen, wandte der sich an die bucklige Person und sagte trocken zu ihr: ‚Gib dir mit dem boche keine Mühe, der versteht sowieso kein Wort.‘ Immer dasselbe! Reinhardts liebster Spaß war: Hey boche, du deutsches Sauerkraut, hast du überhaupt verstanden, was ich dir gesagt habe? Glanzberg musste grinsen und schüttelte den Kopf.“

Zum 100. ist bei Trikont die tolle Tribute-CD „Django´s Spirit“ erschienen, kompiliert von Susie Reinhardt (ex-DM Bob & The Deficits und heute bei  Hoo Doo Girl). 20 Covers/Annäherungen von u.a. Dotschy Reinhardt, Biréli Lagréne, Coco Schumann, Mama Rosin, Dead Brothers, G Rag Y Los Hermanos Patchekos und den unwiderstehlichen Hoo Doo Girl.



DAS JAHR WAR

auch deswegen erheblich besser als 1938 oder wenn man 2008 in Reichweite der aus Gaza abgefeuerten Bomben war, weil man lesen konnte

Maxim Biller/Der gebrauchte Jude & Edo Popovic/Die Spieler &  Ludwig Fels/Die Parks von Palula & Andreas Niedermann/Log & Gabriele Goettle/Wer ist Dorothea Ridder? & Jasmin Ramadan/Soul Kitchen & Miron Zownir/ Parasiten der Ohnmacht & Friedrich Ani/Mitschnitt & Dominik Graf/Schläft ein Lied in allen Dingen & Harry Crews/Nackig in Garden Hills & Leonard Cohen/Das Lieblingsspiel & Wiglaf Droste/Am Nebentisch belauscht

und lauschen konnte The Dad Horse Experience/Electric Gates of Heaven & Various Artists/Roll Your Moneymaker & Bob Log III/My Shit Is Perfect & Mama Rosin/Black Robert & Steve Earle/Townes & 3Shades/Thank God For Beatniks & Smokestack Lightnin/Roadmasters & Roland Heinrich/Lichterloh & King Automatic/In The Blue Corner & Rickie Lee Jones/In The Evening Of My Best Day & Soundtrack Soul Kitchen & The Popes feat. Shane MacGowan, wenn man selbst fern von Outlaw Heaven war.

„If you´re drivin tonight, don´t forget your car!“



VON DER GEBURT BIS ZUM TOD

könnte man sein Block-Leben verbringen, indem man nur Zeugs aus Magazinen kommentiert, und würde sich wohl schon nach einem Jahr aufhängen müssen, um in einen sinnvolleren Zustand überwechseln zu können.

Aber bei den sog. Intelligenzblättern ist es schon manchmal ganz interessant. Wenn sie so schlau herumtun, aber dann kräht einem die furchtbarste Kleingeistigkeit, Spießigkeit und Dummheit entgegen, zu der meine Oma, die keine Volksschule abgeschlossen hat, sich niemals hätte hinreißen lassen.

Dann gehn wir mal rein: eine (natürlich edel gemachte) Fotostrecke, mit dem Titel „Die Welt ist eine Scheibe“, die Fotos werden kommentiert. Foto von Amy Winehouse: „Fahrt ins Vergessen“. Aufgenommen nach einem Club-Konzert in London.

„Sie kämpft sich durchs Gedränge“, schreibt der Kommentarschreiber, „gerät mit einem Fotografen aneinander, spuckt, schreit. Vor nicht langer Zeit hat sie ihr Comeback desavouiert, weil sie betrunken auf der Bühne erschienen ist. Das Bild der am 17. September aus dem Auto pöbelnden Winehouse wird zum Dokument ihres Scheiterns – obgleich der Gig im Jazz After Dark brillant war“.

