Produktion

EIN BULLE IM ZUG (4)

steht auf #3 der KrimiZEIT-Bestenliste im Oktober: „Doblers super instrumentierte Alltagssprachkunst weckt Todes- und Lebensgeister.“ Mehr Stimmen zum Buch:

„… noch nie einen Autoren gelesen, der so gezielt gut mit Alltagssprache umgeht, mit dem ganzen Sprachmüll mit dem wir werbemäßig, sloganmäßig, phrasendreschmäßig überrollt werden … eine bösartige und realistische Beschreibung des geistigen Zustandes der Republik…“ Radio Bremen, Tobias Gohlis

viel-
schichtigen, alle Genregrenzen
sprengenden Meisterwerk

„… vielschichtiges, alle Genregrenzen sprengendes Meisterwerk.“ Sonntagszeitung, Gunter Blank

„Dobler hat unfassbare gute Augen und Ohren für den Irrwitz, die furchtbare Komik und den Wahnsinn nicht nur des gesellschaftlichen Pandämoniums, das in Zügen unterwegs ist … Seine Mini-Porträts ganz „normaler“ Zeitgenossen – von Barflies bis Bankiers, die sich Banker nennen, sind kleine, oft sehr komische, bissige und biestige Meisterwerke … Ach, das Wichtigste wollen wir nicht vergessen: »Ein Bulle im Zug« ist ein kompletter, richtig guter Kriminalroman.“ Kaliber .38, Thomas Wörtche

Ein Bulle im Zug ist weder klassischer Kriminalroman noch Listenware und am allerwenigsten Designerkrimi. Es ist alles da, wo es hingehört, und darüberhinaus… Instinkt, Musik, Lyrik, brummende Dialoge und darunter ein innerer Wahrheitsgehalt aus einer ganz realen Welt.“ Culturmag.de, Roland Oßwald

„… schreibt genialisch grobianische Bücher …“ KulturSPIEGEL, Wolfgang Höbel

„(er) hat Rhythmus, er hat Stil, er hat Witz … und verzichtet dabei auf eine Gut-oder-Böse-Dramaturgie.“ a3Kultur, Jürgen Kannler

„… bestechend klar und prosaisch aufgeschrieben. Mit einem siebten Sinn für Ekel, Eskalation und Humor.“ junge Welt, Christof Meueler

„Der Roman besteht neben dem ironischen Spiel mit den Genres Krimi und Western freilich auch aus hübsch bösen kleinen Gesellschaftsporträts…“ Süddeutsche Zeitung, Franz Kotteder

„… ist aber auch speziell ein Buch für Leser, die es nicht abstößt, wenn ständig neue umgangssprachliche Bezeichnungen für männliche und weibliche Geschlechtsorgane auftauchen und für das, was man damit macht. Das wollen wir mal nicht verschweigen.“ Frankfurter Rundschau, Thomas Stillbauer



NILS KOPPRUCH (16)

starb vor zwei Jahren, am 10. Oktober. Für das Booklet zur bei Trocadero Records erschienenen Werkbox schrieb ich folgenden Text, der auch im Booklet zum separaten Doppel-Album A Tribute to Nils Koppruch & Fink enthalten ist:

DIES HIER IST FÜR DICH, ABER EIGENTLICH JA LIEBER NICHT

von Franz Dobler

Die Beerdigungsfeier zu Ehren von Nils Koppruch am 27. Oktober 2012 dauerte bereits einige Stunden, als ein Mann das Lokal verließ, die Straße nach links und nach rechts runterschaute, ohne zu bemerken, dass ich ihn von der anderen Straßenseite beobachtete, wie er hin und her schaute, und sah, dass es ihm vollkommen egal war, in welche Richtung er gehen würde. Die Richtung, in die er langsam und mit unsicherem Schritt ging, kam ihm entgegen. Er war etwa fünfzig, wie ich, trug ebenfalls einen Anzug und war genauso erschöpft. Es war einer dieser Tage, die Nils in einem Song „schwärzer als die Nacht“ beschrieben hatte, und der Tag war noch lange nicht zu Ende. Ich stand von der Bank auf und folgte dem Trauergast, um noch etwas an der Luft zu bleiben und mir anzusehen, was er sich ansehen oder anstellen würde.