Darauf muss man erstmal kommen: nach einem brillanten Konzert pöbelt sie ein paar Säcke an, die sie nicht in Ruhe lassen, und ist deswegen gescheitert. Ist das Logik? Oder sollte man jemanden, der das darunter versteht, bei einem sog. angesehenen Wochenblatt, feuern? Oder den Chef vom Dienst? Der vielleicht seit 30 tapferen Jahren behauptet, Fotografen könnten keine griffigen Bildunterschriften verfassen? Würde der „griffig“ sagen? Kann ich mir vorstellen. Auch egal. Genaueres findet man wie immer an der Quelle: Die Zeit Nr. 51/2009.



CHRISTIAN ANDERS

hatte ich aufgelegt, Single-A-Seite „Lass es uns tun“ von 1978, beim letzten Trashklubtreffen im Kreuzweise, und zwar, weil ich wie meistens der erste war und dann dachte, jetzt könnten die Kollegen langsam auch mal kommen, und weil mir Decker die Single mal geschenkt hatte – so wie er mir mal eine Platte mit Ku-Klux-Klan-Country geschenkt hatte mit seinem großen Humorverständnis -, dachte ich, wenn ich´s jetzt laufen lasse, kommt er, und so war´s auch, während der Anders lief kamen Patsch & Decker rein.

Und während der Anders lief, kam eine junge Frau zu mir und verpasste mir die schönste Anti-DJ-Attacke, die ich in ca. 15 Jahren zu hören geschenkt bekommen habe: „Bitte, bitte andere Musik, ich arbeite in einem Altenheim und muss mir sowas den ganzen Tag anhören, und wenn ich dann abends weggeh, will ich bitte was anderes hören“.

Wir lagen ihr zu Füßen, und Patsch meinte, er wünschte sich, dass er den Anders aufgelegt hätte. Aber ich war´s.

Den Trashklub machen wir nun seit 15 Jahren, und warum wir uns über den ganzen DJ-Deppenscheiß – in Folge von Ulf Poschardts „DJ Culture“ hatte das Berufsbild natürlich nichts anderes mehr verdient – kaputtlachen oder über so Ausdrücke wie Soundsystem und DJ-Namen sowieso, kann vielleicht meine so in etwa, allerdings nicht in dieser Reihenfolge, stimmende Set- bzw. Künstler-Liste dieses Abends verdeutlichen (und meine Kameraden haben es im Prinzip auch nicht anders, nur mit ganz anderen Schwerpunkten, gehalten):

Christian Anders, Kamerakino, Kraudn Sepp, Billy Moffet´s Playboy Club, Zen-Faschisten, Trash Groove Girls, Der Durstige Mann, Geile Tiere, Huah!, Wuide Wachl, Rosy Rosy (mit „Busenstar 68“ auf dringendsten Wunsch von der Julia von der Münchner Damenkapelle), Der Scheitel, Rhythm King & Her Friends, Milch, Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot, Family5, Familie Hesselbach, Geisterfahrer, Freiwillige Selbstkontrolle, Ichfunktion, Freygang, Fink, Guz, 39Clocks, Blacken The Black, The Presidents Of The United States, Fred Adrett, Wolfgang Protze & Instrumentalgruppe des Erich-Weinert-Ensembles (mit „Guten Morgen, Herr Frisör“) …

Einige der Künstler waren mehrmals zu hören, an andere kann ich mich im Moment noch nicht erinnern. Ansonsten war die Vorstellung  eigentlich ganz okay soweit.