Sechs Wochen zuvor hatte ich Nils zuletzt getroffen, nach einem Konzert mit seiner neuen Band Kid Kopphausen, die ihr Debütalbum I präsentierte. Koppruch war glücklich, nicht nur über den Abend, sondern dass er endlich wieder mit einer Band spielte, in der alles passte und gut war und die eine Perspektive zu haben schien. Bei den Tourneen davor, zu seinen Solo-Alben Caruso und Den Teufel tun, hatte er sich ebenfalls mit tollen Bands präsentiert, die jedoch nur für die Tourneen und besondere Gelegenheiten eine Bande bildeten. Ich erinnere mich, als wir einmal vor einem Konzert zusammensaßen und er mir freudestrahlend erzählte, dass sich die Musiker, alte Freunde von ihm, nach den ersten Konzerten der Tournee entschlossen hatten, nicht nur als seine Begleiter aufzutreten, sondern eine, ihre eigene Band zu gründen und sich Der Wald nannten; ich glaube mich zu erinnern, dass er das später auf der Bühne nicht nur stolz – welche Begleitband hat denn schon den Mumm, sich während der Arbeitszeit zu emanzipieren! – erzählte, sondern sich auch fragte, ob „seine“ Band, die jetzt nicht mehr seine, sondern ihre eigene Band sei, ihn wohl in die Band aufnehmen würde; also eine Art positive Variante seines Songs „Messerkampf“, könnte man sagen.

Der Mann ging in einen türkischen Supermarkt und kaufte sich Zigaretten. Zündete sich, als er wieder draußen war, eine an, blieb an der Straßenkreuzung stehen und sah in alle vier Straßen rein. Ging dann die Straße weiter, die er runtergegangen war. Ich steckte mir ebenfalls eine an und verfolgte ihn weiter, sah ihm nicht an, ob er irgendwann zurück- oder fortgehen würde.

Bei einer anderen Gelegenheit war Koppruch nach dem Konzert todunglücklich, weil es in der Band krachte und nicht lief, wie es sollte; während ich verblüfft war, weil ich beim Konzert nicht das Geringste von der Geschichte bemerkt hatte. Dagegen war die Fink-Formation, die ihr letztes Album Bam Bam Bam präsentierte, die beste, die ich je gesehen habe; sie spielte sich, so kommt´s mir heute vor, geradezu free-form-mäßig, die Songs ziemlich auf den Kopf stellend, durch das ganze Werk. Es war ein unglaublicher Rausch, der das ganze Publikum an und mit sich riss, und, wie eigentlich alle seine Konzerte, bestätigte, was Koppruch in vielen Interviews betonte, dass es ihn überhaupt nicht interessierte, Songs tonträgergetreu wiederzugeben und er sich auf der Bühne nicht als Dienstleister sehe, der dem Publikum gebe, was es wolle oder erwarte, sondern zuerst das mache, wozu er und wozu die Band Lust habe. Nils war für mich immer ein echter Bandmusiker, und ich fand, dass er später, nach Fink, viel zu sehr als Folksinger-Songwriter gesehen wurde, dessen Idealform das Solokonzert wäre. Aber das war eben nur ein Teil von ihm; dass dieser Teil seiner Persönlichkeit zeitweise zu stark wurde, auch für seinen Geschmack, hatte natürlich auch mit praktischen Gründen zu tun; wenn er keine Band hatte oder Musiker, mit denen er zusammenarbeitete, war er auf der Suche, oder er bedauerte es, dass zurzeit niemand da und nichts möglich sei. Wenn er mir in seinem Studio neue, fertige oder halbfertige Songs vorstellte, dann nie mit der Holzgitarre, sondern immer an den Geräten, mit unterschiedlichen Abmischungen und Spuren, die vielleicht schließlich doch nicht verwendet wurden.

Der Mann blieb vor einem Schaufenster stehen, schaute sich die Auslagen, die ich nicht erkennen konnte, sorgfältig an, warf seine Zigarette weg und ging rein. Es war ein Schallplattenladen, und ich folgte ihm. Sofort hatte ich den Gedanken, ich sollte mir am Tag von Nils´ Beerdigung eine Schallplatte kaufen. Ich war offen für alle Richtungen, es konnte auch ein Album sein, das mir einfach nur von außen gefiel. Als wir uns zuletzt in Hamburg getroffen hatten, um an einem Abend eine gemeinsame Vorstellung zu geben, die, anders als wir uns das vorgestellt hatten, unsere einzige bleiben sollte, hatten wir am Abend davor ein paar Stunden in einer kleinen Bar gesessen und eine Jazzband verfolgt. Ich weiß nicht mehr, ob ich verblüfft war, dass Koppruch einiges über Jazz wusste oder ob wir uns zu dem Zeitpunkt längst mal darüber unterhalten hatten; ein paar Jahre zuvor waren wir auf einer Tournee immer hinten im Bus gesessen und hatten alles ausgeplaudert, was wir im Leben so mitbekommen hatten; auch aus dem Plan, ihn während einer längeren Tournee mit Band zu begleiten und alles, was möglich wäre, aufzuschreiben, sollte nichts werden.

Es war ein echter Plattenladen, keine Compact Disc war zu sehen, und er war sehr jugendlich, hip, viele oder sogar die meisten Platten steckten nur in schwarzen oder weißen Hüllen, hatten kein Cover. Mehrere der wenigen Kunden hantierten an Laptops. Ich suchte nach den Kisten, die es immer gibt, fand genau eine unter einem der Tische und hatte auch die Platte schnell gefunden. Es war eine der letzten, die eines meiner Lieblingslabels herausgebracht hatte, ehe es vor etwa einem Jahrzehnt aufgeben musste, und ich hatte die Veröffentlichung damals nicht mal mitbekommen; durchaus also im doppelten Sinn ein besonderes Album für mich. Dem Mann an der Kasse sagte es überhaupt nichts, und er fand auch keinen Preis in seinem Computer. Er hatte die Befürchtung, er könnte eine wahnsinnige Rarität für ein paar Kröten an einen angeschickerten älteren Herrn im Anzug, der nur aus Versehen reingekommen war, rausgeben.

Für einen Singer-Songwriter, über dessen Texte auf dem ersten Fink-Album ich geschrieben hatte, man könne sie auch als den Gedichtband des Jahres betrachten, war Koppruch nicht nur außergewöhnlich musikalisch versiert, sondern auch interessiert und bewandert; das ging weit über die üblichen, meistens amerikanischen, toten oder alten Helden hinaus. Als ich ein Album mit Covers von Songs eines dieser alten Country-Helden herausgab, lud ich ihn natürlich ein, mit einem Song seiner Wahl dabei zu sein. Kurz vor Fertigstellung der Compilation rief er mich an: „Wir haben jetzt doch noch was gemacht, aber ich vermute, das wird dir nicht in´ Kram passen, du musst es echt nicht nehmen, das ist so Dub-Rock“, er kicherte, „falls dir das was sagt.“ Das Duo mit seinem alten Kumpel nannte sich Mann ohne Schmerzen (nach einem Song auf dem Fink-Album Loch in der Welt), und tatsächlich hätte ihn sicher kaum jemand anhand von Musik und Stimme identifizieren können. Ausgerechnet der, von dem ich vermutete, dass er sozusagen automatisch nah am Original sein würde, hatte sich extrem weit davon entfernt.