ÜBER DAS WOODSTOCK-FESTIVAL

veröffentlichte ich, in einer unerheblich gekürzten Version,  in der Taz vom 14.8.09 dies:

Das Bad in Gottes Freudentränen

Wenn man nur die Zahlen nimmt, ist es verständlich, dass „Woodstock“ als die Mutter aller Rockfestivals gesehen wird. Doch der Ausdruck Rockfestival trifft´s heute nicht mehr gut, Woodstock war ein Gesamtkunstwerk, in dem Gefühl, Haltung, Verbundenheit, Protest wohl stärker waren als die Kunst. 100 Meilen weg von New York begann die Show mit Richie Havens am frühen Abend des 15. August 1969. Eine halbe Million Menschen waren dabei, und grob geschätzt nochmal so viele wurden von Cops und anderen Umständen daran gehindert, zu ihnen zu stoßen.
Das überstieg die Erwartungen der Firma Woodstock Ventures um ein Mehrfaches. Diese Masse war weder zu kontrollieren noch ausreichend zu bedienen, und das dabei entstehende Chaos war, was Kulturveranstaltungen betrifft, ebenfalls weltrekordverdächtig – ach was, Unsinn, es war halb so wild. 50 Nazis, die man heute irgendwo frei herumhängen lässt, richten mehr Schaden an.
Woodstock hatte einen Unfalltoten zu verzeichnen. Ein paar Tausend wurden, zumindest vorläufig, erfolgreich medizinisch betreut. Kein wütender Farmer benutzte seine Flinte. Von Vergewaltigungen ist nichts bekannt, und „sogar Sonny Bargers Putztruppe“ namens Hell´s Angels „lässt sich einlullen von der geselligen Stimmung hier, wird von der Menge einfach absorbiert und neutralisiert“, schreibt Frank Schäfer in seinem Buch „Woodstock ´69“.
Ich denke, das muss man erwähnen. Und der wachsenden Zahl von Gestalten jeden Alters, die der sog. Woodstock- oder 68er-Generation die Schuld an den unfassbar vielen verletzten Seelen und kaputten Sitten in Deutschland oder den USA geben, mit Elvis Costello antworten, der nicht zufällig 1979 Nick Lowe zitierte: „What´s so funny ´bout Peace, Love, and Understanding?“ Sage ich, der ich, als Woodstock geschah, neun Jahre alt war, und erst etwa 1976 in der bayrischen Provinz zwangsläufig von Album und Film eine zeitlang fasziniert und angeturnt. Nur wenige Bands interessierten mich länger, und dann war Woodstock nur noch ein Kulturphänomen, das mich in den Spiegelungen von Autoren wie Thompson und Tosches beschäftigte, und vor allem in Ed Sanders´ Untersuchung über den Zusammenhang von Hippiekultur und Charles Manson, dessen Gläubige eine Woche vor Woodstock Sharon Tate u.a. ermordeten. Also, Woodstock und ich? Obwohl ich jetzt Mike Wadleighs Director´s Cut unbedingt im „Fännsäh“ (Fanny Müller) hatte sehen wollen, schlief ich nach einer Stunde ein. Und die neue 6-CD-Box „Woodstock 40“ mit, zusätzlich zu den bekannten, „über 38“ (Presseinfo) unveröffentlichten Aufnahmen (dabei keineswegs vollständig, das geht gar nicht), und das Ganze erstmals in der richtigen Reihenfolge, kann ich mir niemals auch nur annähernd komplett anhören.
Und dennoch, ich kann es absolut stark fühlen: ich würde mich lieber mit diesen Hippies im Schlamm wälzen und Joe Cocker hören, als am Arm des Dr. zu Guttenberg in Bayreuth einmarschieren, und ich würde mich in meinen dreckigsten Cowboystiefeln auf den Wohnzimmertisch von Christoph Schlingensief stellen und ihm das erklären.
Obwohl also dieses Chaos von einem Unwetter gefördert wurde, war es zu klein, um die Produktion von fast 50 Stunden Live-Musik zu verhindern und die daraus folgende Flut von Stoff davon und darüber. Allein jetzt zum Jubiläum – wer sich fragt, was an dieser „40“ eigentlich so toll ist, werfe „Woodstock“ und „Ed Ward“ in seinen Computer – sind in den USA mindestens 19 Bücher zur Masse der Woodstock-Literatur dazugekommen, darunter ein „Guitar Songbook“, das Drehbuch zum kommenden Ang Lee-Film „Taking Woodstock“ und die Erinnerungen der Tochter von Max Yasgur, der sein Land für die Jugend und 50 000 $ hingegeben hatte. Und sechs neue Bücher gibt´s auf Deutsch.