An dem dieser Werkschau beiliegenden Doppelalbum A Tribute to Nils Koppruch + Fink mit Coverversionen seiner Songs hätte Koppruch, dem Singer-Songwriter, der meistens am liebsten Teil einer Kapelle war, wahrscheinlich am meisten gefallen, dass die Bands und Künstler aus unterschiedlichsten Ecken die Stücke so spielen, wie es ihnen gefällt, zu ihnen passt oder ihnen möglich ist (und erst jetzt fiel mir auf, dass die Platte, die unvermeidlich zu meiner Nils-Beerdigungsplatte wurde, in diesen Kontext passt, weil ganz unterschiedliche Bands mit herkömmlichen Instrumenten auf die im Original rein elektronischen Tracks der Gruppe drüberspielten … so Ideen, für die Nils was übrig hatte).

Die fast endlosen musikalischen Weiten, die auf A Tribute to Nils Koppruch + Fink zu entdecken sind, entsprechen dabei denen, in die er selbst uns mitgenommen und die er zwischen dem hörspielartigen Jazz-Poetry-Mix „Messerkampf“, der Gitarrenwand „Heimweh“ oder dem zärtlichen Gospel „Noch nichts verloren“ ausgebreitet hat.

Das Groteske an diesem wunderbaren und abenteuerlichen Tribute-Album und der gesamten, aus traurigem Anlass erschienenen Werkschau ist ja, dass alle Beteiligten und alle Fans sie lieber nicht haben würden. Aber es ist, wie es ist, und hier sind sie: Die gesammelten musikalischen Werke von Nils Koppruch, bisher unveröffentlichte Fundstücke aus seinem Nachlass, Neuinterpretationen von Bewunderern und Wegbegleitern und die Geschichte seines künstlerischen Lebens. Wir verneigen uns vor allen Künstlern und Mitwirkenden, die ihm diesen Gedenkstein errichtet haben, schließen die Augen oder tun den Hüftschwung und freuen uns – auch darüber, dass uns Nils Koppruch all diese Songs, Bilder, Worte und Gedanken geschenkt hat. Ehe er – „wir reisen hier nur durch und nehmen nichts mit“ – viel zu früh, mit unbekanntem Ziel, weitergezogen ist.

15. Juni 2014



EINE BULLE IM ZUG (3)

Erste Stimmen: „grandioser Showdown á la Peckinpah“ (Freitag/Community) +++ „Dobler gelingt eine lesenswerte und sehr persönliche Auseinandersetzung mit Schuld und deren Folgen“ (Augsburger Allgemeine) +++ „Eigensinn und

Buchdeckel „978-3-608-50125-4 Antifaschismus“ (Faustkultur.de) +++ „(er) hat Rhythmus, er hat Stil, er hat Witz“ (a3Kultur).

Die ersten Sprechstunden: 18.9. München/Glatteis, 24.9. Sulzbach-Rosenberg/Literaturhaus, 25.9. Augsburg/Golden Glimmer Bar, 9.10. Frankfurt/Feinstaub



EIN BULLE IM ZUG (2)

Ab heute im Handel, analog 350 S./21,95, digital 17,99

Buchdeckel „978-3-608-50125-4  Die wichtigste Frage zuerst: Ist es ein Heimatkrimi? Nein, es ist das Gegenteil davon, es fährt den Mist über den Haufen. Nicht weniger wichtig natürlich die Frage, ob es gut ausgeht. Ja – es gibt am Ende nicht mehr Tote als am Anfang. Vielleicht sogar noch wichtiger die Frage: Warum liegt der Barcode vorn?! Weil er bei Tropen immer vorn liegt.



EIN BULLE IM ZUG

heißt mein neuer Roman, der nach zweijährigem Intensivtraining fertiggestellt wurde und am 23. August bei meinem neuen Verlag Tropen/Klett-Cotta erscheint. Hier kann man die ersten 25 von 350 Seiten lesen:

http://www.klett-cotta.de/buch/Literarischer_Krimi/Ein_Bulle_im_Zug/48932

Buchdeckel „978-3-608-50125-4

Seltsamer und glücklicher Zufall: Das Buch erscheint am selben Tag wie die 11-CD-Werkschau meines verstorbenen Freundes Nils Koppruch – das Buch endet mit einem abschließenden Motto aus einem Koppruch-Song (Parallele zum Motto am Anfang von Ronald Biggs: No one is innocent).



BILL CARDOSO SAGT:

„Ich habe einen Monat gebraucht, um das herauszufinden! Die scheinen zu glauben, ich wäre irgendein Schmock. Warum sollte ich es ihnen sagen? Was haben die je für mich getan? Haben sie mich rausgeholt oder haben sie mich zurückgelassen?“

  Die Reportage Rummel im Dschungel (Originaltitel: Zaire) des Mannes, der für seinen Kumpel Hunter S. Thompson den Begriff Gonzo präsentierte und dessen Schreibe sich vor keinem Schwergewicht wegducken musste, erscheint Ende September bei Edition Tiamat. Meine Übersetzung erscheint mir im Moment noch nicht fertig zu sein.

 



AUS MEINEM STOLLEN

1 Für den Freitag habe ich für die Sonderausgabe Ende Dezember, Thema „Farben“, dies über Blues geschrieben: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/den-teufel-im-tank // (Der schönste Kommentar dazu: „als jemand, der gut 40 Jahre lang aktiv Blues spielt und die dabei zeronnenen Kilometer schon längst nicht mehr zählt, kann ich mich nur wundern, wie so ein vulgär-Aufsatz auf die Seiten des Freitag kommen kann. P.S.: Komme gerade zurück von einem wunderbaren Blues-Festival auf Borkum – Veranstalterin ist meine Frau Gudrun.“)

Rückgrat des Artikels ist das Fat Possum-Label und speziell dessen größte Künstler: R.L. Burnside, Junior Kimbrough, T-Model Ford. Hier der großartige Dokfilm (2002) von Mandy Stein: http://www.youtube.com/watch?v=SPlX2K1vl-A&list=PLWrq1bhj4SnVRhoN9l4SvSj0CwVuJtJpZ

 mit Jon Spencer (l.) & Blues Explosion (r.)

Bei Jon Spencer hatte ich zuerst von Burnside, bei Rockabilly-Hero Charlie Feathers zuerst von Junior Kimbrough gehört: „I learned the Blues from a fellow down there named Junior Kimbrough. He´s the greatest musician there ever was.“ Eine Würdigung Charlie Feathers´ in meinem neuen Buch, S.49-53.

2 Der neue Drecksack ist soeben erschienen, das hochgeschätzte Literaturmagazin aus Berlin, über das Sie im Feuilleton Ihrer Tageszeitung sicher schon oft gelesen haben. Inhaltsübersicht und Bestellung hier: http://www.edition-luekk-noesens.de/drecksack/aktuelle-ausgabe/ – Von mir dabei „I Remember Chet“ und „Ordentliche Tanzmusik“, zwei Texte aus meinem neuen Buch

THE BOY NAMED SUE – Aus den Memoiren eines zerstreuten Musikliebhabers. Jetzt auch als ebook bei Fuego für 8,99. Als realbook bei Edition Tiamat für 14.-



THE BOY NAMED SUE (2)

im Gespräch mit Stefan Maelck, Sa. 23.11., 10:10h, Radio MDR Figaro:

http://www.mdr.de/mdr-figaro/index.html

dobler Neu bei Edition Tiamat

Und ein Ramones-Song-kurzes Interview in der Sulzbach-Rosenberger Zeitung, 14.11.: SRZ: Sie kommen ja – wenn man so will – von ganz unten: Nämlich aus dem tiefsten Süden in Bayern? FD: Inhaltlich gesehen war es in meiner Jugend der Wahlkreis von Franz-Josef Strauß, weshalb ich mit einigen bleibenden Schäden weiterleben musste. Zu schreiben haben Sie begonnen in der Lokalredaktion der örtlichen Zeitung? Ein Ferienjob als Polizeireporter war das höchste für mich! Mein größter Fall war echter Punkrock: ein Unfall mit einer Kuh und drei Autos.  Hat der Süden Bayerns etwas gemeinsam mit den Südstaaten der USA? Eine Menge schönen Grant und Eigensinn, der leider von zu vielen Kirchen und anderen Gespenstern abgeschwächt wird.