Es war der Untertitel von „Making Woodstock“, der mich wieder animierte: die Geschichte des Festivals „erzählt von denen, die es bezahlt haben“, im Original bereits 1974 mit dem Titel „Young Men With Unlimited Capital“ erschienen. John Roberts hatte „ein paar Millionen“ geerbt, Joel Rosenman, Sohn eines prominenten Kieferorthopäden, war Anwalt; beide Anfang 20, gebildet, abenteuerlustig, keine Hippies. Sie wollten ins Finanzgeschäft einsteigen und gerieten bei der Suche nach einem passenden Objekt, aus dem was zu machen wäre, an die Business-Hippies Artie Kornfeld, „Chef von Contemporary Product bei Capitol Records“, und Mike Lang, der schon das Miami Pop Festival mitorganisiert hatte, Männer, deren Vorstellung von „groovy“ etwas beschänkt war und die in der vor allem im Musikgeschäft blühenden Endphase der Hippiekultur immer irgendwas auf der Pfanne hatten. Aus der Idee, ein Tonstudio in Woodstock aufzubauen, entstand das Festival. Die Hippies waren für die Bands zuständig. Und das Chaos grinste bald durchs zugekiffte Bürofenster.
Diese beiden gegensätzlichen Freundespaare stehen für alle Widersprüche, die an Woodstock zu erkennen sind (außer im Film), und sie konnten schon lange vor dem Festival nicht mehr gut miteinander. Ich gesteh´s: die beiden Woodstock-Kapitalisten und ihr genau genommen Anti-Woodstockbuch sind mir sehr sympathisch (weiß schon: man soll ihnen nicht alles glauben). Sie erzählen mit Gespür für Komik und Irrsinn und die verschiedenen Kulturen, die da aufeinanderprallen, und es liest sich wie ein Cheech & Chong-Film von Woody Allen, der seinen Reiz aus diesem Finanzblickwinkel bezieht. Ich mag die Kapitelanfänge, z.B. 15. Juli 1969: „Gelände: keins … Einnahmen aus Ticketvorverkauf: 537.123 Dollar / Gebuchte Musiker: unklar / Rechtsanwälte: 5 … einer in New York City zwecks politischer Einflussnahme … Mobile WCs: weitere 500 bestellt, insgesamt 2000 / Ausgaben: 481.519 Dollar“.
Erst nach zwei Dritteln des Buchs schreit Richie Havens „Freedom!“ Dass er bei seinem Auftritt so brennt, als kniete er vor dem Jüngsten Gericht, wird mit keinem Wort erwähnt. Logisch: weil die Erzähler, wie alle seriösen Organisatoren von größeren Veranstaltungen, von ihrer Show wenig mitbekommen haben, stattdessen beschäftigt waren, Hubschrauber, Geld, Spezialkram für Musiker oder Ärzte zu beschaffen. Während Mike Lang, der sich schon damals als „the man behind the legendary festival“ etablierte (so auch der Untertitel seines neuen Buchs), den Reportern erzählte, dass aus Überzeugung und um des lieben Friedens willen keine Polizisten im Einsatz wären, organisierten Roberts/Rosenman sowohl uniformierte als auch New Yorker Polizisten, die frei hatten und keine Erlaubnis, in Woodstock zu arbeiten, und sie bedanken sich bei ihnen.
Als Jimi Hendrix am 18. August, Montag vormittag, auf die Bühne geht, und bei nur noch 30-40 Tausend Leuten nichts mehr schiefgehen kann, haben es die beiden so satt, dass sie zurück nach New York fahren – und deshalb muss, wer über dieses Finale alles erfahren will, zu Frank Schäfers „Woodstock ´69“ greifen. Da steht, was dort fehlt – und umgekehrt: bei Schäfer ist der Zoff zwischen dem linken Polit-Chef Abbie Hoffman und Pete Townsend auf der Bühne detailliert beschrieben samt Hintergrund; und Roberts/Rosenman erzählen detailliert, wie Hoffman Woodstock Ventures ziemlich fies erpresst hat. Dass Schäfer ein Autor ist, der nicht nur selbst Literatur schreibt, sondern auch gleichermaßen immer gut über Popmusik und Literatur, ist der Glücksfall für diese Art Darstellung. Es ist das Woodstock-Buch, das man lesen kann, wenn man nichts mehr davon hören will (außer, übrigens, die vielen bislang unveröffentlichten An- und Durchsagen auf der Neu-Edition).
Hendrix hatte sich nicht als Vietnam-Gegner hervorgetan, als er sich als Headliner des Festivals lang nach der geplanten Zeit dem letzten müden Rest der Truppe präsentierte, schreibt Frank Schäfer, und er hatte seine Version der Hymne schon oft gespielt, ohne dass es eine Wirkung gehabt hätte. Es war der „adäquate Schauplatz“, der „Star Spangeled Banner“ zur Legende machte, und Hendrix war vom Ereignis so beeindruckt, dass er ein Gedicht darüber schrieb. Was für manche nur Dreck war oder ist, hatte er anders empfunden: „Wir badeten in Gottes Freudentränen und tranken davon“.
„Happy Birthday, liebes Woodstock-Festival!“, textet die Bildzeitung 40 Jahre später, und da brauche ich dann aber was Stärkeres zu trinken als die Tränen, die mir da kommen.