(Hätte ich vielleicht 3 x „nein“ sagen sollen?)



MEIN FREUND NEBELMASCHINE

(Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung saß ich mal wieder in einer Theaterpremiere, genauer gesagt hockte ich, wie die meisten Besucher, auf dem Boden rum, bis mir der Arsch und die in der Nähe gelegenen Knochen gescheit weh taten, was mein Denkvermögen natürlich nicht in den Dispobereich versenkte. Hier die längere Version dessen, was in der FAS am 27.10. erschien:)

An einem so hektischen wie geheimnisvollen Theaterabend kann es doch schon mal passieren, dass einem die Begriffe im Kopf verloren gehen: Wenn ein Regisseur ein Buch nimmt und auf die Bühne wirft, ja, Mensch, wie heißt das denn jetzt? Verstückung?! Quatsch, Dramatisierung, logisch. Aber jetzt finde ich Verstückung besser. In Stuttgart jetzt neu: Bernward Vespers Romanessay „Die Reise“ in der Verstückung von Martin Laberenz.

Der Grund für diese nicht neue Aktion ist klar: Das mit Notizen und Briefen 700 Seiten starke Fragment gilt als das Buch der 68er-Protestbewegung, das erst einige Jahre nach Vespers Selbstmord (1971) erschien und sowohl Hit als auch Legende wurde, und das nicht nur, weil alle Konflikte, Hoffnungen etc. im Textgebirge enthalten sind, sondern auch in Vespers Person, und so spektakulär wie in keiner anderen: Sein Vater war der bekannte Nazi-Dichter Will Vesper, seine Frau und die Mutter seines Sohns  war Gudrun Ensslin, die ihn für die RAF und Andreas Baader verließ, und er selbst nicht nur Polit-Aktivist und -Verleger, sondern auch LSD-Freak mit literarischem Talent, der zuletzt im Irrenhaus saß und übrigens absolut klare Briefe schrieb. Ich habe den Drang, das hier mal sachlich runterzubeten, weil ich glaube, dass von der Verstückung nicht viel ankommt, wenn man nicht alles mögliche schon weiß. Dass eine gute Strecke der zweieinhalb Stunden aus Langeweile besteht, macht´s ja auch nicht leichter.

Verständlicherweise löst Martin Laberenz nur einige Steine aus Vespers Riesengebirge: Drogendelirien, Kindheitserinnerungen, Hass (auf fast alles außer Sohn Felix). Weil Vesper an Schizophrenie erkrankte, spielen fünf Akteure Vesper, falls sie nicht gelegentlich Vater, Mutter, Gudrun oder den amerikanischen Freund Burton spielen. Zentrum der Spielfläche: ein großes Bett. Bei ihnen ist auch der Souffleur, von dem ich lange dachte, er wäre auch ein Teil-Vesper, aber egal. Die Konstellation führt zu einigen tollen Lärm-Laber-Orgien, wenn gegen- und durcheinander geredet wird, einigen gut nervenden Hass-Brüll-Monologen, einigen bedrückenden stillen Szenen, in denen der einsame, verzweifelte, inhaftierte Vesper sozusagen isoliert vor sich hin spricht. Das klingt, so hingeschrieben, ziemlich gut – aber die Teile ergeben kein Ganzes. Das schlingert nur so herum.

Gipfel diverser Leerläufe: ein Hassmonolog gegen, pi mal Daumen gesagt, Deutschland, Kapitalismus, Erziehung (mit dem schönen Gag: „Ich hasse Schiller, und Goethe ist noch schlimmer!“), der nur noch zäh ist, gefühlte zweieinviertel Stunden dauert, in denen ein Vesper die anderen, stummen, bewegungslosen umrundet. Gipfel einiger sinnlosen Aktionen: die Schauspieler werden zu Schauspielern, sprechen zum Publikum, improvisieren aber nicht, wäre ja spannend, über ihre Meinung zu Vesper – z.B. sind wir alle für immer an die Nazis gekettet? – , sondern zählen nur auf, was sie grade sehen: links neben mir der Liegestuhl, ich gehe jetzt am Steg entlang, der ein Viereck um das Bett bildet und so fort.

Dabei hat Laberenz ein Talent für Slapstick, und das wäre ein mutiger Ansatz für einen 31-jährigen Regisseur gewesen. Aus dem ikonografischen Vesper-Bild mit fetter Sonnenbrille macht er echte Nummern, überwältigend, wenn aus der Familienschatzkiste nicht nur die riesige Naziflagge des Vaters kommt und sich die Bernwards nicht nur anklagen, sondern einer die anderen niederbrüllt, er habe doch nur nach seiner Sonnenbrille gesucht! Und zuletzt kommt auch endlich mal  die volle Wucht, ein echter Anschlag aufs Gemüt: Vesper in der Geschlossenen, fragt sich, ob „die Psychose praktisch die Antwort auf den Bewusstwerdungsprozess“ ist, ob er, als Nazikind, das bis ans Ende aller Fragen geht, so enden muss. Dann holen ihn Gestalten in weißen Raumanzügen ab. Eine Szene, die in den Magen geht. Deshalb kommt auch sofort nochmal Gewitzel und zuletzt die komplett sinnfreie Anmerkung, man werde als nächsten dann John Lennon ins Totenreich holen.

Nur die Nebelmaschine hat von Anfang bis Ende exzellente Arbeit geleistet. Habe noch nie einen so wunderbaren Bühnennebel gesehen. Mit einem Soundtrack von Friederike Bernhardt, der auf Tonträger erscheinen sollte. Neben Details zwei starke Gründe, sich die Verstückung anzusehen. Echt jetzt!



THE BOY NAMED SUE

dobler Neu bei Edition Tiamat, 192 S.

Inhalt: Zwischen Country und Free Jazz, Johnny Cash und 39 Clocks und einem Konzert in Dachau, geht es selten um das Abhaken von Aktuellem, aber immer um das Schreiben an sich, als wäre der Musikbericht eine Short Story oder das Kapitel eines Romans. Ein Lesebuch für alle, die nicht eine Schublade, sondern Musik lieben.

AUS DEN MEMOIREN EINES ZERSTREUTEN MUSIKLIEBHABERS – der Untertitel mit seinem „Aus den…“ ist nicht nur eine ironische Anspielung auf einen romantischen Standardtitel, sondern trifft zu: In der Einleitung steht der erste Musikartikel, den ich am 12.8.1978 veröffentlichte. Die folgenden Texte sind chronologisch/thematisch angeordnet. Etwa 40 Seiten davon sind neu bzw. unveröffentlicht.

Die veröffentlichten Texte erschienen in Tageszeitungen und Magazinen, einige hier im Block, und ergeben auch einen Zeit- und Lebensspiegel. Der in einigen Fußnoten ergänzt wird. Hier z.B. die Fußnote 17:

„Ich erinnerte mich, dass mich zwei Jahre zuvor ein Rolling Stone-Redakteur auf der Buchmesse gefragt hatte, ob ich wieder einmal für das Magazin was schreiben wolle. Ich wollte nichts versprechen, auch nicht, als ich hörte, dass sie für eine Seite 150.- zahlen würden. 1995 hatte ich meinen einzigen Artikel für den RS geschrieben,“ – (der übrigens nicht im Buch ist) – „auf Einladung von Redakteur Benjamin von Stuckrad-Barre. Er hielt sein Versprechen, dass niemand den Artikel „bearbeiten“ würde, und erzählte dann, er hätte ihn gegen alle verteidigen und durchboxen müssen. Vorwurf: das sei alter Spex-Jargon, unverständlich. Daran erinnerte ich mich. Unsicher, ob ich was dazugelernt hatte.“