Joel Rosenman/John Roberts/Robert Pilpel: Making Woodstock. Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel/Stefanie Fahrner. Orange Press, 2009, 280 S.
Frank Schäfer: Woodstock ´69 – Die Legende. Residenz Verlag, 2009, 206 S.
„Woodstock 40 Years On: Back To Yasgur’s Farm“: 6-CD-Box, Rhino/Warner, 2009



DIE NEUE BAND IM HIMMEL

dürfte mit James Luther Dickinson, der am 15.8. zur Probe erschien, komplett sein, und die anderen Kapellen, die dort ohne den Druck von Plattenfirmen frei aufspielen, nervös machen. Es ist eine Legende, dass es unter den Künstlern im Himmel keine Konkurrenz gibt, und natürlich spricht niemand darüber.

Die zu Erdzeiten geschaffenen Produkte der Neuzugänge werden archiviert. Ein Typ, der aussieht wie John Denver, der sich als Johnny Thunders geschminkt hat, zieht den Karren, auf dem die Dinger von Deville und Dickinson gestapelt sind, und er stöhnt, weil er den schweren Karren kaum ziehen kann. Dafür kann Deville nichts. Da ist Dickinson dran schuld.

Der Typ macht Pause. Er nimmt auf gut Glück was aus den Stapeln und legt was auf den Plattenspieler, der auf den Karren gebaut ist. „Dixie Fried“ von James Luther Dickinson, Tav Falco´s Panther Burns mit Dickinson, Alex Chilton produziert von Dickinson, ein Ry Cooder-Soundtrack mit Dickinson, Willy DeVille produziert von Dickinson…  So vergehen die Jahre.

Während die neue Band auch mal Pause macht und Dickinson eine Stones-Story erzählt. Da lachen die Kollegen. Und wenn Charles Feathers erzählt, wie er Elvis Gitarrespielen beigebracht hat, lachen sie noch mehr. Und wenn Carl Perkins einen Ton anschlägt, sind sie sofort dabei.

Es ist saulustig in manchen Abteilungen des Himmels. Nur der Typ, der den Karren ins Archiv zieht, hat selten was zu lachen, wenn er Pause macht und auf gut Glück was aus den Stapeln zieht.